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ANT XXIII/9, 9. Wochenbericht, 8. April 2007

Gruppenfoto ANT-XXIII/9

Vorwäsche der Täufer durch Triton

IPY-Seamount

Am vorletzten Wochenende nimmt uns Neptun noch einmal alle ins Gebet. Kurz hinter den Kerguelen werden die Tassen ihrer Untertassen beraubt und die Tischdecken benässt. Bei 7m-Wellen folgen erste Gegenstände einer Resultierenden aus Gravitation und irregulärer Schiffsbeschleunigung. Die Stabilisatoren sind ausgefahren, die Schiffsgeschwindigkeit reduziert, der Kurs hält gegen an. So kann man sich einigermaßen darauf verlassen, dass der Milchreis vom Teller den Weg direkt in den Mund nimmt und nicht auf dem Umweg über den Teppich in der Fulbras landet. Leider ist die Wetterlage auch für weitere Sedimentlote nicht ermutigend. So bemühen wir uns in unserer bimodalen Altersverteilung um mentale und physische Ertüchtigung- jeder seinem Alter entsprechend. Man feilt am Fahrtbericht oder bearbeitet schon mal erste Proben und wenn der jüngere Altersgipfel denn überhaupt nicht weiß, wohin mit seiner überschüssigen Energie, findet er sich auf den Sportgeräten im Fitnessraum wieder. Reibung durch Rudern, Laufen oder Radfahren zu erzeugen ist zwar irgendwie schweißtreibend, aber bringt einen nicht wirklich voran; Kurzweil holt man sich über iPod mit Stöpseln im Ohr.

Die Geophysik verstaut, die blauen Overalls verblassen, die letzte Geostation kurz hinter Îles Crozet fällt fehlenden Sedimenten unten und übermäßiger Dünung oben zum Opfer. Die letzte Chance unseren eigenen Kernrekord zu überbieten - zerschaukelt und davon geweht. Die „roaring forties“ sind da nicht zimperlich. Somit können auch die Geologen ihr Werkzeug verpacken und vor allem ihr Labor für den Stubendurchgang klinisch reinigen. Nur eine Gruppe filtert noch still und leise vor sich hin. Der Rüssel im Brunnenschacht mit Pumpe liefert einen kontinuierlichen Probenstrom aus der besagten Handbreit Wasser unter dem Kiel. Das Meerwasser wird von seinen Ingredienzien getrennt und was auf dem Filter bleibt, darf sich auf die modernen Labore des AWI freuen. Der ozeanografische Trester geht zurück an Neptun. Und der hat im Moment ziemlich schlechte Laune. Trotzdem lässt er dem Kapitän zum Geburtstag seine Glückwünsche überbringen, sein Tafoni fügt sich ein in die Reihe illustrer Geschenke, untermalt mit einem Ständchen der Wissenschaft in Gitarrenbegleitung: „Wir lagen vor Kerguelen und hatten den Stefan an Bord …

Auf dem Heimweg wird dann die Bathymetrie noch mit dem belohnt, worauf sie schon die ganze Reise lauert: Direkt unter uns zeichnet das Fächerlot zwei bisher unbekannte Seamounts auf; einer reckt sich mit seinem Kraterrand von 2900 m auf 1750 m Wassertiefe dem Meeresspiegel entgegen, mit 1350 m relativer Höhe ein imposanter untermeerischer Vulkan, der am 4. April 2007 um 10:30 Uhr in unserem Kurs die Ordnung der Tiefsee durchbricht. Er liegt auf dem Heimatkurs eines Polarforschungsschiffes, das von einer 18-monatigen Expedition zurückkehrt während der das IPY begann - ein guter Grund diesen neuen Gipfel des Ozeans IPY-Seamount zu taufen. Wieder daheim wird dieser Name offiziell beantragt werden.

Es ist dunkel. Der feucht-laue Atem der See haucht über das Helideck. Täuflinge im Doppelpack aneinander gekettet frösteln ihrer Vorwäsche entgegen. Torfrock singt „es ist so schön getauft zu sein …“. Das Hangartor hebt sich. Gleißendes Licht, dröhnendes Getröte. Konteradmiral Triton in brechreiz-grün tritt vor, begleitet von seinem buckeligen Assistenten, blass-weiß mit nässenden Ekzemen. (Stimmt! - für eine Polartaufe ist das Adjektiv „ästhetisch“ unverwendbar.) Triton verkündet die Ankunft des Herrschers der Ozeane. Dabei wird ihm die Schnapsflasche geklaut. Der Täuflinge sind viele und gut organisiert. Die Grundreinigung aus zwei C-Rohren und einer Feuerlöschkanone endet in einer Salzwasserschlacht. Das sich eine ganze Horde gerade auf den Schiffsarzt stürzt, ist unklug …

Der nächste Tag bringt Buße, Wahrheit, Reinheit und einen Taufnamen. Wer ihn vergisst, muss noch einmal durch den Parcours der Torturen: Brandmarken, reinigen, frisieren, fotografieren und taufen ... Hier wendet sich der Gast mit Grausen; wir verschonen die Nordhemisphäre mit Schilderungen weiterer der im hohen Süden üblichen Details. Alle haben überlebt und konnten abends auch wieder feste Nahrung in Form von Spanferkel und Kerguelenlamm zu sich nehmen.

Jetzt packen wir ein und reinigen die Labore von den letzten Forschungsresten der Reise. Der Fahrtbericht muss vor Kapstadt abgegeben werden, sonst gibt es kein Ticket. Auch ein Aushang mit dem Termin für die letzte E-Mail zeigt, dass die Reise zu Ende geht. Ostern wird zum gemeinsamen Abschlussfest - Tafeleisberge weit hinter uns - Tafelberg nahe voraus.

Fahrtleiter und Wissenschaft danken Kapitän und Besatzung recht herzlich für die gewährte Unterstützung während dieser außergewöhnlichen Expedition. Alle Beteiligten grüßen nach Haus in freudiger Erwartung des Wiedersehens und all Das selbst erzählen zu können, was in unseren Berichten zu kurz gekommen ist.


Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


 
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