ANT-XXIV/2, Wochenbericht Nr. 1
28. November - 5. Dezember 2007
FS Polarstern begann den 2. Abschnitt ihrer 24. Forschungsreise in die Antarktis. Am 28. November gegen 21 Uhr hieß es Leinen los. Mit 98 Personen an Bord, 45 Besatzungsmitgliedern und 53 Personen wissenschaftliches Personal legten wir in Kapstadt ab. Unsere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen von 18 Instituten und 4 Firmen aus Australien, Belgien, Deutschland, Großbritannien, Holland, Norwegen, Schweden, Spanien, Südafrika, Schweiz und den U.S.A. Nach einem sonnig-warmen Frühlingstag und einem farbenfrohen Sonnenuntergang ließen wir in ausgezeichneter Stimmung die funkelnden Nachtlichter Kapstadts hinter uns in einer sternenklaren Nacht, aus der uns das Kreuz des Südens den Weg wies.
Der 28. November war aber auch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll – Polarstern beging (in Abwesenheit) ihren 25 jährigen Geburtstag in Berlin. Zweihundert geladene Gäste, unter ihnen viele Politiker, die von der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel angeführt wurden, ließen sich die Erfolge des weltberühmten Forschungseisbrechers in Erinnerung rufen. Das Ambiente des frisch renovierten Naturkundlichen Museums in Berlin lieferte den passenden Rahmen. In einem direkt von Polarstern aus geführten Telefongespräch mit der Kanzlerin nutzten wir die Gelegenheit, unsere multidisziplinären und international vernetzten Aktivitäten zur Erforschung der Prozesse von Klimaänderungen und deren Auswirkungen im Südozean im Rahmen des internationalen Polarjahres (IPY) vorzustellen.
Der wissenschaftliche Schwerpunkt der Expedition ist drei Projekten des Internationalen Polarjahres IPY gewidmet, die im Einzelnen in den nächsten Wochenberichten vorgestellt werden. Die “Synoptische Studie des Zirkumantarktischen Klima- und Ökosystems“ (SCACE) untersucht physikalische und biologische Zusammenhänge im antarktischen Zirkumpolarstrom (ACC). Der Zirkumpolarstrom ist der weltgrößte geschlossene Wasserring, der ständig die Antarktis umfließt. Wir sind den Mechanismen auf der Spur, die die Produktivität des Südozeans beeinflussen und die den Transport der gigantischen Wassermassen bestimmen. „Gekoppelte Systeme in der Tiefsee“ (SYSCO) untersucht den Einfluss der Kopplung von Vorgängen in der Wassersäule mit denen am Tiefseeboden in ausgewählten Gebieten zwischen der Zone subtropischer Wassermassen und dem antarktischen Kontinent. Die „Lazarevsee Krill Studie“ (LAKRIS) bestimmt die Verteilungsmuster, Lebenszyklen und die Physiologie antarktischen Krills in der Lazarevsee. Eine weitere wichtige Aufgabe unserer Expedition ist der unterstützende eisbrechende Einsatz für die zwei Transportschiffe, die Material für die neue Neumayer III Station anliefern. Zusätzlich wird Polarstern Neumayer II mit Proviant, Material und Treibstoff für die Sommerkampagne versorgen so früh es die Eisbedingungen zulassen.
Während der ersten Tage an Bord haben wir unzählige Kisten ausgepackt und unsere Labore eingerichtet sowie die verschiedenen wissenschaftlichen Geräte auf- und zusammengebaut. Einige von uns mussten sich erst an den langen Schwell der Dünung und den Einfluss der Wellen auf das Schiff gewöhnen. Aber nun warten alle ungeduldig auf die ersten Arbeitsstationen. Auf Planungssitzungen haben wir uns gegenseitig über unsere Aktivitäten informiert und letzte Details abgesprochen. Mit Hilfe der Schiffsbesatzung sind nun alle glücklich und dankbar.
Unsere Stationsarbeiten werden in der Polarfrontzone bei 52°S beginnen. Der starke nach Osten fließende Antarktische Zirkumpolarstrom transportiert in diesem Gebiet Krill und seine potentielle Planktonnahrung über weite Strecken, vermutlich von den South Shetland Inseln und South Georgia in diese Gegend. Um einen Einblick in die aktuelle Verteilung von Wassermassen dieses Gebietes zu erhalten, führen wir seit 42° Süd kontinuierliche Messungen der Temperatur und des Salzgehaltes vom fahrenden Schiff aus durch, um hierdurch die verschiedenen Wassermassen an der Meeresoberfläche zu charakterisieren. Darüber hinaus werden Messungen vom Algenpigment Chlorophyll durchgeführt und der kontinuierlich geschleppte Planktonrekorder fängt das Zooplankton in der Nähe der Meeresoberfläche. Sichtungen und Zählungen von Vögeln, Walen und anderen Wirbeltieren während der immer länger werdenden Tageslichtstunden ergänzen das Programm. Ein mächtiges Tiefdrucksystem mit Windstärken von über 10 verzögert unsere Fahrt.
Polarstern ist ein sicheres, komfortables Schiff und wir sind froh, dass die erfahrene Besatzung unser Leben so angenehm gestaltet, sodass wir unsere Arbeit um so vieles effektiver durchführen können. Die Mahlzeiten sind ausgezeichnet, vielfältig werden gefällig dargereicht.
Am letzten Sonntag, dem 1. Advent, klangen flötenintonierte Weihnachtsmelodien durch die Schiffsgänge als Vorboten geplanter Festlichkeiten. Wir sind alle gespannt und übersenden die besten Wünsche aus einer sehr sturmreichen Gegend an die Lieben auf der Nordhemisphäre.
Uli Bathmann
5. Dezember 2007

Einholen eines wissenschaftlichen Gerätes


