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Fahrt durch die Magellanstraße (Foto: Marcelo Arevalo)

ANT-XXVI/2, Wochenbericht Nr. 1

27. November - 4. Dezember 2009

Am 27.11.2009 gegen 22:30 hieß es „Leinen los“ auf FS Polarstern und damit Beginn der Expedition ANT-XXVI/2. Abfahrtsort war die Bunkerpier Cabo Negro unweit der chilenischen Hafenstadt Punta Arenas. Hier hatte Polarstern den Tag über 1400 m3 Marine Diesel für die lange Reise bis nach Neuseeland gebunkert.  Hier war gegen Mittag auch die Mehrzahl der wissenschaftlichen Expeditionsteilnehmer an Bord gegangen, nach einem anstrengenden Marsch mit Sack und Pack über die lang gezogene Bunkerpier. Über 30 Stunden waren sie von Europa, den USA, Hawaii, Korea und Neuseeland unterwegs gewesen, um rechtzeitig vor Auslaufen in Punta Arenas einzutreffen. Sieben Wissenschaftler waren bereits einen Tag früher an Bord gegangen, als Polarstern noch an der Mardones-Pier am Rande von Punta Arenas gelegen hatte. Sie hatten bei der Entstauung von Expeditionsgütern geholfen und begonnen, die Laborräume einzurichten. Diese Arbeiten gingen mit Hochdruck weiter solange sich das Schiff noch in den ruhigen Gewässern der Magellanstraße befand. Wegen des um fast 5 Stunden verspäteten Auslaufens in Cabo Negro wurde die engste Passage der Magellanstraße, an der die schnee- und eisbedeckten Bergmassive Feuerlands und Patagoniens dicht an uns heranrückten, im Morgenlicht des 28.11. gequert: eines der wenigen „touristischen Highlights“ der bevorstehenden langen Reise auf der wir sonst nur eines sehen würden: Wasser, Wasser, Wasser. Leider trübten schlecht Sicht, Regen und kalte Winde trübten dieses Ereignis. Kein Wetter für spektakuläre Fotos! An Bord befinden sich 45 Besatzungsmitglieder sowie 43 Wissenschaftler, Techniker und Hubschrauberpersonal. Die wissenschaftlichen Teilnehmer, darunter 17 Frauen, sind international bunt gemischt, kommen aus Chile, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Korea, Malaysia, Österreich, Schweiz, Spanien und den USA.


 

Erste Eisbergsichtung am 29. November 2009 (Foto: Susanne Fietz)

Schwerpunkt der Expedition ANT-XXVI/2, die FS Polarstern zum ersten Mal über den gesamten polaren Südpazifik nach Neuseeland bringen wird, sind marin-geowissenschaftliche Untersuchungen. Begleitend sollen entlang der gesamten Fahrtroute bathymetrische und sedimentechographische Vermessungen stattfinden. Dies wird ergänzt durch Probennahmen von Staub aus der Atmosphäre, hydrographische und biologische Untersuchungen in der Wassersäule sowie Messungen zum Gasaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre. Ziel der Arbeiten ist es, Funktion, Entwicklung und Wirkung klimarelevanter Mechanismen wie biologische Pumpe, Zirkulation und Stratifikation von Wassermassen, Meereisausdehnung, Austausch zwischen Atmosphäre und Ozean, Atmosphärenzirkulation und das Volumen und die Dynamik der Antarktischen Eisschilde auf geologischen Zeitskalen zu erfassen. Bislang liegen dazu nur wenige Ergebnisse aus dem pazifischen Südozean vor, der Bildungsgebiet von Wassermassen und darüber hinaus Schlüsselregion für das Verständnis der Geschichte und Dynamik antarktischer Eisschilde ist, da ca. 70% des westantarktischen Eises in den polaren Südpazifik abfließen.

Unmittelbar nach Verlassen der Magellanstraße, am Vormittag des 28.11., kam rasch Bewegung in das Schiff, ausgelöst durch 3-4 m hohe Wellen im Pazifischen Ozean. Folge des Stampfens des Schiffes: die Reihen der Mitfahrer lichteten sich und der Bordarzt hatte alle Hände zu tun, um Mittel gegen Seekrankheit zu verteilen. Die meisten liefen nun mit bleicher Nase und dem berühmten Pflaster hinter dem Ohr herum, immer das nächste stille Örtchen im Visier. Nach Verlassen der chilenischen Hoheitsgewässer (200 Meilenzone) am 29.11. wurden die akustischen Geräte zur Vermessung der Meeresbodentopographie (Fächerecholot HYDROSWEEP) und der Sedimentverteilung (PARASOUND-Sedimentecholot) sowie das Seegravimeter in Betrieb gesetzt und die erste Beprobungsstation durchgeführt. Der erste Kolbenlot-Sedimentkern hat eine Länge von mit einer Länge von 18 m und dokumentiert die Klimageschichte der letzten 600.000 Jahre. Ein guter Beginn! Auch der Multicorer, mit dem die Oberflächensedimente beprobt werden, wurde erfolgreich eingesetzt.


 

Deutsch-chilenische Zusammenarbeit an Deck (Foto: Susanne Fietz)

Probleme ergaben sich mit dem Fluorometer an der CTD-Sonde und mit dem Multinetz, die aber bereits in den folgenden Tagen behoben werden konnten. Nach dieser Teststation für die Geräte, bei der auch die Arbeitsabläufe der verschiedenen Arbeitsgruppen auf einander abgestimmt wurden, war es Zeit, zur Jagt auf die Meteoriten zu blasen. Bereits 24 Stunden nach der ersten Station (am ersten Advent) wurde das Gebiet der Freden-Tiefseeberge (Seamounts) erreicht, in das vor ca. 2.5 Millionen Jahre ein Kilometer großer Asteroid mit einer Geschwindigkeit von ca. 70000 Stundenkilometer eingeschlagen ist. Gigantische Energiemengen wurden dabei freigesetzt. Ein über 20 km großer Wasserkrater wurde geschlagen, der bis zum Tiefseeboden bei 5000 m reichte und aus dem mit Überschall ca. 100 Kubikkilometer Wasser zusammen mit Tiefseesediment und Meteoritenbruchstücken in die hohe Atmosphäre geschleudert wurde, Schockwellen breiteten sich über den Meeresboden aus, eine 200-300 m dicke Sedimentschicht, die sich in 40 Millionen Jahren auf den Freden Seamounts abgelagert hatten, wurde förmlich weggeblasen und der Meeresboden unter dem kochenden Ozeanwasser weiträumig umgepflügt. Am Rande des Wasserkraters stieg ein kilometerhoher Wellenring auf und breiteten sich schnell flacher werdend mit einer Geschwindigkeit von ca. 700 km weltweit aus. Bereits 1-2 Stunden nach dem Einschlag wurden die Küstenregionen der Westantarktis und Südamerikas von einem bis zu 100 m hohen Tsunami verwüstet. Stunden später lagerten sich auf dem verwüsteten Ozeanboden die aufgewühlten Sedimente und die aus der Atmosphäre zurückfallenden Meteoritenbruchstücke im Einschlaggebiet ab. Das alles hatten vorherige Untersuchungen und Modellierungen ergeben. Wir wollten diese Befunde komplettieren und endlich den noch unbekannten genauen Einschlagort („ground-zero“) des Asteroiden finden. Modellierungen des Einschlagereignissen hatten Hinweise auf diesen Ort gegeben. Nach „Durchleuchtung“ der Sedimentabfolgen mit Hilfe von PARASOUND wurden acht Positionen ausgewählt an denen bei Wassertiefen zwischen 3000 und 5000 m bis zu 23 m lange Sedimentkerne mit dem Kolbenlot aus dem Meeresboden „herausgestanzt“ wurden. Kein einfaches Unterfangen, die Meteoritenlage unter den 2.5 Millionen Jahre alten Ablagerungen anzustechen. Wir haben es schließlich an drei Positionen geschafft und weitere Daten aus einem bislang unbearbeiteten Gebiet bekommen. Der durch die Modellierung postulierte Einschlagort konnte aber nicht zweifelsfrei gefunden werden.


 

ANT-XXVI/2-Elch mit „Sternenstaub“ (Eltanin-Meteoritenlage links neben Elch) (Foto: Ulrich Breitsprecher)

Vor Verlassen des Einschlaggebietes wurden die Freden Seamounts über 18 Stunden seismisch vermessen. Leider gab es erhebliche Störungen bei der Aufzeichnung der Daten. Wir sind nun auf dem Weg in ein neues Untersuchungsgebiet. Die Meteoriten-Sedimentkerne sind bereits geöffnet. Sie dokumentieren gewaltig Zerstörungen des Meeresbodens und massive Meteoritenlagen. Am Sonntag wird es eine Meteoritenschau im Geologie-Labor geben und alle Mitreisenden können ihre Hand auf den 4.5 Milliarden Jahre alten „Sternenstaub“ legen und dabei mit einem Gläschen Sherry auf die Ergebnisse der Meteoritenjagd anstoßen. Doch noch ein „touristisches Highlight“! Davor standen aber Nerven zerreibende (für den Fahrtleiter) und harte Arbeit rund um die Uhr für alle (nichts für Kreuzfahrer!). Wir haben dabei in der ersten Woche bereits 185 m Sedimentkern gewonnen. Alle Kerne werden derzeit im Schichtbetrieb sedimentphysikalisch gemessen, weitere Sedimentkerne geöffnet und dokumentiert.

Der Wettergott hat es bislang gut mit uns gemeint: Wellenhöhen nur bis zu 3-4 Meter und selbst die Sonne hat sich gezeigt. Also Superwetter in den so genannten „Screaming Fifties“. In einer Woche mehr aus den „Roaring Forties“, in denen der Nikolaus an Bord kommen soll. Hoffentlich wird er nicht seekrank. Alle Mitreisende sind gut gelaunt, verstehen sich hervorragend (trotz mancher Sprachbarriere) und sind gesundheitlich wohlauf.

Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)


 
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