ANT-XXVI/3, Wochenbericht Nr. 4
22. Februar - 28. Februar 2010
Eine sehr ereignisreiche Woche begann zunächst recht monoton. Nach dem Verlassen des Wrigley-Golfs setzten wir das schon vor einigen Tagen begonnene seismische Messprofil entlang des Kontinentalfußes bis in das Amundsenmeer fort. Mit über 1500 km ist es das längste durchgehende Seismikprofil der Antarktis und verbindet das recht gut vermessene Rossmeer mit früheren Profilen im Amundsenmeer. Zum ersten Mal können somit die Sedimentationsabfolgen zwischen den beiden großen Ablagerungsgebieten der Westantarktis aus der Zeit vor den ersten Vereisungszyklen bis in die jüngste Vergangenheit verglichen werden. Der seismische Streamer und seine Registriergeräte verrichteten tagelang zuverlässig ihre Arbeit. Die Eissituation zum Eingang in die Amundsenmeerbucht sah vielversprechend aus. Überhaupt lassen die Satellitenkarten zur Zeit die Forscherherzen höher springen, denn in diesem Jahr hat die Meereisbedeckung im pazifischen Teil der Antarktis ein Minimum erreicht und macht viele Gebiete auf dem Kontinentalschelf zum ersten Mal zugänglich. Doch nur wenige Stunden nach Kursänderung in Richtung Schelf trieben immer größere Eisschollen auf das Schiff zu, angetrieben von einem starken Südostwind. Nun hieß es, den Streamer schnell an Deck zu holen, um zu verhindern, dass sich das teure 3 km lange Messkabel mit seinen Tiefensteuerung-’Birds‘ an Eisschollen verhakt, Schaden nimmt oder gar auseinanderreißt. Er wurde durch unseren älteren und wesentlich kürzeren Streamer ausgetauscht, der aber immer noch gute Daten liefert. Diese Austauschaktion wiederholte sich des öfteren, denn die Satelliteneiskarten waren nicht immer zuverlässig.
Nach dem Eis kam der nächste Schrecken: Die magnetische Messsonde, die an einem 20 m langen Kabel unter dem Helikopter hing, war beim Landeanflug an Deck zerborsten. War das das Ende der Messflüge? Und gerade jetzt, wo wir eine günstige Flugwetterphase hatten und wichtige Lücken eines Messgebiets der letzten Expedition in 2006 hier schließen wollten! Mit geschickter Handwerkskunst wurde die Messsonde unter hohem Zeitdruck von der Besatzung aus der Maschine zusammen mit dem Helimag-Team gerade noch rechtzeitig wieder zusammengebaut. Die geomagnetische Vermessung der Amundsenmeerbucht konnte nun fortgesetzt werden... Die Daten sollen uns Aufschluss geben, wie der tektonische Untergrund unter den vom Eisschild transportierten Sedimenten aufgebaut ist. Zum Beispiel erodieren tektonische Verwerfungszonen oft schneller als ihre ungestörte Umgebung und bilden ein Relief, welches die Fließrichtung von Wasser und Eis für eine lange Zeit bestimmt.
Überglücklich landeten unsere Ozeanographen wieder auf dem Helikopter-Deck. Auf einer großen Eisscholle hatten sie ein neues Messgerät zur Bestimmung von Wassertemperatur und Salzgehalt in unterschiedlichen Wassertiefen erfolgreich getestet. Diese so genannte Heli-CTD-Sonde kann vom Hubschrauber transportiert und auf Eisschollen abgesetzt werden, was den großen Vorteil hat, dass auch dort, wo das Schiff nicht hinkommt oder mit anderen Arbeiten beschäftigt ist, gemessen werden kann. Wie schon im Wrigley-Golf geht es auch hier um die spannende Frage, wo das warme zirkumpolare Tiefenwasser auf den Kontinentalschelf gelangt und weiter in Richtung der Gletscher weitertransportiert wird.
‚Polarstern, Polarstern, this is the Oden‘. Ein Funkruf durchbrach die Ruhe der frühen Morgenstunden auf der Brücke. Der schwedische Forschungseisbrecher Oden war nur wenige Seemeilen entfernt von uns. An Bord dort arbeiteten Forscher aus den USA und Schweden an geologischen Untersuchungen, die sich mit unseren Arbeiten wunderbar ergänzten. Man kannte sich, und wir nutzten die Gelegenheit, ein Team von Wissenschaftlern mit einem unserer Hubschrauber zur Polarstern zu holen. Karten und Informationen wurden ausgetauscht und die Einrichtungen der Polarstern besichtigt. Nach einer Stunde mussten unsere Gäste wieder zur Oden zurück. Solch ein Schiff-zu-Schiff Besuch ist in diesen entfernten und einsamen Regionen der Antarktis immer ein besonderes Ereignis, an das man sich noch lange erinnern wird.
Wir sind jetzt an der Schelfeiskante des gewaltigen Pine-Island-Gletschers, des Gletschers bzw. Eisstroms, der zusammen mit seinem benachbarten Thwaites-Gletscher und ihren Einzugsgebieten das Potenzial hat, den Meeresspiegel um 1,5 m ansteigen zu lassen, wenn er komplett abschmelzen sollte. Wird sich das Wetter verbessern, so dass die Geologen und Geodäten an ihre Ziele auf dem Festland fliegen können? Weiter geht‘s nächste Woche....
Mit herzlichen Grüßen von allen Fahrtteilnehmern
Karsten Gohl




