ANT XXV/2, Wochenbericht Nr. 1

Abb. 2: Finnwalsichtung aus dem Helikopter. Gut sichtbar sind die hellen Barten im geöffneten Maul.
© Hans Verdaat

Abb.1: Einer der Helikopter hebt für einen Walsichtungsflug vom Deck des Forschungseisbrechers Polarstern ab.
© Kristina Lehnert
6. bis 11. Dezember 2008
Kapstadt, den 6. Dezember 2008. Nikolaustag. Eigentlich wollten wir schon seit Stunden auf dem Südatlantik Richtung Süden dampfen, aber noch immer liegt unser Forschungseisbrecher Polarstern in Kapstadt an der Pier. Arctic Diesel heißt der Grund, Treibstoff der für den Betrieb der deutschen Neumayer-Station in der Antarktis dringend gebraucht wird, ist einfach nicht zu bekommen. Der Grund ist eine akute Verknappung an Tankfahrzeugen. In den letzten Wochen sollen die Benzinpreise in Südafrika extrem hoch gewesen sein, so heißt es, seit wenigen Tagen sind sie tief gefallen, und alle Welt will jetzt die Tanks nachfüllen. So kommt es, dass unsere seit Wochen vorliegende Order von 80,000 Litern Arctic Diesel einfach nicht ans Schiff gebracht werden kann. Doch ein Machtwort des Kapitäns bringt die Wendung. Wenn nach nunmehr 18 Stunden Warten die beiden fehlenden Tankwagen nicht umgehend auftauchen, wird dass Schiff ohne sie ablegen, Punkt 14 Uhr. Minuten vor Ende des Ultimatums fahren sie auf die Pier.
Um 16 Uhr Bordzeit heißt es endlich Leinen los. Die Wissenschaft hatte die zusätzlichen Stunden im Hafen bereits genutzt und viele der Geräte ausgepackt, aufgestellt und gelascht. Nur so ist sicherzustellen, dass nicht gleich die erste Welle die teuren Gerätschaften vom Tisch holt. Kurz nach Verlassen der 12-Meilen-Zone stoppt das Schiff auf, um einen Schnorchel durch einen im Schiff befindlichen Schacht, dem Brunnenschacht, ins Wasser hinabzulassen, um dort während der weiteren Reise Seewasser zu zapfen. Ziel dieser Probennahme ist die Untersuchung des oberflächennahen Wassers auf polyflourierte Substanzen, anthropogen erzeugte Chemikalien von hoher Lebensdauer die u.A. zur Imprägnierung von Textilien eingesetzt werden. Während des vorangegangen Abschnittes wurde der Atlantik von Bremerhaven bis Kapstadt beprobt, nun folgt der verbleibende Abschnitt bis zur Antarktis. Die Konzentrationen dieser Substanzen in Luft und Wasser nehmen dabei nach Süden hin immer weiter ab, dennoch wurden aber in frühren Publikationen Anreicherungen dieser Stoffe im Gewebe und Blut antarktischer Robben und Vögel beschrieben.
Am nächsten Morgen beginnt eines der zentralen Projekte dieser Reise: die systematische Erfassung von Walsichtungen. Über Stunden hinweg suchen die Walbeobachter die Meeresoberfläche nach Zeichen des Leviathans ab: Eine ungewöhnliche Welle, Vögel die irgendwo kreisen, den Blas, das kurze Auftauchen einer Finne. Eigentlich beschreibt „Meeresbeobachter“ die Sache besser, denn für weit weniger als 1 Prozent der Beobachtungszeit wird ein Wal gesehen. Ist eine Sichtung gemacht, im besten Fall sogar ein Photo geschossen, beginnt eine engagierte Diskussion zur Art. Bruchteile von Sekunden nur war die Finne zu sehen: Finn- oder Seiwal? - nicht immer kann die Art endgültig bestimmen werden. Hilfreich dabei, die Sichtungsflüge per Helikopter: von dort oben läßt sich das Tier besser bestimmen, länger beobachten, mehrere Photos schießen. So gelingen einige Sichtungen und Identifizierung von ansonsten sehr schwer zu beobachtenden Arten: dem Südlichen Entenwal und dem Layard-Wal. Die mühsame Arbeit kostet ihren Preis: müde fallen die elf Beobachter abends ins schaukelnde Bett. Mit dem nächsten Sonnenaufgang werden sie Ihre Beobachtungspositionen wieder besetzt haben.

Abb.3: Walbeobachter im Krähennest des Forschungseisbrechers Polarstern.
©Hans Verdaat
Zügig geht die Reise voran. Polarstern läuft volle Kraft, um die verlorene Zeit aufzuholen, und das Wetter ist uns mehr als gnädig. Aber auch moderne Satellitendaten werden zur Beschleunigung der Reise herangezogen. Die Region südwestlich von Kapstadt ist gespickt mit ozeanischen Wirbeln, abgeschnürte Elemente des mächtigen Agulhasstroms. Diese Wirbel, bis zu 200 Kilometer im Durchmesser und mit bis zu 2 Knoten Radialgeschwindigkeit, entwickeln hier ein Eigenleben, driften langsam gen Nordwesten, während kleinere, gegendrehende Wirbel dazwischen gebildet werden und nach Südwesten wandern. Würde Polarstern ungünstig in einen solchen Wirbel geraten, könnte dies unsere Fahrt erheblich verlangsamen. Doch wir haben Glück: das genaue Studium der Satellitenkarten zeigt, dass unser Wunschkurs genau zwischen den Wirbeln hindurchführt, und der eine oder andere Wirbel sogar als „Rückenwind“ genutzt werden kann.
Herzliche Grüße,
Olaf Boebel


