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ANT XXIII/9, 8. Wochenbericht, 30. März 2007

Beprobung eines Salzsees bei -4,3°C Wassertemperatur

Anker werfen!

Seeelefanten-Wellness auf Kerguelen-Gras

So langsam formen sich auch vor den Augen der dauerhaft Eingeschifften die Bilder derer mit Landerlebnissen. Die sofort durchbrechende Begeisterung in leuchtenden Augen reißt jeden mit bei Schilderungen und Vorträgen. Über Schneedrift mit Windgeschwindigkeiten zum Anlehnen oder um in Siebenmeilenstiefeln den Berg hoch zu laufen oder einfach in die Ecke gepustet zu werden, Nächte mit grünen Polarlichtern über roten Tomaten, über die täglichen Landausflüge zu Gletschern und Bergen mit Rundumsicht über ein exotisches Archipel, für eine viel zu kurze Zeit im Besitz der Larsemänner und -frauen. Bedauern klingt mit über die Abreise. Die fotografische Übersicht beim abendlichen Vortrag zeigt ein buntes Camp von Antarktis-geprüften Zelten an einen Hang gekuschelt. Nur eins steht fern ab - man weiß, warum. Man hört auch von undichtem Schlafsack und fröstelndem Erwachen in Federwolken; die zusätzliche Daunenweste garantierte fürderhin eine Gute Nacht. Der Geologen Faszination haben wir versucht in No 7 zu vermitteln - wir rätseln allerdings weiterhin, wie man diese Gewichte an harten und durch Eisenerze oft überdurchschnittlich schweren Felsbrocken hat zusammentragen können. Jetzt flankieren sie schlummernd in blechernen Tonnen den Betriebsgang und harren eines komfortablen Lebensabend in den warmen Schubladen der Potsdamer Uni. Mit der Erfahrung von Milliarden Jahre alten Senioren werden sie noch vielen Studentengenerationen beibringen, was wahre Geologie (der Antarktis) beinhalten kann.

Parallel zu den geologischen Exkursen hackten sich die Geomikrobiologen durch das, von dem die Antarktis glaubt, es sei Boden und als Permafrost präsentiert. Mehrmals gehackt und irgendwann nicht wieder eingebrochen nennt sich das Resultat „Profil“; mal praktiziert in einem scheinbar ausgetrockneten See, der sich einen halben Meter tiefer versteckt, mal in einem hypersalinaren Teich mit minus! 4,3°C Wassertemperatur - flüssiges Wasser wohlgemerkt und türkisblau und farblich nur kurzfristig verunstaltet durch die roten Gummianzüge, die in einem humanmedizinisch inakzeptablen Biotop das Überleben sicherten. Man wollte Proben mit heimischen Bakterien und die sind winzig und in ihren polaren minimalistischen „Survival“-Varianten hart im nehmen und hart zu nehmen. Nicht nur die Landschaft erinnert an, auch die Bakties sind durchaus Anwärter für extraterrestrische Aufenthalte. Die Organismen wurden gemeinsam mit ihrer nächsten Umgebung für die lange Reise zum Labor in Dosen gesperrt, beschriftet von Filzer führenden Skriptgirls. (In Doppelrolle als Müllbeauftragte sei auch von diesen versichert, dass nicht ein Krümel Müll an Land verblieb.) Man hört, die erfolgreiche Arbeit des Tages belohnte abends ein Aperitif mit „Gletscherwasser“ (was sonst), runtergekühlt mit Eis aus dem Camp-nahen Hausgletscher. Danach kompensierte ein leckeres Fertiggericht, verfeinert mit Ideen aus der Schweizer Küche, den Energieverbrauch des Tages. Nur Käsefondue gab's wohl nicht. So hört man.

Die Geophysik sitzt jetzt sauber gewaschen an den Rechnern und verfolgt mit Raytracing-Algorithmen die Strahlen ihrer Luftpulser durch die Weltgeschichte um die Grenze Kruste-Mantel zu lokalisieren. Die Lobster schlummern bereits datenlos und sauber geputzt in ihren Wohncontainern neuen Abenteuern entgegen. Derweil wühlen die Geologen noch im „Schmutz der Hohen Breiten“ (Zitat Neptun, der sich angekündigt hat) und entreißen dem Meeresboden dezimeterweise sedimentäre Abfolgen. (Man äußert schon Bedenken, ob das nicht zu einer Absenkung des Meeresspiegels führen könne). Auf dem Kerguelen Plateau werden die Kernlängen nicht mehr absolut gemessen, sondern in Meter pro Stunde. Zurzeit ziehen wir Kerne mit einer Erfolgsquote von 10 m/std. Eine Länge wollen wir doch angeben - zum Angeben: 28,15 m.

Safety-Exkurs: Auch ein zuverlässig wiederkehrendes Ereignis sind die Übungen zur Sicherheit. Mal mit Wissenschaft, meist ohne. Forscher müssen nur wissen, wo ihre Schwimmweste liegt und ihr Rettungsboot hängt; Besatzung hingegen mit Helm und Weste überprüft die Verschlussklappen und die Funktion der Rettungsboote oder trainiert mit Atemschutzgeräten das Bergen eines vorgetäuschten Komatösen aus dem virtuellen Rauch. Jedem wird nahe gelegt den Weg nach draußen mit verschlossenen Augen zu üben. Wer einmal eine qualmende Kammer erlebt hat, weiß, wie erstaunlich schnell sich Gänge und Treppen bis zur vollständigen Orientierungslosigkeit verfinstern können. Und wie steuert man ein Schiff voller Steuerelektronik, fällt diese aus? Heute wird geübt, die Ruderanlage analog zu betreiben. 12 Mann drängen sich im Anschauungsunterricht um den 2 m durchmessenden Zylinder im Achterschiff, in dem hydraulisch das Ruder bewegt wird. Das mit faustgroßen Muttern angeschraubte Teil ist betont solide, der Innendruck heftig. Einer kommuniziert mit der Brücke über ein historisch anmutendes Headset, zwei betätigen die Hydraulik von Hand und einer vermeldet im Sichtkontakt mit einer klassischen Analoganzeige die Position des Ruders in Grad. Klappt einwandfrei.

Bei einer dieser millionenschweren Fernsehquizsendungen zum Aufbessern des Taschengeldes wäre sicherlich eine Frage nach Big Ben recht billig dotiert. Im Gegensatz dazu wäre eine Frage nach dem einzigen aktiven Vulkan Australiens mit einer deutlich höheren Gewinnsumme verbunden: Auch Big Ben. Die Insel „Heard“ präsentierte sich bei unserer Passage durch eine nördliche und eine südliche Kante mit Nebel und Wolken dazwischen. Vom Dunst verdeckt ein imposanter Vulkan, benannt nach dem Uhrturm an der Themse, von einigen kleineren flankiert. Schweizer auch hier? Einer nennt sich „Matterhorn“. Der Gipfel ragt über die Wolken und Lava tropft raus; 2745 m hoch über dem Meer unterliegen Eis und Schnee der Erdwärme. Der Odem aus Vulkans Werkstatt ist von weit her zu sehen. Unten am pechschwarzen Strand lümmeln sich die Elefanten der See, Robben und Horden von Pinguinen beim Stehkonvent. Ältere Stellen des finsteren Gesteins hat die Vegetation bereits mit einer saftiggrünen, samtweichen Decke überzogen - sehr angenehm fürs Auge nach Wochen in weiß, grau und braun. Andere Ecken erinnern an frisch explodierte Ausbrüche. Der Kontrast aus weiß-blauem Gletschereis im Wechsel mit schwarz-roten Lapilli und Lavabomben ist kaum zu toppen. Die Insel ist striktes Naturschutzgebiet und betreten nur mit aseptischen Sohlen erlaubt. Wir halten Abstand. Nur der Kastengreifer, getunkt in Sichtweite, bringt uns eine Handvoll Erinnerungsasche.

Zum Kerguelen Plateau unter Wasser gehört auch ein Vulkan-geborenes Archipel mit 400 Inseln über Wasser - eingespleißt zwischen berühmten Breitenkreisen, den brüllenden Vierzigern (roaring forties) und den wütenden Fünfzigern (furious fifties): 150 Tage/Jahr Sturm, 40 Tage/Jahr Orkan, einige Tage Sonne, der Rest ist nasskalte, graue Suppe mit Wind. Hier ist es so windig, dass selbst Fliegen nicht mehr fliegen. Wir machen den Franzosen einen Anstandsbesuch und laufen Port-aux-Français an. Der Anker rappelt in den Grund bei lauschigen Temperaturen, Sonne und Flaute in der „Bucht des Südpolarlichtes“ (Baie de L‘aurore australe)! Unser Meteorologieteam in Kombination mit der Nautik ist unschlagbar! Die Station zur Südhemisphärenpräsenz im französischen Überseeterritorium beherbergt 60 Überwinterer, im Sommer das Doppelte. Ein Schwarm aus Besatzung und Wissenschaft verlässt das Schiff per Schlauchboot-Shuttle, um sich auf grünem! Grunde die Beine zu vertreten. Seeelefanten räkeln sich in grünen Mulden, Eselspinguine maskieren Grün mit Rosa (Krillschiet), Kormorane putzen sich auf Felsen über Grün, aber - warum hat das Grün lauter Löcher? Verursacher sind Langohren, die hier eigentlich nichts zu buddeln haben und den ignoranten Wunsch des Menschen repräsentieren, die Natur beeinflussen zu wollen. Für die eingebürgerten Kaninchen selbst muss es ein Paradies sein und an Skorbut stirbt keins. Der Vitamin-C-haltige heimische Kerguelenkohl (Pringlea antiscorbutica) wurde allerdings schon knapp gefressen und kann nur noch hinter Zäunen grünen und blühen.

Die Station: Um Fahnenmast und Wegweiser gruppieren sich verstreute Gebäude mit dem bekannten angewitterten Charme entlegener Niederlassungen, stummelige Betonstraßen mit echten Autos, in einem alten Schuppen eine malerische Boule-Bahn (wir sind auf französischem Boden), zwei Gewächshäuser, eine Kirche, ein Postoffice; dazwischen dann und wann ein großer alter Knochen. Man munkelt von einer nahe liegenden Walfangstation. Aber wer interessiert sich schon für rostende Trankocher aus dem Martyrium der Wale? Nach etwas Shopping für Andenken und Mitbringsel, der Entscheidung mit welchen Briefmarken man nun die Grüße heimschickt (dieses Jahr sind Albatrossmotive in) und einer Salatspeisung mit selbst gezogenen frischen Tomaten, verlassen wir auch dieses Eiland wieder viel zu schnell und freuen uns schon auf die vor der Polarlichtbucht lauernde Dünung und ihre Kumpels, die Zyklonen. Ostern voraus: Man hat uns zum Abschied 8 (in Worten: acht) Schafe geschenkt, tot natürlich, schon abgezogen und mundgerecht vorbereitet. Wir danken gerührt!

Wir grüßen diesmal zweigeteilt: Die einen - per Urkunde von Neptun für den Aufenthalt in diesen Breiten schon lange lizenziert - sehen erfreut dem Besuch aus den Wasserwelten entgegen. Die anderen allerdings, völlig verschmutzt und nach schwefligen Substanzen stinkend, üben schon mal das Zittern - nicht nur vor Ehrfurcht.

Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


 
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