ANT XXIII/9, 5. Wochenbericht, 9. März 2007

Ein Lobster muss für das Fernsehen in die Maske.

"Akademik Alexander Karpinsky", das zweite Schiff zur Zweischiffgeophysik

Die Bluegirls werden refraktionsseismische Geschichte schreiben.
Wir haben Lobster an Bord. Lobster (Synonym: Hummer) sind lecker und das wurde ihnen zum Verhängnis: Die Populationen sind weltweit stark dezimiert (das AWI bemüht sich dem mit einer Zucht in Helgoland entgegenzuwirken). Bevor ein Lobster lecker schmeckt, muss er leider gekocht werden, welches ihn heftig erröten lässt. Das ist aber auch das Einzige, was die Scheren mit Schwanz mit unseren Seismometern gemein haben (unbekannt ist noch, ob Lobster ihre zahlreichen Extremitäten auch als Erdbebensensoren verwenden mögen). LOBSTER steht hier in geophysikalischer Auflösung für „Longterm Ocean Bottom Seismometer for Tsunami and Earthquake Research“ und ein geübtes Kreuzworträtselauge erkennt sofort das bereits mehrfach bemühte Akronym OBS im Akronym versteckt. Auffallend die vier Auftriebskörper in rot-orange, manche auch gelb. Daneben ein Titanzylinder gefüllt mit 3-achsigem Seismometer. (Jeder Punkt in, auf und über dieser Erde ist mit drei Dimensionen beschreibbar.) Versenkt und auf dem Meeresboden abgesetzt, registriert das Teil die von den Luftpulsern erzeugten und von der Erdkruste reflektierten Schallwellen. Weitere Zylinder enthalten Elektronik und kältefeste Stromversorgung, ergänzt noch durch ein Hydrophon, welches horcht, was das Meer dazu zu sagen hat. Und wie ein kleiner Hund an der Leine, zieht er ein buntes Klötzchen am Seil hinter sich her, Fanghilfe für die Lobsterfischer. Denn ein Zylinder hat eine besondere Verantwortung: Verbunden mit einem unterliegenden Eisengestell wird er auf unseren Zuruf in einer nur ihm genehmen Frequenz dieses Gestell loslassen und für alle Zeiten dem Meer übergeben (auch eine Form von Eisendüngung). Der Last entledigt, steigt der Lobster an die Oberfläche zurück und vermeldet den suchenden Augen an Deck mit lila Fahne (bei Tag), optischen Signalen (im Dunkeln) und Funkpeiler (bei optischer Orientierungslosigkeit) seinen Schwimmort, auf das man ihn zurückhole in den sicheren Schoß des Schiffes. Auf dem 330 Meilen langen Profil „A“ horchen 22 Lobster den Boden ab und jeder ist auch bei über 4000 m Wassertiefe noch ganz dicht, die gelben noch dichter. 21 sind gegen Ende der Woche wieder an Bord. 22-1=? Fahrtleiter und Bootsmann tauschen Zuversicht aus. (Die Lösung der Rechenaufgabe erfolgt nächste Woche.)
Den Gesetzen zur Reflexion von Schallwellen folgend, müssen Schallquelle und Horchposten möglichst weit auseinander liegen, will man möglichst weit in die Tiefe schauen. Da reichen selbst 22 Lobster nicht. Die Plattengrenzen-Suchprofile werden in einem Zweischiffunternehmen gefahren. Polarstern pulst, Karpinsky horcht. Karpinsky ist die reine schwimmende Seismik. Das Mikrofonkabel ist bald 5 km lang. Da kommen Daten zusammen - ‚exchange‘ in exzellenter russisch-deutscher Zusammenarbeit, nicht nur Daten, auch Personen. Wir tauschen zwei Bluegirls gegen deren Chefgeophysiker - aber nur für ein paar Tage, dann dürfen alle wieder in ihr gewohntes Biotop. ‚Cooperation Sea‘ heißt dieser Teil des großen Teiches - das passt doch wie dafür ausgesucht.
Sie sehen, Alfred Wegeners „Kontinentalverschiebung“ wird hier und jetzt fortgesetzt. Kaum ein Kollege glaubte ihm bei Erscheinen seiner „Entstehung der Kontinente und Ozeane“ (1915). Ihm fehlte der Antrieb um ganze Kontinente rumzuschubsen, er hatte kein Magnetometer und Kissen kannte man nur auf dem Sofa, aber nicht als Lava am Meeresgrund. Insofern war seine Theorie zwar richtig im Ansatz, aber schlicht auf Grund der damals noch fehlenden technisch-analytischen Möglichkeiten nicht schlüssig erklärbar. Das ist heute anders. In Anlehnung an das Galileo Galilei Zitat: „Und sie bewegen sich doch!“ identifizieren und verfeinern wir die Teile, die zu einer detaillierten Rekonstruktion des globalen Puzzles benötigt werden, ein vierdimensionales Superpuzzle in Zeit und Raum. 5000 Teile? Lachhaft! Es gibt Puzzle, da muss man studiert haben, um sie zu lösen und Kontinentalverschiebung wird jetzt „Plattentektonik“ genannt.
Und dann klappt der Heli-Ritter sein gelbgetöntes Visier herunter, schiebt mit geübtem Griff die Turbine auf 40.000 Touren und läßt seine 800 Pferde steigen. Die Lanze wird auf 30 m nachgereicht, Waffenfarbe weiß, Rüstung aus Hartplaste, eine beflügelte Kurzlanze mit stumpfer Spitze am Draht. Während der Hubschrauber auf unspektakulär-konstantem 80 Knoten-Flug unseren Kurs parallelisiert, misst die Lanze - man glaubt es kaum - die Magnetisierung des Meeresbodens unter uns - und das bei mehreren Kilometern Wasser dazwischen! Zwei der erfahrensten deutschen Magnetiker an Bord dulden keinen messtechnischen Widerspruch und wenn die Lanze meint, sich beim Start mal den Gummel platt hauen zu müssen, dauert es keinen Tag, bis per Löt-OP die Innereien wieder gerichtet sind. Vertrauen ist gut - Kontrolle erfolgt durch Redundanz. Am Krähennest sind zwei weitere Magnetometer fest mit dem Schiff verdrahtet. Das hat nur Polarstern. Dieses Schiff vermisst die Welt um sich herum schon allein durch seine Existenz. Magnetik und Schwere der Erde, Kühle und Tiefe des Meeres, Höhe und Blau des Himmels und mit der Geschwindigkeit der Windsbraut noch 100 Variablen mehr, präzise georeferenziert in Zeit und Raum. Und all die Zahlen landen in einem riesigen Datensystem, für jeden einsehbar im Internet, mit dessen Namen „Pangaea“ schließt sich der Kreis zu Alfred Wegener und seinem Superkontinent. Und während wir oben drüber fahren, mit einigen Meilen pro Stunde, rutschen unter uns die Platten weiter, mit einigen Zentimetern pro Jahr. Unsere Reise dauert 10 Wochen, die der Kontinente einige Milliarden Jahre. Vieles relativiert sich hier.
16 von uns fahren auf der Antarktischen Platte mit - die sind nicht vergessen! Beim abendlichen Funk-Tête-à-tête tauschen wir Wetterprognosen gegen Zeit-, Längen- und Gewichtsangaben: Trotz zweitägiger Schneeverwehungen 22 m das kernende Rohr in den See geprügelt und den Kontinent um 6 Zentner Steine erleichtert. Zurück an Bord werden sie das genauer erklären müssen.
Noch ein kurz-comment zur kalten Kulisse: Dreimeterwellen sind hier und jetzt wohl Standard, Vier- bis Fünf- ist auch nichts Besonderes. Das Schiff in vertrauter Resonanz mit der Meeresoberfläche und alle Tassen bleiben im Schrank. Doch so eine Welle hat ein gewisses Selbstverständnis: Mir kann hier keiner und nichts hält mich auf - und dann liegt da ein Berg, Eis in Perfektion, Trägheit der Masse und nur ein Siebtel im Wind. Der Rest ist Wand für die Welle, unverrückbar, senkrecht, glatt, kalt, hart, irgendwo muß die kinetische Energie ja hin - da wo Platz ist, also nach oben. Entfesselten Geysiren gleich schießt die Gischt an den windgewandten Seiten der weißen Tafeln gen Himmel, um das Dreifache ihre Höhe übertrumpfend. Was für ein Schauspiel, was für eine Energieverschwendung - interessiert das hier jemanden? Die Große Fontäne in den Herrenhäuser Gärten zumindest würde vor Neid in sich zusammenfallen und nie wieder Wasser lassen. Zum Glück weiß sie nichts davon - und wir werden es ihr nicht erzählen.
Auf ein Bier - nur ein Wort: Bergfest; die Hälfte der Grüße ist versandt. Heute kommen sie aus der Nahtstelle zwischen Indien und Antarktis. Plattentektonisch gesehen.
Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


