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ARK-XXII/1c - Wochenbericht Nr. 7

9.  –  15. Juli 2007 (Woche 28)

Montagmorgen erreichte die „Polarstern“ ihren Liegeplatz im Adventfjord von Longyearbyen auf Spitzbergen. Während der Anfahrt durch den Isfjord begegneten wir einem Kreuzfahrtschiff, der „Albatros“, die gelegentlich auch in Bremerhaven Passagiere an Bord nimmt. Nachdem „Polarstern“ um 9 Uhr vor Anker gegangen war, begann der Transport von Fracht und Gepäck der Expeditionsteilnehmer des Hakon Mosby–Fahrtabschnitts. Nach dem Mittagessen wurde dann mit dem Personentransport begonnen. Die Stewardessen an Bord hatten mittlerweile emsig die Kabinen gereinigt und für die Neueinsteiger hergerichtet. Um 16 Uhr waren alle wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer an Bord, und der letzte Fahrtabschnitt der Arktisexpedition ARK XXII/1 konnte beginnen. Eine Arbeitsgruppe stellte kurz nach dem Ankerlichten fest, dass ihre komplette Fracht an Bord nicht aufzufinden war!  Solange nicht feststand, ob sich die Ausrüstung denn überhaupt auf Spitzbergen befindet, war an eine Unterbrechung der Fahrt nicht zu denken. Telefonate mit dem Agenten auf Spitzbergen und der beauftragten Transportfirma brachten zutage, dass die Fracht fälschlicherweise nach Island geschickt wurde. Da ihr Arbeitsprogramm eng an das einer anderen Gruppe gekoppelt war, arbeiten sie inzwischen gemeinsam  mit deren Geräten.
Am nächsten Morgen erreichten wir bereits die erste Station des Fahrtabschnitts. Hier wurden eine Verankerung und ein Lander geborgen, die im Jahr zuvor mit der „Maria S. Merian“ ausgebracht worden waren. Begünstigt durch gutes Wetter, dass im Übrigen die Woche anhalten sollte, gestaltete sich das Auslösen und Aufnehmen problemlos. Es folgte ein enges Arbeitsprogramm mit CTD, Wasserschöpfer, Multicorer und Großkastenreifer. Während der Nacht von Montag auf Dienstag erreichten wir eine Position, an der wir auf ein lockeres Treibeisfeld stießen – mit unzähligen Digitalkameras wurden die Eisschollen aus allen möglichen Blickwinkeln fotografiert. Am Dienstagmorgen konnten in dichter Folge drei Lander mit unterschiedlicher apparativer Bestückung zum Meeresboden geschickt werden. Zwei von ihnen sollen bis zum Ende der Reise in der Tiefsee bleiben und als stationäre Trägerplattformen für Experimente dienen. Der darauf folgende Tauchgang des ferngelenkten Unterwasserfahrzeugs QUEST diente neben dem gezielten Ausbringen von präparierten Sedimentstechrohren auch dem Ziel, zumindest die beiden der ausgebrachten Lander aufzusuchen, die rund neun Tage am Boden bleiben sollten. Während die Inspektion des einen Geräteträgers zeigte, dass alles perfekt funktionierte, offenbarte der andere Lander, dass die Messinstrumente nicht korrekt in das Sediment eingedrungen waren. Unverzüglich begannen wir mit der Vorbereitung, das Gerät auszulösen, um die Anordnung der Messinstrumente zu ändern. Parallel dazu begann QUEST mit dem Aufstieg. Innerhalb einer Stunde wurde der Lander neu programmiert und erneut ausgesetzt – am Ende des Fahrtabschnitts werden wir genauer wissen, ob die Geräte jetzt besser arbeiten.
Donnerstag wurden auf der südlichsten Station des HAUSGARTEN-Observatoriums zwei weitere Verankerungen ausgelöst und geborgen – alle Instrumente und die in verschiedenen Tiefenstufen angebrachten Sinkstofffallen haben über die letzten zehn Monate  einwandfrei funktioniert. Sowohl das Aufnehmen wie auch das Ausbringen von mehr als zwei Kilometer langen Verankerungen erfordert mehr Deckspersonal als andere Arbeiten, so dass diese Aktionen vornehmlich tagsüber erfolgen. Während der Abend- und Nachtstunden – deren Unterscheidung durch die ständig am Himmel stehende Sonne kaum möglich ist – werden andere Geräte eingesetzt.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag kam ein geschleppter Foto- und Videoschlitten zum Einsatz. Nach dem mehrstündigen Einsatz sollte einer der vor zwei Tagen ausgesetzten Lander wieder zur Oberfläche zurückgeholt werden. Dazu werden durch ein vom Schiff ausgesendetes akustisches Signal Ballastgewichte abgeworfen, die dazu führen, dass der Lander Auftrieb bekommt und zur Meeresoberfläche aufsteigt. Ausgerechnet an der Stelle, an der wir den Lander positioniert hatten, hielt sich ein hartnäckiges, auf den Satellitenfotos kaum auszumachendes Treibeisfeld. Da der Lander nicht mit Auslösern ausgerüstet war, die mit unserem Unterwasserpositionierungssystem kommunizieren können, und die Eisbedeckung etwa 50 Prozent ausmachte, wurde das Auslösen des Landers verschoben. Wenige Meilen weiter südlich kam das ROV erneut zum Einsatz, um an einem vor vier Jahren an der südlichsten Station des HAUSGARTEN installierten, etwa 12 m langen Strömungskanal zu arbeiten. Freitag der 13. machte auch hier seinem Namen alle Ehre: kaum 40 Meter abgetaucht, trat ein technisches Problem auf, so dass das ROV noch einmal an Bord gehievt werden musste, um den Fehler zu beheben. Anschließend ging es 2350 m tief zum HAUSGARTEN-SÜD.  Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den aus Metallelementen bestehenden Kanal zu lokalisieren, wurde er schließlich gefunden. Neben Sedimentproben in der unmittelbaren Umgebung und in der Einlassöffnung wurde einer der über die gesamte Länge des Kanals aufliegenden Deckel angehoben und ein Messinstrument in den Strömungskanal gesetzt. Mit diesem Mikroprofiler können physikalische und chemische Messwerte wie z.B. Sauerstoffgehalt und pH-Wert in hoher räumlicher Auflösung im Sediment gemessen werden. Vergleichsmessungen außerhalb des Kanals haben die erwarteten Unterschiede ergeben, deren wissenschaftliche Interpretation in Kombination mit bodennahen Strömungsmessungen und den Ergebnissen der Sedimentproben ansteht.
Samstag und Sonntag wurden wir für die kleineren Schwierigkeiten des vorangegangenen Tages reichlich entschädigt: eine Fischfalle brachte rund 30 riesige Aalmuttern an Deck, die augenscheinlich zwar unter dem enormen Druckunterschied zwischen Tiefsee und Meeresoberfläche sowie der höheren Wassertemperatur in den oberen hundert Metern der Wassersäule litten, aber unverzüglich in vorbereitete Seewassertanks im Kühlcontainer überführt wurden. Einer unserer Lander wurde ausgelöst und brachte erste Daten, die von einem in der Tiefseeforschungsgruppe neu entwickelten Mikroprofilersystem gewonnen wurden, mit an Bord. Das Neue an dem sogenannten 3-D-Profiler ist, dass über eine computergesteuerte Verfahreinheit ein mit Mikroelektroden bestückter Messkopf nacheinander an unterschiedliche Positionen gefahren wird, so dass man ein dreidimensionales Bild des physikalisch-chemischen Mikromilieus der oberen 10 bis 15 Zentimeter im Sediment erstellen kann. In Kombination mit Sedimentproben können so Verteilungsmuster von Organismen im Sediment mit abiotischen Parametern, die unter Umgebungsbedingungen gemessen wurden, korreliert werden. Auch der Lander, den wir am Freitag aufgrund der Eisbedeckung nicht ausgelöst hatten, konnte aufgenommen werden – das Eisfeld hatte sich ein wenig verlagert und die Aussetzposition freigegeben.

Alle an Bord sind wohlauf und senden herzliche Grüße nach Hause!
Michael Klages



 
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