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ANT-XXIV/2, Wochenbericht Nr. 7

11. Januar - 16. Januar 2008

Hurra! Die logistischen Aufgaben sind erfüllt. Heute (16.1.) früh um 2:20 Uhr nach 8 schweren Tagen Kampf hat Polarstern für Naja Arctica die lang ersehnte Pier an der Schelfeiskante geschaffen. Die Geschichte, die lange Zeit als Drama zu enden drohte, hat so ihr glückliches Ende gefunden. Alles begann mit Eis.

Meereis, Schelfeis, Festeis, sogar zum Nachtisch – Eis! Polarstern war von Eis umschlossen. Für über einer Woche kämpften wir, um eine Pier für die Naja Arctica zu schaffen, damit diese endlich die Bauteile für die neue Antarktisstation Neumayer III entladen kann. Die Stimmung war angespannt an Bord und an Land, und das aus mindestens zwei Gründen. Die drei Forschungsprogramme zum Internationalen Polarjahr, die die derzeitige Polarsternexpedition prägen, haben kaum ihre minimalen Ziele ereicht; ein Programm hat noch nicht einmal beginnen können; und in etwa einem Monat wird das sommerliche Temperaturoptimum vorüber sein. Nur ein enges Zeitfenster verbleibt, den Aufbau von Neumayer III winterfest zu machen, denn nach kurzem, sturmreichen Herbst wird der herannahende Winter den Kontinent eisig umklammern und alles einfrieren. Die Zeit verfliegt und das Wetter bestimmt das Geschehen. Lassen sie mich die Hintergründe genauer erklären.

Die Eisgeschichte beginnt Mitte Dezember als Polarstern in das sehr langsam aufbrechende Wintereis am nördlichen Rand des Wedellwirbels einfährt. Jeden Winter friert der Ozean um die Antarktis auf einer Fläche von U.S.A –Größe zu. Das Meereis taut im nächsten Sommer (Januar) bis auf wenige Randstreifen am Kontinent direkt am Schelfeis wieder auf. Im Gegensatz zum 1 bis 2 Meter dicken Meereis wird Schelfeis aus dem bis zu 4000 m hohen Kontinentaleis der zentralen Antarktis gespeist, das ein Alter von mehreren hunderttausend Jahren hat. Sehr langsam fließt es seewärts und dünnt sich auf wenige hundert Meter Dicke aus, sobald die Gletscherzungen den Ozean belecken. Dort über dem Kontinentalsockel der Antarktis schwimmt es auf. Allmählich brechen dann die mächtigen (männlichen) Eisberge ab, die entweder davon driften oder an flacheren Stellen des Kontinentalschelfs stranden.

Kurz vor Weihnachten erreichte Polarstern die Atka-Bucht, rammte sich eine Entladestelle ins Festeis und versorgte die Neumayer-Station (siehe Wochenbericht 2). Naja Arctica, der Route Polarsterns durch das dichte Meereis folgend, legte dann am 18. Dezember in diesem Eishafen an und blieb dort bis heute Mittag geschützt liegen. Festeis bildet sich ebenfalls beim Ausfrieren von Meerwasser, hängt jedoch fest an den Küsten oder wie in unserem Fall am Schelfeis der Atka-Bucht. Drücken Stürme und Strömungen das treibende Meereis gegen das stabile Festeis, türmt es sich auf und es bilden sich stabile Eisbarrieren aus übereinander geschobenen, wieder zusammen gefrorenen Eisschollen. Diese Ridges erreichen Höhen über 5 m und reichen bis zu 15m tief ins Wasser. Und genau das sahen wir im Dezember 2007 entlang der Atka-Bucht, dort wo die Höhe der Schelfeiskante unter 12 m bleibt und somit erreichbar für die Entladekräne der Naja Arctica gewesen wäre. Zwei Baukräne, die im zerlegten Zustand je 40 Tonnen wiegen, können nicht über dieses Meereis transportiert werden.

Ausgedehnte Erkundungsflüge mit Polarstern´s Hubschraubern und eine sorgfältige Analyse der Situation durch die Kapitäne von Polarstern, Naja Arctica, ihren Offizieren, dem Fahrtleiter und der Bauleitung von Neumayer III am 20. Dezember, erbrachten das einstimmige Ergebnis: Die Situation ist zu verfahren für eine sichere Entladung oder Erfolg versprechendes Brechen des Eises. Denn zusätzlich hatte sich ein geschlossener Meereispanzer vor das Festeis geschoben und behinderte stark die Manövriermöglichkeiten von Polarstern. Schlechte Nachrichten für den Bautrupp, denn die ersten Zeitmarken verstrichen, ab denen spätestens mit dem Bau begonnen werden sollte, um die äußere Hülle der neuen Station vor dem nächsten Winter fertig zu stellen. Polarstern konnte sich also kurzzeitig und auf Abruf den wichtigen Forschungsaufgaben in der Lazarew See widmen, die drei zentralen Forschungsprojekten im Internationalen Polarjahr gewidmet sind, die ich in den vergangenen Wochenberichten vorgestellt habe. Der Forschungsausflug endete abrupt. Das Meereis war einer offenen Polynia vor der Atka-Bucht gewichen. Am 7. Januar brach Polarstern eine Schneise in den 3 Kilometer breiten Festeisgürtel vor dem Nordanleger der Neumayer-Station am Schelfeis.

Tag und Nacht rammten wir. Zuerst durchpflügte der Bug das Eis, getrieben durch die Wucht von Polarsterns mächtigen 11 000 Tonnen Masse, begrub quietschend brechende Eisschollen unter sich, bis an ein 200m breiten, 8 m tiefen Ridge von über 3 km Länge. Mehr als 100 cm Schneeauflage schmiegten sich an den massiven Stahlrumpf und adsorbierten alle kinetische Energie wie in weichen Sofakissen. Das feuchte Weis saugte an der Außenhaut und verklebte sie fest mit dem sich auftürmenden harten Untergrund aus blauem Eis mit braungrünem Algenboden. Volle Kraft zurück, Ballastwasser in die hinteren Tanks, nur so entkam Polarstern, sich leicht nach hinten neigend, der kalten Klammer. Der nächste Versuch, wieder einige Meter erkämpft! Der Negativ-Rekord des Vortrieb eines Tages betrug gerade 90 m. Allerdings war der Kanal auf 200m Breite angelegt, damit das Gemisch von Eis und Schnee langsam nach hinten in die Küstenpolynia treiben konnte.

Der herbeigesehnte Sturm zog auf. Windstärken bis Beaufort 9 versprachen helfendes Aufbrechen der massiven Eisflächen. Polarstern entrann der Mausefalle des selbst geschaffenen Kanals hinein in Meereis, das schnell zu einer weiteren Barriere zusammen getrieben werden könnte – alles ist hier unten möglich. Bittere Enttäuschung nach zwei Tagen: Fast unverändert starrte trutzig das Meereis uns entgegen, sekundiert  noch durch weiteres Eis aus dem Osten. Satellitenfotos zeigten es deutlich: Im Westen und Osten schwarze Wasserflächen, nur im Bereich der Atka-Bucht massive Eiskonzentrationen. Auch der Wetterbericht sagte keine Änderungen voraus. Zurück in den Kanal, auf zum weiteren Rammen, die Aufgabe war noch nicht erfüllt! Die Wissenschaftler trugen diese Entscheidungen mit, aber sie liebten nicht deren Konsequenzen: Die raren, kostbaren Schiffstage gingen an die Logistik und der Wissenschaft verloren.

Was könnten wir in der verbleibenden Zeit noch erreichen? Wir saßen über Daten, zogen erste Schlüsse und setzten Prioritäten neu. Wichtige Informationen aus der Süd-Ostecke des Gebietes fehlten den Ozeanographen und Krillforschern bereits. Ein IPY Projekt hatte noch nicht einmal begonnen. In ihm sollte Polarstern den Deutschen Beitrag liefern, einer zwischen 10 Nationen koordinierten, zeitgleichen Bestandsaufnahme von Physik und Biologie rund um die Antarktis. Wassermassen sollten beschrieben, Ozeanströmungen vermessen und in Beziehung gesetzt werden zur Steuerung der biologischen Produktion. Die gesuchten regionalen Unterschiede in der Aufnahme von Energie und Kohlenstoff (als CO2) im Zirkumpolarstrom bilden die entscheidende Grundlage zur besseren Abschätzung der Rolle des Südpolarmeeres im globalen Klimageschehen. Es sieht so aus als müsse die internationale Gemeinschaft auf den Deutschen Beitrag aus der Ostecke des Südatlantiks verzichten. Was werden wir noch schaffen? Diese Frage lässt sich erst beantworten, wenn das Eis geknackt ist.
Leichte Winde aus Südost und Südwest vertrieben weiter das Meereis vor der Polynia, waren aber zu schwach das Festeis zu beeindrucken. Polarstern verbreiterte weiterhin den Kanal, und der Eisbrei trieb seewärts und schaffte so den Platz den Naja Arctica später einmal zum Manövrieren und Wenden brauchen würde.
Am Montag besuchten wir erneut die Neumayer-Station. Mit der Bauleitung wurde das weitere Vorgehen abgestimmt, Pläne und Ideen ausgetauscht. Beide Seiten des Unternehmens erörterten, die des Neubaus an Land und die der Wissenschaft auf See. Die einstimmige Meinung bestätigte sich: Polarstern unternimmt alles in ihrer Macht stehende, die logistischen Ziele zu erreichen, und Neumayer nimmt wahr, welche weit reichende Opfer von Doktoranden, PostDos, angehende Privatdozenten und Projektleiter gebracht werden müssen.

Es ging weiter. Kapitän Pahl verfolgte seine neue Strategie. Zuerst wurde der Kanal erweitert, sodass Polarstern mit mittlerer Geschwindigkeit in ihm einen Vollkreis fahren konnte. Sanft wie eine kalte Hundeschnauze stupsten die gezügelten 20 000 PS die abgebrochenen, größeren Schollenstücke ganz langsam hinaus in die Polynia. Das Wasser ist ihr Element. Einmal vom Eis befreit schnitt der sichelförmige Rumpf der kreisenden Polarstern Scheiben ab vom hartnäckigen Ridge. Einer rotierenden Fräse gleich, raspelt das Schiff an der Barriere zum Erfolg. Am 16. Januar um 2 Uhr früh war es vollbracht. 400 m Schelfeis waren auf ganzer Länge befreit und bereit als natürliche Pier die 3500 Tonnen Ladung der wartenden Naja Arctica aufzunehmen.

Und nun – einige können immer noch nicht glauben, dass wir wieder beginnen – dampfen wir zur ersten wissenschaftlichen Station auf dem Greenwich Meridian. Nach Norden werden wir ein sehr verkürztes Forschungsprogramm in den uns verbleibenden 14 Tagen Arbeitszeit absolvieren.

Im Juli 2006 leitete ich eine Winterexpedition hier unten und alles verlief plangemäß bei minus 35°C.  Derzeit bei milden minus 1°C, aber mit den logistischen Verpflichtungen betraut, ist das Eis ein schweres Ärgernis, so schön es auch anzuschauen sein mag.

Unverzagtes vorwärts Schreiten, eine kluge Strategie, und harte Arbeit waren die Schlüssel zum Erfolg.

Uli Bathmann und 52 weitere geduldig-ungeduldige WissenschaftlerInnen
 

Atka-Bucht


 
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