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Arbeiten an Deck: Die CTD (links) kommt aus dem Wasser, das Kolbenlot wird zum Einsatz vorbereitet. (Foto: S. Fietz)

ANT-XXVI/2, Wochenbericht Nr. 6

2. Januar 2010 – 9. Januar 2010

Wir hatten das Wetterfenster um den 31.12.2009 – 1.1.2010 genutzt, um nördlich der Polarfront noch zwei Stationen mit Einsätzen von Kolbenlot, Multicorer und CTD  bei Wassertiefen zwischen 4100 und 3700 m durchzuführen. Zwei bis zu 21 m lange Sedimentkerne konnten gewonnen werden. Sie dokumentieren die Klimageschichte der letzten ca. 1 Million Jahre, haben damit eine geringere zeitliche Auflösung als wir in diesem Gebiet erwartet haben. Trotzdem sind wir sehr zufrieden, denn diese Sedimentkerne enthalten neben kieseligen Mikrofossilien (Kieselalgen, Silikoflagellaten, Radiolarien) auch kalkige Mikroorganismen (Kalkalgen, Foraminiferen) in z. T. hohen Konzentrationen. Die Altersbestimmung der Sedimente lässt sich mit Hilfe dieser Mikrofossilien bereits an Bord durchführen, denn wir haben Experten für alle Mikrofossilgruppen dabei. Die ersten Auswertungen zeigen, dass sich diese Sedimentkerne gut eignen, die Abkühlungsgeschichte der antarktischen Breiten zu rekonstruieren.
An einer dritten Station wurde noch einmal der MUC eingesetzt, um unser Netz an Oberflächenproben zu erweitern, aber das Schlechtwettergebiet näherte sich mit Macht, die Windstärke stieg schnell auf 7-8 Beaufort (da bläst es dann mit ca. 70 km/h), die Wellenhöhen auf 4-5 m und große Gischtfelder bauten sich auf. Der MUC versagte und wir brachten die Station ab, um vor dem Tiefdruckgebiet nach Süden zu flüchten. Da Wind und Wellen sich in unserer Fahrtrichtung bewegten, „surften“ wir förmlich nach Süden, mit Geschwindigkeiten von 12-13 kn (= ca. 23 km/h), trotz „ökonomischer“ Fahrweise. Normalerweise liegt unsere „ökonomische“ Geschwindigkeit zwischen 9-11 kn, wir verbrauchen dann „nur“ ca. 30 t Schiffsdiesel pro Tag. Trotz Schlechtwetter lag das Schiff erstaunlich ruhig und einer ausgelassenen Sylvesterfeier stand nichts im Wege (die besagte Feier am 32. Dezember).


 

Dampfen in schwerer See (Foto: S. Fietz)

Über 200 Meilen ließen wir uns von Wind und See nach Süden schieben, über ein Gebiet hinweg, das wir eigentlich intensiv beproben wollten. Wir blieben aber nicht untätig: die akustischen Signale aus dem Hydrosweep- und Parasound-System gaben uns wertvolle Informationen zur Topographie des Meeresbodens und der Sedimentverteilung. Das was wir sahen war wie Adrenalin: potentielle Beprobungsstationen wurden festgelegt, wir wollten wieder zurück. So beschlossen wir am Abend des 2.1. die Flucht aufzugeben und das Heft des Handels wieder in die eigene Hand zu nehmen. Den schlimmsten Wetterbedingungen mit Wellerhöhen über 7 m hatten wir wegen unserer vergleichsweise hohen Geschwindigkeit ausweichen können. Sie waren nördlich von uns durchgezogen. Aber noch tobte die See und an eine Rückfahrt war nicht zu denken. Das Schiff wurde aufgestoppt und in den Wind gedreht. Es folgen 12 Stunden Schiffsschaukel, die Wellentäler auf- und abgeritten (und keiner hat was dafür bezahlt), wir ließen uns von den Ausläufern des Sturms überrollen.

Dann dampften wir wieder nach Norden, erst langsam dann immer zügiger, bis wir wieder an der Polarfront ankamen, wo sich bereits ruhigere Seegangsbedingungen (bis 3 m Dünung) eingestellt hatten. Dann ging es Schlag auf Schlag: an fünf auf dem Profil bereits festgelegten  Positionen wurden Kolbenlot und MUC erfolgreich eingesetzt. Damit können wir Änderungen von Oberflächenwassertemperatur, Salzgehalt, Meereisverbreitung, biologischer Produktion und Export von biogenem Material über einen Zeitraum von mindestens 160.000 Jahren rekonstruieren, das heißt seit der vorletzten Eiszeit. Zusammen mit den Ergebnissen von unseren anderen Schnitten über den polaren Südpazifik hinweg, lässt sich sogar ein flächenhaftes Bild der klimarelevanten Parameter entwickeln. Dafür mussten wir aber erstmal „Jojo“ an der Polarfront spielen.


 

Die Eisbergkathedrale (Foto: S. Fietz)

Am 7.1. querten wir den Kamm des Pazifisch-Antarktischen Rückens bei Wassertiefen um 3000 m und fuhren weiter nach Süden Richtung Rossmeer. Hier befanden wir uns in einer Tiefdruckrinne, die See war endlich ruhig, fast schon wie ein „Ententeich“. Die Anzahl der Eisberge nahm stetig zu, darunter auch kilometergroße Tafeleisberge, die bis zu 70 m über die Wasserlinie aufragen. Sie sind wahrscheinlich am südlich von uns gelegenen Ross-Eisschelf abgebrochen, einer gigantischen Eisplatte, die stetig Nachschub aus der Westantarktis erhält und sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 2 km pro Jahr auf den Ozean schiebt: eine Quelle regelmäßig abbrechender gewaltiger Eisberge. Sie driften mit der Strömung nach Norden, wo sie langsam zerfallen.

Am 9.1.2010 führten wir bei 68°43´S, 164°48´W inmitten von gigantischen Eisbergen unsere südlichste Beprobungsstation durch. Wir hatten hier eigentlich die Meereisgrenze erwartet, die in den vergangenen Jahren Anfang Januar sogar weiter nördlich gelegen war. Auf Satellitenbildern konnten wir erkennen, dass sie sich in diesem Jahr nur 1-2 Wochen vor unserem Eintreffen weiter nach Süden verlagert hatte.  Das abschmelzende Meereis und die zerfallenden Eisberge hatten dazu geführt, dass sich in den oberen 50-80 m des Ozeans eine Wasserschicht mit geringerem Salzgehalt ausbilden konnte, die nach unten hin wie mit einem Messer gezogen scharf abgegrenzt war. In dieser Oberflächenwasserschicht „brummte“ das Plankton und füllte unsere Netze mit einer braunen Suppe.


 

Lustige Begleiter im Süden (Foto: S. Fietz)

Kein Wunder, dass bei diesem Nahrungsangebot viele Vögel um uns herumflogen, Robben, Pinguine oder etwa Wale wurden allerdings nicht gesichtet. Das Erreichen unseres südlichsten Punktes, gleichzeitig unsere 55. Station, wurde mit einem Grillfest auf dem Arbeitsdeck begangen. Fleisch, Fleisch und noch mal Fleisch in allen Variationen, das auf zwei Großgrills individuell zubereitet werden konnte, darüber hinaus auch noch zwei Spanferkel, diverse Salate und Brotsorten, heruntergespült mit einem frisch gezapften Bier oder einem chilenischen Rotwein, und das alles mit Blick auf die eisigen Riesen.

Nicht neidisch werden.... im Namen aller Mitfahrer!

Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)


 
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