ANT-XXIV/3 Wochenbericht Nr. 3

Trauerbeflaggung bei der Neumayer Station (Foto: AWI)

Die Kreuze zu Ehren der tödlich Verunglückten an Unfallstelle bei der Neumayer Station (Foto: AWI)

Die Würdigung der Opfer durch den Fahrtleiter (Foto: AWI)
Sonntag, der 9. März 2008
Dieser Bericht erfolgt mit Verspätung, da es mir schwer fällt, die richtigen Worte zu finden, um von den dunkelsten Stunden in 25 Jahren Forschung auf der POLARSTERN zu berichten.
Genau vor einer Woche erreichten wir die Atkabucht am frühen Sonntagmorgen, nachdem wir am Donnerstag unser Arbeitsgebiet am Meridian von Greenwich verlassen hatten. Das Wetter war deutlich antarktischer geworden als in den vergangenen Wochen. Nach grauen und zum Teil stürmischen Tagen wurden wir mit Sonntagswetter im wörtlichsten Sinne empfangen. Alle freuten sich darauf, nach Tagen der anstrengenden Stationsroutine, einen Tag auf dem Eis mit all den Eindrücken zu genießen, die Antarktisforschung so besonders faszinierend machen. Zwar mussten die Wissenschaftler sich darauf einstellen, auch bei den Lade- und Pumparbeiten mit Hand anzulegen, doch sollte genügend Zeit bleiben, sich am Aufenthalt auf dem Eis zu erfreuen.
Doch als wir um 8:30 Uhr die Nachricht erhielten, dass ein Helikopter beim Personentransport zur Neumayer-Station abgestürzt war, verwandelte sich Vorfreude und Erwartung in Bestürzung und Trauer. Schnell erreichten die Hilfsmannschaften von der Neumayer-III-Baustelle und der Neumayer-Station die Absturzstelle und mussten den Tod des Piloten Stefan Winter und eines unserer Kollegen, Willem Polman aus dem NIOZ, vermelden. Die drei weiteren Insassen waren schwer verletzt. Trotz seiner Verletzungen war es dem Helikopter-Techniker gelungen, die anderen Verletzten aus dem Helikopter zu bergen und per Funk Hilfe anzufordern. Wir bewundern seine Umsicht und Besonnenheit. Die Verletzten wurden so schnell wie möglich mit dem zweiten Helikopter in das Hospital der POLARSTERN gebracht und dort versorgt. Glücklicherweise war es möglich, ihren Zustand schnell zu stabilisieren, so dass wir nicht noch weitere Opfer beklagen mussten.
Sofort wurde im AWI ein Krisenstab eingesetzt, der eine umfassende Unterstützungsaktion einleitete und die Information der Angehörigen und der Öffentlichkeit sowie den Rücktransport der Verletzten und Verstorbenen in beispielhafter internationaler Zusammenarbeit organisierte. Dieser effektiven Zusammenarbeit ist es zu verdanken, dass die Verletzten bereits am Donnerstag im Krankenhaus in Kapstadt angekommen und dort nun in guten Händen sind. Ihr Gesundheitszustand ist den Verhältnissen entsprechend gut. Ihre Rückführung in die Heimat wird am Dienstag erfolgen.
Ich bitte hier um Verständnis, dass ich keine Namen der Verletzten nenne, da wir den Familien ermöglichen wollen, die Verletzten ungestört durch öffentliche Aufmerksamkeit wieder in ihre Arme zu schließen.
Für ausführliche Information zum Verlauf des Unfalls und der anschließenden Rückführung verweise ich auf die AWI Website.
An Bord haben wir uns am Montag zu einer Trauerfeier auf dem Helikopterdeck versammelt, um von den beiden Kollegen Abschied zu nehmen. Willem Polman und Stefan Winter verloren ihr Leben beim schwersten Unfall, den wir während des 25 jährigen Einsatzes der POLARSTERN zu beklagen haben. Mit dieser Feier wollen wir den Angehörigen der Opfer unser tiefes Mitgefühl ausdrücken, uns gegenseitig Trost geben, und unsere hohe Wertschätzung der beiden Opfer vor aller Welt zu zeigen. Unermesslich sind der Schmerz, der Verlust und die Ängste der betroffenen Familien, bei denen wir immer mit unseren Gedanken waren. Wir an Bord und die Angehörigen an Land können sicher sein, mit unserer Trauer und unserem Schmerz nicht alleine zu sein. Eine Flut von Beileidsbekundungen traf aus der ganzen Welt an Bord, im AWI und im NIOZ ein. Wir möchten uns auf diesem Wege für das weltweite Mitgefühl bedanken, das uns die Stärke verliehen hat, diese schwierige Situation durchzustehen. Wir möchten uns auch bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass die Verletzten schnell gefunden, geborgen und behandelt werden konnten und dass unsere verstorbenen Kollegen ihre letzte Reise in die Heimat in Würde antreten konnten. Weiterhin möchte ich all denen danken, die in vielfältiger Weise dazu beigetragen haben, dass die Verletzten optimal versorgt wurden und nun kurz vor dem Rückweg von Kapstadt in die Heimat stehen. Nur wer vor Ort war, kann wirklich empfinden, welche Leistung die Stationsmannschaften von Neumayer und der Baustelle, Besatzungsmitglieder der POLARSTERN, Piloten, medizinisches Personal, Meteorologen, Logistiker und Organisatoren vollbracht haben, um das Ausmaß der Katastrophe zu begrenzen.
Am Dienstag nahmen wir noch einmal im kleinsten Kreise der unmittelbar Betroffenen an der Unfallstelle Abschied von den Opfern. Die Baumannschaft hatte zwei Kreuze am Unfallort errichtet. Als wir uns dort zum Stillen Gedenken trafen, erhob sich die Basler BT-67 mit den Särgen an Bord über unsere Köpfe hinweg zum Flug nach Novolazarevskaja, von wo aus der Weitertransport nach Kapstadt erfolgte. Als Abschiedsgruß neigten die Piloten die Tragflächen zu den Kreuzen hin. Ein würdigerer Abschied eines Polarforschers in die andere Welt lässt sich kaum vorstellen.
Am Mittwoch erfolgte der Transport der Verletzten nach Kapstadt. Am frühen Morgen erschien die Lage hoffnungslos. Es herrschte Schneetreiben. Die Verletzten mussten einer Geduldsprobe entgegen sehen. Doch dann erreichte uns die Mitteilung der Meteorologen: es werde besser, und die Basler sei von Novo gestartet. Wir bewundern den Mut der Piloten und die Kompetenz der Meteorologen, denn es wurde besser. Bei Schneefall startete ein Transport mit Pistenbullies vom Schiff zum Flugfeld. Mit Schmerz über die Trennung und Freude über die Aussicht, diese bald in Kapstadt und bei ihren Verwandten zu wissen, nahmen wir von den Verletzten Abschied. Die Piloten nutzten die kurze Phase der Wetterbesserung, landeten, nahmen die Verletzten an Bord und starteten im letzten Moment, bevor die Bedingungen einen Flug nicht mehr zugelassen hätten.
Als uns der erfolgreiche Start gemeldet wurde, legten wir von der Schelfeiskante ab, und nahmen in der Atkabucht die Forschung wieder auf. Die Ironie des Schicksals bescherte uns bei unserer Fahrt durch die Atkabucht einen sonnigen Nachmittag mit den stimmungsvollen Eindrücken, die für die Antarktis typisch sind. Schönheit und Zauber standen in unmittelbarer Nähe von Schrecken und Trauer. Der entschlossene Wille, unsere Arbeit im Sinne und zum Gedenken an unsere umgekommenen Kollegen fortzusetzen, half uns, unseren Schmerz zu überwinden und wieder zur Forschungsroutine zurück zu finden.
Wir wissen, dass keine Anstrengung unterlassen wird, unsere Arbeit in den Polargebieten mit höchsten Sicherheitsstandards ausführen. Wir mussten erkennen, dass absolute Sicherheit trotzdem nicht erreicht werden kann.
Unser Aufenthalt an der Station diente der Versorgung. Wir haben vor allem Treibstoff und Verpflegung angeliefert. Gleichzeitig haben wir aber auch die wertvollen Eiskerne, die an der Kohnen-Station erbohrt wurden, gebrauchtes Material und Abfall an Bord genommen. Ferner mussten Container an Bord um gestaut werden, um wieder Platz zu schaffen und Material zur Verfügung zu haben, das erst während des kommenden Teils der Reise benötigt wird. Dazu mussten Frachtcontainer von der Ladeluke auf das Eis gestellt werden, die Luken geöffnet und Laborcontainer aus den Laderäumen herausgepackt werden. Nachdem alles auf Schlitten auf dem Eis stand, um es aus dem Ladebereich auf dem Eis entfernen zu können, wurde es in neuer Folge mitsamt der zusätzlichen Fracht wieder herangefahren und eingeladen. Ein Verschiebebahnhof auf dem Schelfeis. Gleichzeitig wurde Treibstoff in Tankcontainer umgepumpt. Das gute Wetter erleichterte die Arbeiten, die zügig voran gingen, doch der tragische Unfall erzwang eine Unterbrechung.
Nach Abschluss der Bergungs- und Ladearbeiten nahmen wir die Einladung des Stationsleiters gerne an, die Neumayer-Station zu besuchen und einen Eindruck von der Arbeit der Überwinterer zu gewinnen. Sie erklärten geduldig die Eigenschaften und die Funktion der Station. Die Verabschiedung der Überwinterer erfolgte dieses Mal mit einem kurzen Innehalten an der Station.
Die Arbeiten auf dem Greenwich Meridian waren durch die stets wechselnde Folge der ozeanographischen und der ultra-reinen CTD in 30-sm-Abstand bestimmt. Langsam bildete sich die hydrographische Struktur des Weddellwirbels in den Messungen heraus, den wir zum Zeitpunkt unseres Ablaufens zur Neumayer-Station bis zum Fuß der Maudkuppe bei 65°30’S durchquert haben. Zwar erfordern die Daten noch umfangreiche Aufbereitungs- und Kalibrierarbeiten, doch die Qualität unserer Geräte ist so hoch, dass wir auch schon an den Rohdaten erkennen können, dass die Temperatur und der Salzgehalt des Weddellmeer-Bodenwassers in den letzten drei Jahren weiter zugenommen hat. Damit setzt sich eine Entwicklung, die wir seit der Mitte der Neunziger Jahre beobachten, weiter fort und die Frage stellt sich noch klarer: Hat die globale Erwärmung die Tiefsee erreicht, oder handelt es sich um eine Fluktuation über den Zeitraum von Jahrzehnten? Da von unseren australischen Kollegen berichtet wird, dass der Salzgehalt des Bodenwassers im Rossmeer und vor dem Adelieland weiter abnimmt, fordert auch dieser Gegensatz eine Erklärung. Wir hoffen, ihr nach der Fortsetzung unserer Arbeiten näher zu kommen, wenn wir die Verteilung der Wassermasseneigenschaften im westlichen Weddellmeer kennen. Dort wird das Weddellmeerbodenwasser in die Tiefsee eingespeist.
Inzwischen sind wir zurück auf dem Meridian von Greenwich und setzten die Arbeiten nach einer Schlechtwetterphase fort.
Unser besonderer Gruß gilt den Angehörigen der verstorbenen Kollegen, unseren verletzten Freunden in Kapstadt und deren Angehörigen und unseren Familien und Freunden, die sich große Sorgen um uns gemacht haben, den vielen Helfern und Unterstützern und schließlich allen, die mit ihren Beileidsbekundungen gezeigt haben, dass sie mit ihren Gedanken in diesen schweren Stunden ganz nah bei uns waren. Die Stimmung hat sich stabilisiert, der Schmerz bleibt.
Mit den herzlichsten Grüßen aller an Bord.
Eberhard Fahrbach


