ANT-XXVI/2, Wochenberichte 3+4+5
12. Dezember 2009 – 1. Januar 2010
Die Hälfte der Expedition ANT-XXVI/2 ist bereits vorbei. Wir sind nun im westlichen Südpazifik und werden in den nächsten Tagen zu unserem südlichsten Untersuchungspunkt bei ca. 69 Grad Süd dampfen. Dort erwarten wir die Meereisgrenze, die sich nur langsam nach Süden verlagert. In den letzten drei Wochen haben wir weiter Katz- und Maus mit dem kaum berechenbaren Wetter gespielt, das Verteilungsmuster der Sedimente im pazifischen Sektor verstehen gelernt und natürlich auch Weihnachten und Neujahr gefeiert.
Vor drei Wochen waren wir das erst Mal weiträumig vor Schlechtwetter nach Süden geflüchtet und hatten eine Position südlich 60°S angelaufen, um dort weitere „pre-site survey“-Arbeiten für das Tiefseebohrprojekt durchzuführen. Wir hatten dabei Auflagen des Umweltbundesamtes zum Schutz von Walen innerhalb des Gebietes des Antarktisvertrages zu befolgen. Die geplanten seismischen Untersuchungen mussten bei Tageslicht durchgeführt werden damit die mögliche Annäherung von Walen beobachtet und gegebenenfalls die Seismik unterbrochen werden konnte. Die Walbeobachtungen sollten durch zwei zusätzliche Personen auf der Brücke sowie vom Hubschrauber aus erfolgen. Dazu wurden Wissenschaftler eingewiesen, detaillierte Wachpläne entwickelt und ein Hubschrauber startklar gemacht.
Ein 600 m langer seismischer Streamer wurde von einer Winde über das Heck zu Wasser gebracht. Dabei handelt es sich um einen mit Hydrophonen bestückten Plastikschlauch, der hinter dem Schiff hergezogen wird, über den mit Hilfe von Luftkanonen in den Meeresboden abgestrahlte und dort reflektierte akustische Impulse aufgefangen und zu Messeinrichtungen auf dem Schiff geleitet werden. Damit kann der Meeresboden kilometertief akustisch durchleuchtet und die Schichtung der Ablagerungen aufgezeichnet werden. Alles war bereit, die Wetterbedingungen ausgezeichnet und trotzdem musste das Unternehmen ergebnislos abgebrochen werden: die Aufzeichnungsgeräte an Bord verweigerten beharrlich ihren Dienst. Neben dem unberechenbaren Wetter muss man auf Expeditionen auch solche technische Ausfälle hinnehmen, auch wenn dies manchmal sehr frustrieren ist. Ein Lichtblick: Wir hatten auf der für die Bohrung vorgeschlagenen Position einen 23 m langen Sedimentkern gezogen, der die Klimageschichte der letzten ca. 200.000 Jahre dokumentiert und der zu unserer Überraschung immer wieder fein geschichtete (laminierte) Sedimentabschnitte enthält. Solche Laminationen können Hinweis auf Sauerstoffzehrung durch hohen Eintrag organischen Materials und damit hohe biologische Produktion im Oberflächenwasser sein, ein Befund, der in diesem sehr küstenfernen Tiefseegebiet ungewöhnlich erscheint.
Am 13.12. dampften wir wieder nach Norden, in das Gebiet aus dem wir geflüchtet waren. Wir wollten unsere Beprobungsprogramm am Ostpazifischen Tiefseerücken weiter und dabei auch an einigen Positionen seismische Untersuchungen durchführen. Der Totalausfall der Aufzeichnungsanlage hatte nicht nur den mitfahrenden Seismiker sondern auch die mit allen Wassern gewaschenen Schiffselektroniker in die Eingeweide eines Containers getrieben, in dem diverse Geräte der Geophysik gelagert waren. Und siehe da: nach Ausschlachten eines defekten Gerätes wurde der Ehrgeiz belohnt. Es wurden Komponenten gefunden, um die defekte Aufzeichnungsanlage zu reparieren. Bereits am 14.12 konnte erfolgreich ein Kreuzprofil an einer potentiellen Bohrlokation am südöstlichen Zipfel des Ostpazifischen Rückens durchgeführt werden, wobei eine über 1000 m mächtige (dicke) Sedimentschicht seismisch „durchleuchtet“ worden ist. Auf dem Rücken mit Wassertiefen um 3000 m bekamen wir es wieder mit karbonatreichen Sedimenten zu tun. Sie werden von mikroskopisch kleinen Gehäusen von Einzellern (Foraminiferen) und Kalkalgenplättchen (Coccolithen) aufgebaut. Dieser Sedimenttyp schmeckte leider unserem Multicorer, mit dem wir die Oberflächensedimente beproben, überhaupt nicht. Der ca. 2 m hohe Multicorer landet auf spinnenförmig angeordneten Beinen auf dem Meeresboden, wobei 12 Plastikrohre an einem bleibeschwerten Korb in das Sediment gedrückt werden. Beim vorsichtigen Hieven (Hochziehen) des Gerätes werden diese Rohre automatisch verschlossen. Der Verschlussmechanismus des Gerätes versagte häufig in den karbonatreichen sandigen Sedimenten, aber auch weil die Seegangsbedingungen sich auf unserem Weg nach Norden wieder verschlechterten und das saubere Absetzten des Gerätes immer schwieriger wurde.
Die Wetterbedingungen wurden um den 15.12. dann so schlecht, dass wir erneut von unserer eigentlich geplanten Route abweichen und uns in westliche Richtung orientieren mussten. Damit war es auch bei dem zweiten Anlauf nicht gelungen, weiter nördlich gelegene geplante Bohrlokationen anzulaufen. Es wurde schnell ein Ersatzprogramm für eine neue Wegstrecke Richtung Westen aufgestellt, denn wir konnten nicht Tage auf besseres Wetter warten. Dabei querten wir eine der großen Bruchzonen im Südpazifik. An der Eltanin-Tharp-Bruchzone, die sich sichelförmig über Südpazifik erstreckt ist das Rückensystem des Südpazifiks über eine Länge von fast 800 km versetzt. Auf dem südlich der Bruchzone gelegenen, nur ca. 400 km breiten Rückensegment, das im Süden durch die Udintsev-Bruchzone begrenzt ist, erreichten wir wieder unsere ursprünglich geplante Fahrtroute. Allein, in diesem Gebiet zeigte unser Sedimentecholot PARASOUND keine Sedimentbedeckung an. Das war mehr als rätselhaft und änderte sich erst als wir nahe der Udintsev-Bruchzone in den Bereich von zwei ozeanischen Fronten kamen, der Subantarktischen Front und der Polarfront.
Diese Fronten stellen die Grenzen von West-Ost verlaufenden Strombändern dar, die insgesamt das Zirkumantarktische Stromsystem (ACC) bilden. Der ACC ist das größte Stromsystem, das es auf der Erde gibt und es ist auch das einzige, das die Wassermassen im Atlantik, Indik und Pazifik miteinander verbindet. Die Entwicklung dieser gewaltigen Misch- und Verteilungsstation in dem globalen Strömungssystem ist wesentlich für die globale Klimaentwicklung. Wir gewinnen nun erstmals umfangreiches Probenmaterial aus den Ablagerungen im pazifischen Sektor des ACC´s mit dem sich seine Geschichte in der geologischen Vorzeit über die gewaltige Fläche des polaren Südpazifiks hinweg rekonstruieren lässt. Ziel ist nicht nur die Dokumentation seiner Geschichte sondern auch die Erfassung von klimawirksamen Wechselwirkungen zwischen dem polaren Südpazifik, den tropischen und nordpolaren Breitenregionen während vergangener Kalt- und Warmzeiten. Diese Daten werden auch in globale Bearbeitungen vergangener Klimazustände einfließen, wie dem am 1.1.2010 gestarteten EU-Projekt „Past4Future“. Bei diesem Projekt werden über 200 Wissenschaftler aus europäischen Ländern gemeinsam die Klimabedingungen während der jetzigen (letzte ca. 12.000 Jahre) und der vorherigen (ca. 110.000 – 125.000 Jahre vor heute) Warmzeit weltweit rekonstruieren. Am Beginn dieser Warmzeiten war es für wenige Tausende von Jahren wärmer als heute, der Meeresspiegel bis zu 3-5 m höher. Die globale Datenerfassung und darauf gestützte Klimarekonstruktion und Modellierung soll Hinweise auf die Mechanismen und Auswirkungen solcher „wärmer als heute“-Zustände geben, um die Entwicklung und die Folgen einer zukünftig möglichen weiteren Erderwärmung besser abschätzen zu können.
Im Treppenhaus klebt nun eine Packpapierwand, verziert mit Weihnachtsmotiven. Sie füllt sich Tag für Tag mit Glückwünschen zu Weihnachten und Neujahr, geschickt von Ministerien, Stadtoberhäuptern, Reedereien, Forschungsschiffen und –stationen, Wissenschaftlern und Freunden aus aller Welt. Man denkt an uns in diesen Tagen vor Weihnachten, an denen wir unseren Kurs Richtung Südwest, Richtung Amundsen-/Rossmeer gerichtet haben! Ziel sind zwei große „seamounts“, die auf unseren Karten zwischen 64° und 65°S eingetragen sind und die wir während unserer kurzen Weihnachtspause kartieren wollen. Die Wasser- und Lufttemperaturen fallen stetig dem Nullpunkt entgegen, es schneit gelegentlich. Eisberge werden zu unseren Begleitern.
Am 24.12. werden die Arbeiten ab 15:00 auf das Nötigste reduziert. Geschenke werden gebastelt, verpackt. Dann folgt ein „Empfang“ im „Blauen Salon“, dem Repräsentationsraum auf dem B-Deck. Alles hat sich in Schale geworfen. Die Damen, die sonst nur in Jeans und T-Shirts oder Polarkleidung rumlaufen sind nun fein geschminkt in Kleid oder Hosenanzug, die männlichen Teilnehmer haben sich zumindest eine saubere Hose und ein Hemd angezogen, das vorher noch niemand gesehen hat. Die Schiffsoffiziere und –offizierinnen kommen in voller Uniform und zeigen goldene Knöpfe und Streifen. Er gibt zwei kurze Ansprachen und dann den obligatorischen Glühwein. Das alles vor einem der drei echten Weihnachtsbäume, die im „Blauen Salon“ und den Messen im C- und D-Deck aufgestellt worden sind (sie haben die lange Reise aus Deutschland mit Wurzelballen wohlbehalten in einem Kühlraum bei 4°C überstanden). Das einzige was auf dem ganzen Schiff an Weihnachten fehlt, sind brennende Kerzen. Sie sind aus Sicherheitsgründen streng verboten. Dann gibt es ganz profan wie in manchem deutschen Haushalt zu Weihnachten BOWU und Kartoffelsalat für alle (der Koch braucht auch mal Auszeit) und am Abend eine Party.
Am 1. Weihnachtstag folgte ein etwas umfangreicheres Mittagessen mit Gans und bereits nachmittags wurde das Arbeitsprogramm auf einem neuen Untersuchungsschnitt wieder aufgenommen (die Schiffskosten sind nicht billig!). Die weihnachtliche bathymetrische Kartierung der „seamounts“ hat übrigens ergeben, dass es sie nicht gibt. Wir kennen halt die Oberfläche unserer Erde immer noch weniger gut als die Oberfläche des Mondes oder des Mars. Die folgende Dampfstrecke führte in nordwestliche Richtung über den Pazifisch-Antarktischen Tiefseerücken hinweg Richtung Subantarktische Front. Ein weiterer Sägezahn auf unserem Weg nach Westen. Bis Neujahr sollte dieser Schnitt von 64°S bis 54°S und mit einer Länge von ca. 700 Seemeilen (= 1200 km) abgeschlossen sein.
An der Subantarktischen Front sollte der Übergang ins neue Jahrzehnt gefeiert werden. Auf dem Weg nach Norden wurden 7 Stationen mit Kolbenlot, Multicorer und CTD durchgeführt. Die flachste Station war auf dem Tiefseerücken bei 2840 m, an der wir erneut karbonatreiche Sedimente erwartet haben. Zunächst gab es einen Multicorer mit 10 gefüllten Rohren. Dann, als das Kolbenlot zurück an Bord kam, gab es lange Gesichter. Wir hatten ein15 m langes Rohr an den Gewichtsträger geschraubt und das war weg! Wir wissen bis heute nicht wie das geschehen konnte, denn die Rohrverbindungen waren vor Einsatz geprüft worden. Einzig der so genannte trigger-corer, der das Kolbenlot über Grund auslöst, hat uns einen 90 cm langen Kern geliefert. Die weiteren Stationen konnten erfolgreich durchgeführt werden und ergaben 15 –21 m lange Sedimentkerne, die die Klimageschichte der letzten 300.000 – 600.000 Jahre dokumentieren. Pünktlich zum Jahreswechsel kamen wir an der Subantarktischen Front an. Der Bordmeteorologe hatte uns wie für Weihnachten gute Wetterbedingungen vorausgesagt, einer kurzen Arbeitspause um den Jahreswechsel zu feiern stand somit nichts im Wege und alles wurde für eine Sylvesterparty vorbereitet. Doch dann spielte das Wetter seine Karten aus: aus einem unscheinbaren Tiefdruckgebiet hatte sich innerhalb kürzester Zeit ein massiver Tiefdruckwirbel entwickelt. Und der zog aggressiv mit fast 40 km/h von Westen auf uns zu. Das Wetterfenster für Stationsarbeiten war plötzlich auf die Sylvesternacht und den darauf folgenden Vormittag geschrumpft. Wir mussten uns entscheiden: Party oder Probenmaterial. Kapitän und Fahrtleiter schlugen einen Kompromiss vor: Weiterführung der Stationsarbeiten aber traditioneller Empfang auf der Brücke während des Jahreswechsels, Party am 32. Dezember auf der Flucht nach Süden. Nicht alle fanden das gut, aber wer hat schon eine Sylvesterparty am 32. Dezember in antarktischen Gewässern gefeiert? Nur wir!
Im Namen aller, nachträglich alles Gute für das Jahr 2010 und das folgende neue Jahrzehnt!
Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)
PS.: Ich muss mich hiermit für die verspätete Lieferung der Wochenberichte entschuldigen. Grund dafür ist, dass ich bereits vor Weihnachten während eines schweren Sturms einen Bandscheibenvorfall erlitten habe, der mich für längere Zeit in meinen Bewegungen extrem eingeschränkt hat. Ich konnte auch nicht mehr sitzen und die Schreibarbeiten im Bett waren ebenfalls eine Qual. Die meisten Entscheidungen zur Fortführung der Expedition fielen in meiner Schlafkammer, die deshalb auch immer gut besucht war. Derzeit bin ich auf dem Wege der Besserung und hole nun noch unerledigte Schreibarbeiten nach.
Rainer Gersonde







