
Das Eis überkrustete Vorschiff entspricht nicht ganz den Voraussetzungen für einen Osterspaziergang. Foto: Charlotte Lohse

Ein implodierter Auftriebskörper, dessen Glaskugel sich in einen sandartigen Kuchen verwandelt hat. Foto: Charlotte Lohse

Ein vertikal profilierender Driftkörper (Float) geht zu Wasser. Foto: Charlotte Lohse

Eine Schallquelle zur akustischen Ortung von Floats geht zu Wasser. Foto: Charlotte Lohse
ANT-XXIV/3, Wochenbericht Nr. 5
Sonntag, der 23. März 2008
Ostern im Weddellmeer
Ostersonntag im westlichen Weddellmeer: Bei -13°C und 5 Windstärken kamen wir früher als erwartet wieder ins Eis. So wird der Osterspaziergang dem literarischen Vorbild zwar nicht ganz gerecht, doch im Sonnenschein glitzernde Pfannkucheneis-Felder, die sich in der schwachen Dünung sanft wiegen, haben auch ihren Reiz. Wirklich österliche Gefühle kommen in den Messen auf, wo Osterhasen die Wand und die Tische bevölkern.
Zu Beginn der Woche stand die Stimmung an Bord noch stark im Schatten des tragischen Hubschrauberabsturzes vom 2. März. Am Montag fand die Beerdigung von Willem Polman und am Dienstag die Trauerfeier von Stefan Winter statt. Gleichzeitig mit den Feiern an Land stellten wir hier an Bord die Forschungsarbeiten ein und trafen uns zum gemeinsamen Gedenken. In der würdigen Umgebung einer kleinen Feier waren wir mit unseren Gedanken bei den Verstorbenen und ihren Familien. Wir teilen ihren Schmerz. Doch konnten wir mit Freude miterleben und dank Email mitverfolgen, dass unsere verletzten Freunde und Kollegen gut in die Heimat zurück gekommen sind und die Genesung Fortschritte macht. Auch wenn es schwer fällt, den Schmerz zu überwinden, so gehen die Forschungsarbeiten weiter. Die tiefen Lücken, die die Verstorbenen und die Verletzen in unseren Herzen und bei der Arbeit hinterlassen haben, werden, so gut es geht, überbrückt. So wurde aus einem Helikoptertechniker ein Windenfahrer für die „ultra-reine“ CTD. Mit Solidarität und noch weiter verstärkter Anstrengung wird das Programm im Sinne und zur Würdigung der Verstorbenen fortgeführt.
Wir haben inzwischen den Fuß des Kontinentalabhangs der Antarktischen Halbinsel im westlichen Weddellmeer erreicht. Das Programm ist geprägt von der Routine des Fierens und Hievens der „normalen“ und der „ultra-reinen“ CTD und der Aufarbeitung des nicht versiegenden Stroms von Probenwasser. Meist gehen die Profile bis zum Meeresboden, häufig werden aber auch kurze Profile (200 bis 300 m) eingefügt, um große Mengen Wasser zu Experimenten oder zur Extraktion der untersuchten Spurenstoffe zu erhalten. Eine besondere Herausforderung stellen immer wieder die Verankerungen dar, die wir aufnehmen und auslegen.
Für unser Programm spielt die Auslegung von Schallquellen eine besondere Rolle. Um Messungen im Winter und auch unter dem Eis zu bekommen, wurden Driftkörper entwickelt, die in der Tiefe von 800 m ihre Bahnen ziehen. Nach jeweils 10 Tagen tauchen sie zuerst auf 2000 m Tiefe ab und steigen dann an die Oberfläche auf, wobei sie ein Temperatur- und Salzgehaltsprofil messen. Dort angekommen erfahren sie mit Satellitennavigation ihren Ort und geben die Messdaten ab. Soweit das weltweite Argo-System, in dessen Rahmen etwa 3000 derartiger Floats im offenen Ozean unterwegs sind, und zu dem auch wir unseren Beitrag leisten. Unter dem Eis funktioniert dieses Verfahren aber nicht, da die Floats die Oberfläche nicht erreichen können. Deshalb orientieren sich unsere Floats mit Hilfe von Schallquellen und der Laufzeit, der von ihnen ausgestrahlten Signale. Befinden sich die Floats unter dem Eis, so erkennen sie dies, da sich die Wassertemperatur in der Nähe des Gefrierpunkts bewegt, und brechen den Aufstieg an die Oberfläche ab. Erreichen sie das nächste Mal offenes Wasser, so geben sie den gesamten gemessenen Datensatz ab. Auf unserer Reise haben wir bisher 4 Schallquellen aufgenommen und 5 ausgelegt. Leider mussten wir feststellen, dass zwei von den aufgenommenen defekt waren und deshalb ihre Funktion nicht erfüllen konnten. Mit 53 Floats, die wir bisher ausgelegt haben, haben wir das Messnetz signifikant erweitert.
Bei zwei Verankerungen, die wir aufgenommen haben, wurden wir mit einem besonderen Phänomen konfrontiert. Um die Verankerungsleine mit den Geräten senkrecht im Wasser zu halten, sind Auftriebskörper daran befestigt, die in der Tiefsee aus Glaskugeln in Plastikhalterungen bestehen. Nun haben wir bei den beiden letzten Verankerungen von den tiefsten Auftriebskörpern nur noch mit Glasmehl gefüllte, zerfetzte Plastikhüllen vorgefunden. Diese Reste sind eine eindrucksvolle Darstellung der Wirkung des Wasserdrucks nach einer Implosion der Glaskugeln in über 4500 m Tiefe. Das Rätseln über die Gründe ist allerdings noch nicht abgeschlossen.
In der kommenden Woche werden wir unsere Arbeiten über den Kontinentalabhang bis auf das Schelf fortsetzen und zum Wochenende King-George-Island erreichen, wo der zweite Abschnitt der Reise enden wird.
Mit den herzlichsten Grüßen aller an Bord
Eberhard Fahrbach


