ANT-XXV/2, Wochenbericht Nr. 3

Abb.1: Ein kombinierter Bodendruckmesser mit Echolot (PIES) wird zusammen mit seiner Ankervorrichtung per Schiebebalken zu Wasser gelassen.
© realnature
19. Dezember - 26. Dezember 2008
Erster Weihnachtstag, acht Uhr Morgens. Die Decksmannschaft, eine nautische Offizierin und zwei Wissenschaftler warten an Deck, um mit dem Ausbringen einer Verankerung zu beginnen. Die Arbeiten verlaufen routiniert und zügig, Ankerstein, Leine, Geräte und Auftrieb gehen nacheinander zu Wasser und auf Tiefe. Am Nachmittag soll eine letzte Verankerung geborgen werden, dann werden sämtliche Verankerungsarbeiten dieser Reise abgeschlossen sein. Diese letzte Verankerungsaufnahme birgt jedoch eine Ungewissheit: Ausgelegt am 23. Dezember 2002, befand sie sich seit nunmehr 6 Jahren und 2 Tagen im Wasser - eine selten gewagte Zeitspanne. Halten die Batterien des akustisch zu aktivierenden Auslösers wirklich so lange durch? Nominell ja, denn sie wurden in dieser Zeit nicht gefordert; jedoch reagiert die verwendete Batteriesorte gerade hierauf gerne mit Passivierung, könnte sich also weigern, die gespeicherte Energie nunmehr auf ein vom Schiff gesendetes akustisches Kommando abzugeben und den Auslösehaken zu öffnen, obwohl noch hinreichend Reserve vorhanden wäre – eine Trotzreaktion der Technik? Doch wir haben Glück: kurz nach dem akustischen Auslösekommando erscheinen die Auftriebskörper an der Wasseroberfläche, knapp neben einer – hier nun schon selten gewordenen - Eisscholle. Bei Bilderbuchwetter ist die Verankerung in kurzer Zeit geborgen.
Bereits auf der Anreise zur Neumayer-Station waren mehrere Verankerungen ausgebracht worden. Zunächst standen drei PIES (Pressure sensor equipped Inverted EchoSounder) auf dem Programm; kompakte Geräte, die in einer einzigen druck- und korrosionsresistenten Glaskugel Batterien, Messelektronik, Auslösesystem sowie Druck- und Schallgeber vereinen, um über mehrere Jahre hinweg Zeitreihen des Gewichts und der Höhe des sich über dem Gerät befindlichen Wassers zu ermitteln. Die Geräte wurden vom Schiff aus per Kran auf die Wasseroberfläche gefiert und ausgeklinkt. Beschwert durch einen kleinen Anker sanken sie in etwa zwei Stunden auf den Meeresboden in rund 5000 m Tiefe. Die drei ausgelegten Geräte ergänzen eine ganze Kette dieser Messsysteme, die sich seit 2002 von Kapstadt bis südlich des Antarktischen Zirkumpolarstroms spannt. Ergänzt durch eine ähnliche, von französischen und amerikanischen Kollegen betriebene Messkette quer über die Drake-Straße kann anhand der gewonnenen Daten bestimmt werden, wie viel Wasser und Wärme zwischen Atlantik, Pazifik und Indischem Ozean ausgetauscht werden - Prozesse die als Teil des globalen ozeanischen Förderbandes trotz einer Entfernung von mehr als 10.000 km wesentlichen Einfluss auf die Stärke des Golfstroms und unser nordeuropäisches Klima haben.

Abb.2: Der MARU Unterwasserrekorder wird über das Heck von Polarstern zu Wasser gelassen.
© Hans Gerber
Den PIES-Auslegungen folgte das Ausbringen von zwei akustischen Unterwasserhorchstationen mit dem Ziel, langfristig anhand der „Gesänge“ von Walen und Robben Informationen über deren Wanderungsverhalten zu gewinnen. Die beiden Verankerungen – eine Kooperation zwischen AWI und Cornell Universität, USA - ergänzen ähnliche, bereits im April dieses Jahres ausgelegte, Systeme sowie die PALAOA (PerenniAL Acoustic Observatory in the Antarctic ocean) Horchstation des AWI an der Neumayer-Station. Dort wird rund um die Uhr die Unterwassergeräuschkulisse im Schelfbereich aufgezeichnet und per Satellitenleitung ins Internet gestellt: unter www.awi.de/acoustics kann jedermann in die Unterwasserwelt der Antarktis zumindest akustisch eintauchen. Weitere Ergänzungen erfuhren diese Aufnahmen durch mobile Horchstationen, PALAOA-s getauft (s für Satellit), die, zunächst auf dem Festeis und später auf treibenden Eisschollen ausgebracht, Aufnahmen von bis zu zwei Tagen Dauer lieferten und neben der Erfassung der Laute auch die Bestimmung der Position des „Sängers“ erlaubten.

Abb. 3: Vorbereitung eines PALAOA-s Unterwasserrekorders auf einer Eisscholle in einer Entfernung von etwa 130 km Entfernung (1 Flugstunde) vom Schiff.
© Olaf Klatt
Eigens für dieses Experiment waren die Akustiker des AWI zwei Monate vor Beginn dieser Reise per Flugzeug in die Antarktis gereist, um auf dem Festeis der Atka-Bucht bei Neumayer mehrere solcher PALAOA-s Stationen zu installierten. Mit der Ankunft von Polarstern wurden diese Arbeiten eingestellt, während schiffseitig umfangreiche Ladungsarbeiten zur Versorgung der alten und neuen Neumayer-Stationen mit Nahrung, Material und Brennstoff für die kommende Überwinterung begannen. Die auf Polarstern eingeschifften Überwinterer verließen uns und bezogen ihre neue Heimat in der Neumayer-Station, während die dort zuvor arbeitenden Biologen ihre Wohniglus gegen Kammern auf Polarstern tauschten, um mit uns am 20. Dezember per Schiff die Rückreise nach Kapstadt anzutreten und mit Crew und Wissenschaft Weihnachten zu feiern.
Mit besten Grüßen von Bord,
Olaf Boebel


