Druckversion dieser Seite
PDF-Version dieser Seite

 

Die Multinetzdamen bei erfolgreichem Einsatz ihres Gerätes (Foto: S. Fietz)

ANT-XXVI/2, Wochenbericht Nr. 7

10. Januar 2010 – 17. Januar 2010

Ab 10.1.2010 ging es von unserer südlichsten Position wieder nach Norden mit Richtung Wellington (Neuseeland). Nur noch 15 Tage und wir würden wieder Land sehen. Die Rücksendung von Expeditionsgütern und Probenmaterial wird per E-Mail mit dem Schiffsagenten in Wellington vorbereitet. Sehr bunte Einreiseformulare werden verteilt. Man teilt uns mit, dass das Schiff im schwer gesicherten Containerhafen am Aotea Quay anlegen soll. Dort wird alles, war wir an Land tragen, peinlich genau kontrolliert. Hat vielleicht jemand Wanderschuhe, an denen noch Erde oder im schlimmsten Fall Samenkörner von anderen Kontinenten klebt? Hat jemand in den letzten 30 Tagen ein lebendes Huhn angefasst? Die Einfuhr von Lebensmitteln ist strengstens reguliert, das meiste ist untersagt. Beim Agent werden Lebensmittel für Verpflegung während des Hafenaufenthaltes bestellt, denn alle auf Polarstern mitgeführten Lebensmittel müssen weggeschlossen und versiegelt werden.

Noch zwei Wochen zur Fertigstellung des Fahrtberichtes, in dem alle wissenschaftlichen Aktivitäten während der Reise und Forschungsvorhaben dokumentiert und ausgeführt werden. Es liegt bereits ein detailliertes Konzept vor, wer schreibt was, welche Tabellen, welche Karten werden benötigt. Alles wird zusammen geführt und dann werden erste Entscheidungen gefällt werden, wie die verschiedenen Arbeitsgruppen and welchem Material am erfolgreichsten zusammenarbeiten können. Wo ergeben sich Verknüpfungen, wie lässt sich die versammelte Expertise am besten bündeln? Nach den gemeinsamen Anstrengungen während der Expedition, wo im Schichtbetrieb während 24 Stunden durchgearbeitet worden ist, und manche zum ersten Mal in schwerer See an ihre Grenzen gestoßen sind, wollen wir nicht wie ein Hühnerhaufen auseinander laufen. Die Zauberworte sind: Vertrauen, Kooperation, Multidisziplinarität, Verlässlichkeit.


 

Sonnenuntergang im tiefen Süden (Foto: Young Nam Kim)

Aber bevor wir am 26.1. in Wellington aussteigen liegt noch ein über 1700 Meilen langer Untersuchungsschnitt vor uns, auf dem wir die Wassermassen und die Sedimente von der im Winter meereisbedeckten Zone des Südozeans bis zur Grenze zu den Subtropen beproben wollen. Darüber hinaus wollen wir an mindestens vier Stationen weitere Vorarbeiten für das Bohrprogramm durchführen. In der Eisbergzone, die im Winter mit Meereis bedeckt ist, werden die Sedimente mit nur geringen Raten aufgebaut. Die 10-17 m langen Sedimentkerne, die wir in dieser Zone südlich des Pazifisch-Antarktischen Rückens gewinnen, reichen deshalb zeitlich weit zurück, manche bis über 4 Millionen Jahre in das so genannte Pliozän. Dies ist eine Zeit mit etwas höheren Treibhausgaskonzentrationen als heute. Auf der Nordhemisphäre gab es keine großen Eismassen wie heute auf Grönland und auch die antarktischen Eisschilde waren kleiner. Der Meeresspiegel war bis zu 25 m höher als heute und das globale Klima wesentlich ausgeglichener. Wir können diese interessante Klimageschichte, die durchaus Analogien mit zukünftig wärmeren Klimazuständen aufweist, an diesen Sedimentkernen untersuchen.

Auf dem Weg nach Norden setzen wir nun auch wieder die CTD mit Rosette zur Messung der physikalischen Eigenschaften, der biologischen Produktion und Beprobung der Wassersäule ein und fangen parallel dazu mit einem Multinetz das mikroskopisch kleine Plankton in den oberen 100 m der Wassersäule. Dieses Gerät wird vertikal durch die Wassersäule gelassen und besteht aus 5 Netzen, die, gesteuert über einen elektrischen Impuls, in verschiedenen Tiefen geöffnet und geschlossen werden können. So können wir mit einem einzigen Einsatz das Mikroplankton in verschiedenen Tiefenstufen fangen. Wir sind hauptsächlich an solchen Mikroorganismen interessiert, die kalkige oder kieselige Skelette oder Gehäuse aufbauen, die in den Sedimenten als Anzeiger früherer Umweltbedingungen überliefert werden. Mit unseren Untersuchungen wollen wir mehr über ihren Lebensraum und damit über das von ihnen repräsentierte Umweltsignal lernen.


 

Der „schwarze“ Eisberg mit Vogelmotiv in der Mitte als Suchbild (Foto: Young Nam Kim)

Im Süden wird es nachts nicht mehr dunkel. An manchen Tagen sehen wir einen farbenprächtigen Sonnenuntergang umrahmt von Eisbergen, der schon 2 Stunden später von einem noch farbenprächtigeren Sonnenaufgang gefolgt wird. Obwohl wir auf unserem letzten Untersuchungsschnitt keine seismischen Untersuchungen mehr machen, sie sind während des folgenden Fahrtabschnittes geplant, müssen wir südlich 60 Grad Süd weiterhin besondere Auflagen des Umweltbundesamtes zum Schutz von Walen einhalten. Auf allen Beprobungsstationen muss zumindest ein Wissenschaftler auf der Brücke sein, der nach diesen Tieren Ausschau hält. Wir müssen sicherstellen, dass unsere akustischen Anlagen sofort abgestellt werden wenn Wale näher als 100 m an das Schiff heranschwimmen. So wird die Umgebung des Schiffes immer genauestens beobachtet. In der „Nacht“ vom 10.1 zum 11.1. sichtete die Walwache einen kleinen Eisberg auf dem ein riesiger schwarzer Stein zu liegen schien. Das sprach sich wie ein Lauffeuer auf dem Schiff herum und die Brücke füllte sich schnell mit weiteren neugierigen Beobachtern. Da der Eisberg auf unserem weiteren Weg lag fuhren wir nach Ende der Station und bei einem weiteren schönen Sonnenaufgang an ihm vorbei. Kein Stein aus der Antarktis sondern dunkel gefärbtes Eis sahen wir da. Leider konnten wir diesen Eisberg nicht beproben, um herauszufinden wie die Färbung zu Stande kommt.

Wir sind erstaunt darüber, dass wir die Zone mit geringen Salzgehalten im Oberflächenwasser, die wir an unserer südlichsten Station angetroffen haben, auf unserem Weg nach Norden auf einer Strecke von 900 km verfolgen können, immer verbunden mit einem sehr hohen Planktonvorkommen. Unsere Messungen der Austauschraten des Treibhausgases CO2 zeigen, dass in dieser Zone CO2 aus der Atmosphäre in den Ozean gezogen wird. Der Kohlenstoff (C) wird hier vom Plankton in organische Substanz umgewandelt. Wir fahren damit durch eine große Kohlenstoffsenke.


 

Die lustige Gerätetruppe an Deck (Foto: S. Fietz)

Kaum waren wir über den Pazifisch-Antarktischen Tiefseerücken hinweg war es vorbei mit der ruhigen See. Wegen aufkommendem Schlechtwetter und drohenden Wellenhöhen über 7 m mussten wir erneut einen Ausweichkurs steuern, abreiten, wieder zurückdampfen und dann einen weiteren Anlauf nehmen Richtung Wellington: frei nach der Echternacher Springprozession (zwei vor einer zurück) und dazwischen noch schnell eine Station an der Polarfront. Und dann passierte das Ungeheuerliche: der 13.1., an dem wir doch noch zwei zusätzliche Stationen geplant hatten, fand nicht statt, einfach gestrichen, weg! Gerade war noch Dienstag, einmal geschlafen und schon war Donnerstag. Der 13.1. war beim Überqueren der Datumsgrenze verloren gegangen und wir bewegten uns wieder 12 Stunden vor der Zeit in Deutschland.

Beim zweiten Anlauf nach Norden schafften wir es bis zur Subantarktischen Front, machten einen Sprung von 320 Meilen (ca. 600 km), immer gegen 8 Windstärken und 4 – 4.5 m hohe Wellen, aber ohne Chance für Stationsarbeiten. Dann hatten wir es (und es war wohl das letzte Mal auf unserer Reise) überstanden, das extreme Schlechtwetter war an uns vorbeigezogen. Wir fuhren erneut Jojo, hinter dem Schlechtwetter Richtung Süden, schafften noch drei Stationen und konnten so unser Beprobungsprofil zwischen Eisrandgebiet und Subantarktischer Front vollenden. Über 900 m Sedimentkern (Gewicht ca. 11 to) haben wir nun an 64 Stationen gesammelt und dem Schlechtwetter erfolgreich getrotzt.

Alle Mitreisenden sind wohlauf (auch dem Fahrtleiter geht es wieder besser). Im Namen aller!

Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)


 
Druckversion dieser Seite
PDF-Version dieser Seite