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Probennahme an der CTD-Rosette. (Foto: Young Nam Kim)

ANT-XXVI/2, Wochenbericht Nr. 2

Heute am 11.12 sind wir schon zwei Wochen auf See. Die Tagesabläufe mit Frühstück, Mittag, Abendessen, die Wachgänge am Hydrosweep und Parasound, die Arbeiten an Deck und im Labor, die zum Teil im Schichtbetrieb durchgeführt werden, haben sich eingespielt. Die Zeit vergeht im Fluge. Um 18:10 Bordzeit haben wir bei genau 115°07,7´W den sechzigsten Breitengrad in südlicher Richtung überfahren. Wir sind nun in dem Gebiet, das den Regeln des Antarktisvertrages unterliegt. Die Luft- und Wassertemperatur liegen bei 3.7°C, es wird nachts nicht mehr dunkel, wir sind im Südsommer.

Eigentlich wollten wir erst in der nächsten Woche hier sein, aber wir sind auf der Flucht. Bereits vor drei Tagen zeichnete sich ab, dass ein gewaltiges Sturmtief auf uns zusteuert. Wenn wir den ursprünglichen Plan beibehalten hätten, dann wären wir jetzt von brüllender See umgeben, das Schiff würde auf- und abgeschleudert, wir hätten Brecher auf Deck, nichts hätte mehr Halt und wir würden weder arbeiten noch schlafen können. Die uns vorliegenden Daten zeigen in unserem ursprünglichen Zielgebiet für heute mittlere Wellenhöhen von 9.5 m an, ein Inferno! Gut, dass wir zwei Wetterexperten vom Deutschen Wetterdienst aus Hamburg an Bord haben, die uns die Wetter- und Seegangsbedingungen vorhersagen und uns rechtzeitig warnen können. Gut, dass wir uns kurzfristig entschlossen haben, nach Süden zu flüchten, nach dem Motto: „Der Schwächere gibt nach“. Wir sind über zwei Tage 550 Seemeilen (= ca. 1000 km) mit vier Maschinen zu einem südlich 60°S gelegenen Untersuchungspunkt gefahren, den wir gegen Mitternacht erreichen werden. In diesem Seegebiet bewegt sich das Schiff ruhig und sanft, die Wellenhöhen betragen nur 2- 3 m. Wir werden zwar die ganze Nacht und den morgigen Tag durcharbeiten müssen, aber wir hoffen, dass sich unser Entschluss, nach Süden auszuweichen lohnen wird.


 

"Banane" an Deck - ein 25 m Kolbenlot am Meeresboden verbogen. (Foto: Marcel Arevalo)

Vor einer Woche ist der Nikolaus an Bord gekommen. Ganz still und leise hat er nachts eine Runde über das Schiff gemacht und Süßigkeiten verteilt. Ich habe ihn ganz deutlich von hinten im C-Deck gesehen, wie er plötzlich stehen blieb und sich bückte: Da waren doch tatsächlich geputzte Schuhe rausgestellt.

Nach den Arbeiten im Eltanin-Einschlaggebiet sind wir nach Nordwest gedampft, Richtung Ostpazifischer Rücken. Wir haben eine über 5000 m tiefe Rinnenstruktur gequert und dort eine CTD mit Rosette, aber auch den MUC und das Kolbenlot eingesetzt. Die CTD-Sonde („Conductivity, Temperature, Depth“), die an einem Draht zum Meeresboden gefahren wird (Einleiterdraht), über den elektrische Signale zwischen Schiff und Sonde übertragen werden können, werden Leitfähigkeit (Salzgehalt) und Temperatur gegen die Wassertiefe gemessen. Das gibt uns Hinweise auf die Wassermassenverteilung an den Messorten. Ein zusätzlicher Sensor misst die biologische Produktion in der Wassersäule. Die Sonde ist von einem Kranz von 24 Plastikzylindern, die auf elektrischen Befehl in der Wassersäule geschlossen werden können, um Wasserproben (jeweils 11 l) aus den verschiedenen Stockwerken des Ozeans zu ziehen. An den Proben werden die unterschiedlichsten chemischen und biologischen Untersuchungen durchgeführt (u. a. Messung gelöster Nährstoffe, stabiler Isotopenverhältnisse von Sauerstoff und Kohlenstoff, Chlorophyllgehalt, Pigmentverteilung, Mikroorganismenverteilung, Gase). Da die Wassermenge aus den verschiedenen Tiefen begrenzt ist, werden die Proben aus den einzelnen Zylindern nach einem ausgeklügelten Plan verteilt und für die Untersuchungen in den Heimatlaboren auf Flaschen und Kanister gezogen oder aber bereits an Bord filtriert.  Die CTD hat am Boden der Rinne Wassertemperaturen um 0°C gemessen: Hinweis auf kaltes Bodenwasser, das über 4000 km südwestlich im Bereich des Ross-Schelfeises, einer gewaltigen Eisplatte, die auf dem Ozean schwimmt, gebildet wird. Dieses kalte Bodenwasser breitet sich im tiefen Ozean bis auf die Nordhalbkugel aus und stellt eine wichtige Komponente im globalen Strömungssystem. Darüber besonders gefreut hat sich unsere Wissenschaftlerin von der Universität Hawaii. Die in der Rinne gewonnenen Wasser und Sedimentproben werden ihr helfen, Methoden weiterzuentwickeln, um die Bodenwasserbildung und –verteilung im Zusammenhang mit der früheren Klimaentwicklung zu rekonstruieren.


 

Die kleinen Helfer an Bord: Rudi, das Rentier und Addy, der Pinguin untersuchen eine Manganknolle. (Foto: S. Fietz)

Am 6.12. lag eine sichelförmig gebogene Kette von Tiefseebergen (seamounts) auf unserem Kurs, die nach uns vorliegenden bathymetrischen Daten auf eine Wassertiefe von nur 40 m aufsteigen sollten. Das war Anreiz genug, einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen, um diese Bergkette zu überlaufen und dabei zu kartieren. Bei Erreichen des ersten Berges mit einem Durchmesser von ca. 40 km nahmen die Wassertiefen tatsächlich sehr rasch ab. Sein etwa 4 km großes Gipfelplateau hat aber statt 40 m eine Wassertiefe von 500 m. Nichts Ungewöhnliches für die aus dem Pazifik typischen an ihrem Gipfel abgeflachten Tiefseeberge, den so genannten Guyots. Die Tiefseeberge sind nun erstmalig kartiert und werden später von uns einen Namen erhalten. Auf dem Gipfelplateau wurde mit dem Multicorer eine Oberflächensedimentprobe gewonnen, die ausschließlich aus Foraminiferensand besteht. Foraminiferen sind Einzeller, die sandkorngroße gekammerte Gehäuse aus Kalk bauen. Die Artenzusammensetzung, chemische Zusammensetzung des Kalkes und die Isotopenverhältnisse von im Kalk eingebauten Elementen ermöglicht die Rekonstruktion der Umweltbedingungen unter denen die Foraminiferen gelebt haben und damit Rückschlüsse auf Klimabedingungen der geologischen Vorzeit.

Auf dem weiteren Weg zum Ostpazifischen Tiefseerücken waren wir zunächst enttäuscht, da wir am 4000-5000 tiefen Meeresboden keine Sedimente finden konnten, bei denen es sich gelohnt hätte, Proben zu ziehen. Am 8.9.09 wurde schließlich ein „seamount“ mit Sedimentbedeckung gefunden und bei 3000 m Wassertiefe ein 17.26 m langer Sedimentkern gezogen. Auf der weiteren Wegstrecke waren Sedimente im Parasound-Sedimentecholot sichtbar und so konnte in einem Gebiet, in dem die Ozeankruste ca. 40 Millionen Jahre alt ist, so genannte „pre-site survey“-Arbeiten für ein Tiefseebohrprojekt durchgeführt werden. Darunter versteht man eine Kombination von bathymetrischen, seismischen und marin-geologischen Voruntersuchungen, die an für wissenschaftliche Tiefseebohrungen vorgeschlagene Positionen durchgeführt werden müssen. Danach erhielten wir von den Bordmeteorologen die Sturmwarnung und begannen unsere Flucht nach Süden.


 

Eine schöne Vorweihnachtszeit wünschen alle wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer von ANT-XXVI/2! (Montage: U. Breitsprecher)

Tag für Tag werden im Schichtbetrieb von zwei internationalen Arbeitsgruppen Sedimentkerne geöffnet („geschlachtet“), beschrieben, beprobt und darüber hinaus mit Hilfe von Mikrofossilien datiert. Dabei werden die Gruppen von Rudi dem Rentier (Herkunft Schweiz) und Addy dem Pinguin (Herkunft unbestimmt) tatkräftig unterstützt. Sie haben sich u. a. sehr intensiv mit einer Manganknolle beschäftigt, die in einem Sedimentkern gefunden worden ist und dabei gewisse Ähnlichkeiten mit sich und der Knolle herausgefunden. Allerdings ist die Manganknolle sehr viel älter als sie. Wir sind gespannt, was die beiden sonst noch entdecken. Addy hat auf ANT-XXVI/2 auch noch eine andere wichtige Funktion. Er fungiert als Botschafter auf weltweiter Basis und wird von einem Lehrer begleitet, der bei uns als Hilfswissenschaftler angeheuert hat. Mehr dazu im nächsten Wochenbericht.

Alle Mitreisenden sind immer noch gut gelaunt, verstehen sich weiterhin hervorragend (bei abnehmender Sprachbarriere) und sind gesundheitlich wohlauf.

Rainer Gersonde
(Fahrtleiter ANT-XXVI/2)


 
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