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ANT-XXIV/2, Wochenbericht Nr. 5

27. Dezember 2007 - 3. Januar 2008

5378.9m Wassertiefe – welch ein Druck! Am 29. Dezember erreichten wir die nördlichste Station unseres 3° West Transekts bei 62° Süd; und sie wurde zu unserer bisher längsten. 50 Stunden und 13 Minuten an der nahezu identischen geographischen Position mit dem Ziel, an der gleichen Stelle 5 km tiefer auf dem Meeresboden Proben zu sammeln. Schon die Vorbereitungsphase auf die langen Arbeitsstunden, den hohen Einsatz an Schiffszeit, um die Geräte abzusenken und wieder mit wertvollen Tiefseeproben heraufzuholen, versetzte die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in die eifrige Geschäftigkeit eines aufgeregten Bienenschwarms. Ein Ziel der Expedition ist das Bestimmen und Abschätzen der Austauschprozesse von Energie und Materie zwischen der Ozeanoberfläche und der Tiefsee. Zurzeit befinden wir uns inmitten schmelzenden Meereises und das Plankton im Oberflächenwasser beginnt stark zu wachsen (Planktonblüte). Einiges aus dieser Blüte, aber vor allem Algen aus dem abschmelzenden Eis, sinken schon jetzt Richtung Meeresboden. Dort sind sie offensichtlich noch nicht angekommen, denn die Organismen scheinen noch in winterlicher Ruhe auszuharren.

Wirklich alle? Nein nicht wirklich. Einige Tiefseebewohner sind allzeit bereit. Am Freifall-Lander, den ich im 2. Wochenbericht beschrieben hatte, waren Tierfallen angebracht. Sie ähneln Fischreusen, sind jedoch viel kleiner und enthielten frischen, toten Fisch. Amphipoden (den Flussflohkrebsen verwandt) sind Aasfresser und schwimmen durch einen engen Trichter hinein – können aber nicht wieder entkommen. Tatsächlich hatte eine Falle über 500 Amphipoden in unterschiedlichen Größen gefangen. Die meisten waren nur ein bis zwei Zentimeter lang, aber einige erreichten eine Körperlänge von über 8 cm. Innerhalb eines Tages hatten sie den Fisch bis auf die Gräten abgefressen. Mit ihren angeschwollenen Bäuchen wogen die Tiere jetzt bestimmt das Doppelte ihres ursprünglichen Gewichts. Wer weiß, wie oft die Amphipoden solchen Freudenschmaus dort unten in den schier endlosen Tiefen erleben? Diese Tierarten leben offenbar sehr dicht am Meeresboden, denn die Falle in 33 cm Höhe fing die meisten, dagegen die in 1,50m Höhe gar keine Tiere. Leider war die Elektronik am Lander weniger erfolgreich. Einer von drei Elektromotoren, die die Elektroden in den Meeresboden fahren sollten, wurde undicht. Salzwasser und Strom sind ist eine tödliche Mischung für Elektronik. Noch immer sind Schiffselektroniker und die beteiligten Wissenschaftler unverzagt bemüht alle Schäden zu reparieren.

Wo wir schon mal im Tiefseeschlamm stecken! Alle fünf eingesetzten Bodengreifer sanken dieses Mal zu tief ein. Der Grund war ein sehr weiches Sediment mit hohem Wassergehalt. Anstelle von Proben mit ungestörter Oberfläche hatten wir nun übervolle Rohre und Kästen, sehr zum Unbehagen der Biologen und Geochemiker, die mit der Sedimentoberfläche arbeiten wollten. Der positive Aspekt dabei ist, dass wir nun Proben aus bis zu 50 cm Bodentiefe haben, wobei ein Zentimeter Bodenschicht etwa einem Alter von 1000 Jahren entspricht. Die Akkumulationsrate am Tiefseeboden, also die Ablagerungsrate von Bodenschichten, ist hier äußerst gering. Ist dies nicht ein schöner Blick zurück in der Zeit?

Erfolgreicher waren zwei andere Geräte, das Agassiz Netz und der Epibenthosschlitten. Das Agassiz Netz ist im Wesentlichen ein 3 m breiter und 1 m hoher Stahlrahmen, der ein starkes Netz aufspannt. Das Netz wird vom langsamen Schiff (1 Knoten Fahrt) über den Meeresboden gezogen und sammelt dabei alle Objekte auf oder direkt unter der Bodenoberfläche ein. Nach neun langen Stunden Schleppzeit (8000m Kabellänge waren notwendig, um das Gerät an den Meeresboden zu bekommen) überfluteten 2 Tonnen grauer Tiefseeschlamm das Achterdeck. Das feine Sediment dringt in alle Poren unserer treiben Heimstädte ein. Schon bald hatten sich die ehemals orangefarbenen, ölzeugbewehrten Wissenschaftler der Tiefseefarbe angepasst. Schaufelweise wurde der Tiefseeton in Siebe gefüllt und mit reichlich Wasser durchspült. Die gefundenen Tiere wurden wohlbehalten mit Eimern in die Labore und Kühlcontainer getragen, wo sie dann unter dem Lichtmikroskop im Detail betrachtet und fotografiert wurden. Einen großen Vorteil hat der Schlamm (neben all den kleinen Nachteilen), er schützt die eingebetteten Tiere und deren filigrane Körperanhänge auf ihrem langen Weg durch das Wasser nach oben. Noch ist die Auswertung nicht abgeschlossen, doch schon strahlen glückliche Taxonomen über die reiche Datenfülle und zahllosen Bilder der morphologischen Strukturen.

Der Epibenthosschlitten wird ebenfalls über den Meeresboden gezogen und ist mit zwei engmaschigen Netzen ausgestattet. Eins davon in 33 cm Höhe und eins in 1m Höhe über dem Untergrund. Eine vordere Querstange wirbelt Tiere und Sediment auf, die zusammen mit den über dem Meeresboden schwimmenden Tieren eingefangen werden. Steine fallen unter den Schlitten. Die Netze sind mit einem halben Millimeter Maschenweite deutlich enger im Vergleich Agassiz Netz und entsprechend kleinere Tiere werden gefangen. Die ungeheure Menge an Tiefseesediment in den Netzen hat jedoch alle Tiere gleichermaßen schonend und vollständig zu Tage gefördert.

Gute Planung und harte Arbeit zahlen sich aus. Da alles wie am Schnürchen lief und die Geräte in geplanter Reihenfolge und Geschwindigkeit eingesetzt werden konnten, hatten wir unsere Arbeiten am Silvesternachmittag um 14 Uhr abgeschlossen. Die nächste Station bei 3°Ost lag 20 Stunden Dampfzeit entfernt, gerade passend um das Neue Jahr 2008 gebührend zu feiern. Die Küchenchefs übertrafen mal wieder alle unsere Erwartungen und leiteten mit einem opulenten Buffet den zauberhaften Abend ein. Zwei kleine Spanferkel, im glänzend braunen Rock und mit zartestem Fleisch erwarteten uns an beiden Enden einer zehn Meter langen Tafel. Verschiedene Salate und Gemüse – manches sogar noch frisch nach über einem Monat auf See – lagen eingebettet neben frisch gebackenen Broten, gut sortiertem Käse und einer reichen Auswahl an Desserts. Seit langem ist es in Deutschland Tradition sich am Silvesterabend über den Fernseh-Sketch „Dinner for One“ zu amüsieren. Auch wir lachten lauthals über die uns auswendig bekannten, zahlreichen Witze. Schon als Kind gehörte für mich dieses Erlebnis zu Silvester. Auf der Brücke wurde zu Mitternacht Sekt gereicht und alle wünschten sich ein Gutes Neues Jahr. Wie bestellt fuhren wir an einem abgerundeten Eisberg vorbei, der mich an eine Klassifikation der Eisberge nach Aussehen erinnerte, männliche und weibliche. Die abgerundeten, weiblichen Berge tragen in sich die lange Erfahrung einer langen Reise durch den Ozean. Sie sind die Hüterinnen vieler Geheimnisse und Beschützerinnen der auf ihr ruhend-treibenden Pinguine. Die steil aufragenden, scharfkantigen männlichen Berge scheinen die Stürme und die unerbittliche Umwelt nicht zu fürchten, und doch wird diese sie eines Tages besiegen.

Im Maschinenkontrollraum fanden wir eine weitere gemütliche Runde. Die feiernden Ingenieure begrüßten fröhlich die zögerlich hereinkommenden WissenschaftlerInnen, die sich so selten in die untere Kraftstation des Schiffes verirren. Zwei Personen feierten am 1. Januar ihren Geburtstag. Und so tanzten wir mit ihnen bis in den nächsten Morgen. Ab 10 Uhr begann die Stationsarbeit erneut, allerdings nicht so leichtgängig wie gewohnt, dennoch erfolgreich. Im Moment arbeiten wir uns bei 3 Grad Ost gen Süden und hoffen am 10. Januar wieder am antarktischen Kontinent anzukommen.

Alles Gute und in der Hoffnung eines erfolgreichen Jahresbeginn 2008 für Sie alle verbleibe ich mit fröhlichen Grüßen

Uli Bathmann


 
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