ANT XXIII/9, 4. Wochenbericht, 2. März 2007

Dieses Tief kostet uns einen Tag.

Eisberg zersägen: Frischwasser-Beschaffung!

Die russische Antarktisstation "Progress"

Die Fahrtteilnehmer begrüßen den offiziellen Beginn des Internationalen Polarjahres 2007/08.
Das Internationale Polarjahr beginnt auf Polarstern
Am Wochenende laufen wir in die innere Prydz-Bucht ein (wird jetzt auch Zeit). Um die Antarktis gruppiert sich bekanntlich ein ganzer Potpourri polarforschender Länder (40 Dauerstationen, 50 Sommerstationen), in dieser Bucht vertreten durch die Stationen Zhongshan (China), Progress (Russland) und Davis (Australien). China und Russland grenzen auch hier direkt aneinander, Stationsentfernung 800 m. Die Chinesen - höflich - laden die Schiffsleitung zum Brunch mit Bonbons, die Russen - freundlich - empfangen mit Wodka. Über den Stationen weht zur Begrüßung schwarz/rot/gold. Der Fahrtleiter nimmt ein Präsent unter den Arm und fliegt an Land, die Stationen stehen auf felsigem Grund. Die mitgebrachten Ersatzdeichseln für chinesische Schlittenfahrten sind kostenfreie Kooperationsdienstleistung. Aber was schenkt man so bei Stationsbesuchen? Ein blaugrauer Kupferstich mit Tafeleisbergmotiv vom Bremerhavener Künstler Michael Wolf vermittelt zwischen Heimat und Hier. Auch sehr beliebt ist sicherlich der lasergravierte Glaswürfel, dreidimensional Neumayer III versprechend - antarktische Glasperlen sind halt kantig.
Antarktisstationen haben einen rustikalen Charme. ‚Design‘ und ‚Ästhetik‘ sind unbekannte Begriffe. Funktional und irregulär verteilt gebaut wo der Boden ebene Flächen bietet, auf Stelzen, damit der vom Wind getriebene Schnee unten durch huschen kann und nicht die Haustür verbarrikadiert. Die Farben entsprechen derer gerade verfügbarer Wetterschutzlacke, malträtiert von der salzhaltigen Außenluft, bis das Eisen darunter den Geist aufgibt - farbliche Mimikry zu den anderen polaren Artefakten, die aus der Zivilisation hier so angeschleppt wurden und gelagert auf wollsackverwittertem Granit. Jegliche Reminiszenz an Scott und Konsorten bei Verwendung von Holz wird durch den Anbau von Satellitenantennen mit luftgeführten Kabelbündeln kompensiert.
Innen ist es schummerig weil kleine Fenster besser isolieren. Zur Wanddeko sind Gruppenfotos vorangegangener Stationsgenerationen beliebt. Auch gern mal ein Poster, heimatliche oder einfach nur grüne und wärmere Gefilde zeigend. In China war vor einer Woche Neujahr. In der Messe der antarktischen Landesdependance hängen noch Luftschlangen und Glitzerdekor über Knoblauchzehen und Hühnerbeinen und vor der Tür, neben deutschen und anderen, wehen Fahnen in leuchtgrün, pink, grellgelb und himmelblau zur Begrüßung des neuen (Überwinterungs)jahres. Sehr bunt auch im Raucherzimmer neben der Gipsbüste von Namensgeber Zhongshan ein Wandteppich: Er zeigt den Potala ...
Dieses Schiff ist eines der leistungsfähigsten seiner Art - und jetzt blüht es auf. Landgruppen ausfliegen, das Arbeitsdeck voller Kisten und Kasten, Zelte in Rot, Funke mit Antenne, Bohrer auf Schlitten, Floß neben Boot, Sprit im Tank. Nebenbei Anstandsbesuch auf Davis planen. Unbekannt Untiefen untersagen unsere Annäherung. Die Helis im Dauereinsatz. Unsere zwei Australier freuen sich mal kurz „nach Hause“ zu dürfen - und werden enttäuscht, technische Sach- und Wetterzwänge. Davis muss warten. Zwei Rettungsboote müssten geprüft werden; ruhigeres Wasser motiviert und schon wackeln die roten Plastewannen zwischen den Schollen herum. Synergien sind immer gefragt - ein Kameramann filmt dieses unglaubliche Schiff von einer Wanne aus für die IPY-Uraufführungen in Berlin und Paris. Der Fahrtleiter wünscht sich auf allen Decks gleichzeitig sein zu können. Der Kapitän erfragt in der Bordwetterwarte Verbleib und Energie des draußen lauernden Sturmtiefs. In die Planung für die nächsten Tage scheint Petrus eingreifen zu wollen. Auf einer Insel gibt‘s jetzt zwar Wissenschaftler/innen, allerdings ohne Schnee (Sie erinnern? Trockene Luft hier); und Meereis ist salzig. Also Eisberg erobern, mundgerecht zersägen (dabei Pinguin-Schlafplätze meiden - wer mag schon anverdauten Krill im Tee), und mit einer halben Tonne die Insel bewässern - auf das die See- und Fjordbohrer sich nicht nur heiße Suppe kochen können. Helipiloten heißen jetzt Wasserträger. Irgendjemand hat seine Kalbshaxe nicht aufgegessen. Konsequenz: Das Wetter verschlechtert sich weiter, Schneetreiben, Heliverweigerung, Landgang verschoben, mitnichten aufgehoben. Unberechenbare Unwägbarkeit erzwingen kontinuierliche Flexibilität und sofortige Reaktion - kurz: ‚Expedition‘ genannt. Aber das Magnetometer muss an Land: Erdmagnetfeld registrieren zur Normung unserer Seemessung. Damit nicht so einsam, bekommt es Gesellschaft durch eine Seismikstation. Die kann vier Wochen in Ruhe Polarsterns Blähungen lauschen, muss uns dann aber genau erzählen, wie die Erdkruste unter ihr beschaffen ist. Das Schiff fährt ein paar Kabellängen - sofort loten die Lote den Geologen neue Kernstationen herauf. Was wir am Tage nicht schaffen, machen wir in der eh noch kurzen Polarnacht. Strenger Sedimentgeruch hat berufsbedingt Begeisterung zur Folge. Stimmungsvolles Kerneschlachten und Probeneintüten in der Morgendämmerung. Beim Mittagessen Betrachtungen darüber, wer wohl am wenigsten geschlafen hat. Und dann muss auch noch eine diesen Text ins Englische übersetzen. Noch Fragen?
Vielleicht zu Wind? In jeder Kammer gibt es eine Nasszelle und in jeder Nasszelle einen Abfluss. Warum läuft das Wasser heute morgen überall hin, aber nicht in den zugewiesenen Ausgang? Ein Blick durchs Bullauge klärt auf. Das Kalbshaxentief hat sich jetzt richtig aufgepustet und über uns eingeparkt; mit dem Oberflächenwasser (in dem wir schwimmen), macht es, was es will; bei -1,7°C Wassertemperatur scheint es zu kochen - Polarphysik. Zwischen Frühstück und Mittag schraubt sich der Windmesser von 40 auf 60 Knoten=110 km/h hoch, das sind 11 Beaufort mit 12er Böen. Sonores Brummen und Vibrieren der Schiffsaufbauten vermitteln einem die Gewissheit, dass Naturkräfte sich durchaus auch 12000 Tonnen Stahl unterwerfen können. Im meteorologischen Exkurs lernen wir, dass 6er Böen zwar laut sind, aber im Grunde nur Angeber. Zwölfer Böen sind zwar leiser, klingen dafür hochfrequenter und ein bisschen fies; hier und jetzt der Prydz-Bay-Sound, komponiert aus geostrophischer Strömung im Duett mit katabatischen Abflüssen. Wenn sie was über Wind wissen wollen, kommen sie vorbei. Wir haben satt und die Bordwetterwarte dirigiert ein äolisches Orchester außer Kontrolle. Kurz in der Koje wundgerollt und - vorbei. Beim Frühstücksei rätselt man bei 7 Knoten, wo der ganze Wind geblieben ist. Die Wetterlagen können sich hier sehr! schnell ändern.
Während die Geophysik Profil „A“ mit Seismometern bestückt, bricht das IPY über uns herein. Sein Logo auf beiden Seiten der Polarstern ließ Entsprechendes erwarten. Das IPY (International Polar Year) begann am 1. März und wird 24 Monate dauern. (Ein Polarforscherjahr ist länger, es hat nur im Sommer Saison). Es ist das dritte Mal, dass sich Forscher aus aller Welt zusammentun, um gemeinsam, koordiniert in den Polargebieten zu arbeiten (1. 1882/83, 2. 1932/33). Diesmal sind es 50.000 Wissenschaftler aller Disziplinen aus 60 Ländern - ein beeindruckendes Großprojekt. Internationale Kooperation war zwar schon immer Bestandteil der Polarforschung, mit dieser zusätzlichen Bündelung und entsprechenden Präsentationen in der Öffentlichkeit möchte man die Polargebiete mit ihrer Bedeutung für Klima und Umwelt einmal mehr ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft rücken. (Wie viele Menschen wissen nicht, warum Eisbären eigentlich nie Pinguine fressen ...!?)
Auf Polarstern rückt zum IPY der Blaue Salon ins Bewusstsein, Repräsentationsraum mit Bibliothek und Kachelofen (Öfen sind nicht blau, der Teppich ist‘s). Fahrtleiter mit Krawatte und auch die Nautik uniformiert vermitteln in kurzen Ansprachen mit obligatorischem Getränk die Bedeutung der Polarforschung in Geschichte und Gegenwart. Prost IPY! Reine Formsache - wir stecken schließlich mitten drin. Und so lenkt Fahrtleiters runder Geburtstag schnell vom Wesentlichen ab und man konzentriert sich auf Geschenkübergabe und Ständchen-bringen. Fleiter zeigt sich tief gerührt von dem, was da zusammenkommt: Marzipan-Polarstern auf Buttercremetorte (2 Nächte die Küche geliehen), Bluegirl-Kalender (blonde Geophysikerinnen in blauen Kesselpäckchen zeigen Lächeln und Bein), eine Socke wird ausgestopft zum Pinguin (der zweite neidisch), Heimwetterwarte mit Stein am Band (wenn der Stein weiß ist, schneit es usw.), ein virtueller Strauß Schneeglöckchen (der Koordinator grüßt von Ferne), ein Berg in Öl (der Originalschinken wartet in Potsdam), ein grüner Gletscherstein aus Grönland (hat jemand um die halbe Welt geschleppt). Prost Hans! Dieser Tag klingt aus im Zillertal während draußen die OBSe baden gehen.
Wir grüßen von Profil A und stecken, von einer leichten Blessur abgesehen, gesund mitten in der Arbeit.
Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


