ANT-XXIV/2, Wochenbericht N. 3
13. Dezember - 19. Dezember 2007
Polarstern hat sich erleichtert. Die logistischen Verpflichtungen der Versorgung der Neumayer II Station sind am Mittwoch den 19. Dezember abgeschlossen. Vor fünf Tagen bei strahlend blauem Himmel und milden 5 Grad Frost rammt Polarstern ihre breite Nase in das 1,5 m mächtige Meereis der Atka Bucht. Umringt von gestrandeten Eisbergen sehen wir die 12 km entfernte Schelfeiskante in der Sonne blitzen. Pinguine und Robben beobachten, wie komisch rot vermummte Gestalten ihre ersten Fußabdrücke im kaltweißen Untergrund hinterlassen. Dunkle Sonnengläser reflektieren nicht nur die stechende UV-Strahlung sondern auch die Bilder der schwebenden Container wie sie von Bord auf Kufenschlitten verladen werden. Diese werden zügig von starken Pistenbullies weggezogen, um dann als Karawane zusammengestellt ihren sicheren Weg über das Meereis zur Neumayerstation anzutreten. 16 Container und 19 Packstücke mit einem Gesamtgewicht von über 150 Tonnen werden entladen. Sie enthalten nicht nur Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände für die Neumayer II Station für das nächste Jahr, sondern auch Waren für den Bautrupp der Neumayer III Station. Im Gegenzug erhält Polarstern 27 Tonnen Material, das Meiste davon Abfall, der aus der Antarktis heraustransportiert wird. Während diese logistische Meisterleistung professionell abgewickelt wird, folgen die Wissenschaftler und einige Besatzungsmitglieder der Einladung die Neumayerstation zu besuchen.
Ein perfekter Tag für einen Ausflug. Seit ihrem Neubau ist die Station mittlerweile unter 12 m mächtigen Schneemassen vergraben. Wohn-, Schlafräume, Büros und Werkstätten können nur über zwei Treppengehäuse erreicht werden oder über die Schneerampen zu den Garagen, in denen die Fahrzeuge vor den Antarktisstürmen sicher untergebracht sind. Aus dem grellen Sonnenlicht tauchen wir ein in das Halbdunkel der -14 Grad kalten Eishöhle. Erst allmählich gewöhnen sich die Augen an das Neolicht und erkennen die beiden parallel verlaufenden Hauptröhren der Station, in denen die Wohn- und Arbeitscontainer aufgereiht stehen. Kommt bitte rein. Lauschige 20°C fühlen sich an wie tropische Hitze. Mögt ihr Kaffee? Die gemütliche Messe dient heute als Sammelpunkt für die organisierten Rundgänge. Die beiden Köche bereiten in der angrenzenden Küche bereits das Abendessen für die 8 Überwinterer und die zusätzlichen 15 Personen vom Bautrupp der neuen Station Neumayer III. Auf der anderen Seite finden sich Funkraum und Hospital, das mit einer direkten Standleitung ins Krankenhaus Reinkenheide in Bremerhaven mittels Telemetrie verbunden ist. Der Stationsarzt, der auch die Aufgabe der Stationsleitung innehat, kann so im Notfall durch Kollegen rund um die Welt unterstützt werden. Labore für die Meteorologie und für seismische Untersuchungen schließen sich an. Etwas abseits finden wir in Seitenröhren die Container für die Nahrungsmittel. Ganz am Ende in einer durch eine starke Wand extra gesicherten Eishöhle stehen 6 Tankcontainer mit je 15 000 Litern Fassungsvermögen.
Zurück an der Oberfläche sehen wir lange Reihen schwarzer Leinen und Kabel, die sich an Aluminiumstangen hängend zu kleinen roten Hütten schlängeln. In diesen Sommerhäuschen, die mit 6 Betten, einem kleinen Tisch, einem elektrischen Ofen und einigen Abstellflächen spartanisch ausgestattet sind, wohnen die Gäste für den Sommer. Mehrere einhundert Meter landeinwärts steht das meteorologische Außenlabor für die Aufstiege der Wetterballons und noch weiter weg das Reinluftlabor für atmosphärische Spurengasmessungen in der Atmosphäre. Auf der gegenüberliegenden Seite der Station, gleich neben der kugeligen Satellitenantenne dreht sich der Flettner Windgenerator magnetisch gelagert im leichten Frühlingswind. Hier werden 5-10% des jährlichen Energiebedarfs der Station erzeugt. Eine kurze Wegstrecke trennt uns noch von der antarktischen Bibliothek. Das Kunstwerk beherbergt eine gut sortierte Sammlung exquisiter Literatur, eine großzügige Stiftung an die Station. Der beige Ledersessel lädt ein zum Verweilen und Entspannen und während der Blick durch das Fenster über die endlosen Eisflächen, wandert wird die Größe der Natur, in der sich die kleinen Menschen bewegen und von der sie so abhängig sind, augenscheinlich.
Das Wetter bestimmt. Naja Arctica, der eisgängig dänische Frachter mit den Bauteilen für die neue Antarktisstation ist erstaunlich schnell in der Atka Bucht angekommen und wartet jetzt auf günstige Eisbedingungen. Eine Meereisentladung, so wie Polarstern sie vorgenommen hatte, kommt wegen der Anzahl und des größeren Gewichts der Container von Naja Arctica, die die Bauteile für Neumayer III enthalten, nicht in Frage. Da ihr Bordkran nur ca. 10 Meter hoch heben kann, muss die Entladung an einer entsprechend flachen Stelle auf die Schelfeiskante stattfinden. Hierfür ist es jedoch noch zu früh. Ein 2 Seemeilen breiter Gürtel aufgetürmter und zusammen gefrorener Meereisschollen blockiert für alle Schiff undurchdringlich die möglichen Entladepositionen. Wir müssen einfach den nächsten kräftigen Südsturm abwarten, der dann hoffentlich diesen Packeisgürtel aufreißt. Polarstern hat es da deutlich besser. Wir liegen an der 35 m hohen Schelfeiskante wo inmitten eines Eisbergfriedhofs eine große Küstenpolynia eisfreies, tiefblaues Wasser an die glänzende Eiskante schwappt. Diese offenbart eine Abfolge von Schnee und Eisschichten, die Baumringen gleich ein Bild der Veränderung des jährlichen Schneefalls widerspiegeln. Die warme Sonne formt im Zusammenspiel mit den kalten Nachtwinden eine Phalanx bizarrer Eiszapfen, die ins tiefdunkle Blau des kristallklaren Wassers zeigen. Unter Wasser setzt sich das Eiskliff fort und verschwindet in frostiger Tiefe. Inzwischen hat der Helikopter den schwarzen Tankschlauch vom Deck des Schiffes auf die Schelfeiskante geflogen und nacheinander werden den Tag und die folgende Nacht hindurch die 16 Tankcontainer der Neumayer Station mit Arctic Diesel und Kerosin befüllt. Alles läuft problemlos ab und schon bricht sich Polarstern wieder den holperigen Weg durch das Meereis der wissenschaftlichen Stationsarbeit entgegen. Ein letzter Blick mit Gruß zurück an den antarktischen Kontinent.
Wir wurden vorzeitig beschert, trotz der schweren logistischen Aufgaben. Das Wetter ist weiterhin beständig ruhig und das Eis kaum in Bewegung.
Während der letzten Tage musste die Wissenschaft zurücktreten, doch dies ändert sich gerade. Die Wissenschaftler stehen in den Startpositionen. Zu Weihnachten und über Neujahr werden wir wenige Stunden die Arbeit ruhen lassen ansonsten aber die knappe Zeit effektiv nutzen. Dennoch schreiten die Weihnachtsvorbereitungen an Bord eifrig voran und vielen Geheimnisse gilt es zu bewahren, keine geringe Aufgabe bei fast 100 von Beruf her Neugierigen. Mal sehn was sich so ereignet. Knisternde Anspannung schleicht durch die Gänge und findet Einzug in die Kammern, ob wissenschaftlich getrieben oder in weihnachtlicher Vorfreude. Ich werde es berichten.
Für jetzt wünsche ich vorab schöne Weihnachten und ein geruhsames Fest!
Uli Bathmann
an Bord Polarstern bei 70°35´S und 9°03`W

FS Polarstern bei der Entladung an der Meereiskante.

Naja Arctica


