ANT XXIII/9, 7. Wochenbericht, 23. März 2007

Polarstern nimmt Abschied von Rauer Inseln und Prydz Bucht.

Release der Adelies - ein Pinguinfoto ist Pflicht.

Beprobung des Meeresbodens im Kastengreifer.

Polarlicht über Geologencamp.
Geologenfinale. Wir haben einen gefunden, einen dieser Aufschlüsse aus Geologen-Träumen. Die metamorphisierte Ursuppe in Fels, durchgemengt und wieder aufgekocht, in GAEAs Tiefe gezogen und wieder hochgehoben, Gesteine verwandelt, Minerale gebandelt, zurück im Licht von Eis und Wind malträtiert und präpariert - für uns? Kaum. Wie alt? Dreikommaneun. Zweifelnd-ratlose Gesichter erbitten die Vervollständigung der Zahl mit Einheit: 3,9 Milliarden Jahre! Die meisten Menschen haben wohl nicht ansatzweise eine Ahnung, wie alt diese blaue Kugel eigentlich ist. Hier kann man das Alter noch durch die dicken Schneeschuhe fühlen. Bemühen wir noch die anderen Sinne: Die Ohren hören nur Wind, die Nase ist arbeitslos, statt des vergessenen Brötchen schmeckt man einen Eiszapfen. Aber die Augen, wo soll man bloß mit den Augen hin? Die Optik in Höchstleistung ist gefordert von Strukturen, Farben und Formen in allen Maßstäben. Man fokussiert zwischen bunten Kristallen vor der Nase und gigantischen Eisfronten am Horizont. Und alles ohne störende Vegetation. Das Eis hat für die Geologen bereits Handstücken vorbereitet. Der Heli wird’s schleppen müssen. Packt man nur die richtige Mischung unter die physikalischen Konditionen von Mutter Erde, resultieren Mineralparagenesen der Edelklasse. Petrologen haben noch einen weiteren Sinn, den für Druck-Temperatur-Diagramme. Und so erlaubt ein smaragdgrüner Diopsid kaum das Schwärmen, entstanden aus profanem Kalk unter Drücken von 3000 bar und Temperaturen von 700°C. Da bleibt einem einfach die Luft weg. Und mittenmang ein Salzsee - in Wüsten übliche Norm. Nehmen wir den zum Luft schnappen - am Ende der Welt, am Anfang der Zeit.
Die Zeit und die Kerguelen rufen, wir kehren der Antarktis das Achterschiff. Abfahrt aus einer erstarrenden Prydz Bay, Slalom durch den Garten der Tafeleisberge, produziert von einem Fünftel des antarktischen Schildes und festgefahren in den Untiefen vor der Bucht. Dazwischen bremst uns Resteis aus dem letzten Jahr, mit dicker Schneeauflage und Pinguingrüppchen. Die Adelies freuen sich über unsere Passage und springen raus aufs Eis und rein ins Wasser. Vor lauter Aufregung werden die Bilder unscharf - Pingis waren rar bisher. Gegen Ende von Profil „A“ wurde von zu Hause angemahnt, wir möchten doch bitte den 72,7ten Längengrad nicht kaputt fahren. Jetzt knüpfen wir uns den 82,8ten vor. Raus in den offenen Ozean - ein 120 Meilen-Profil haben wir noch: C (B wurde wegen Eisblockade gestrichen). 15 Lobster plumpsen ins Wasser, sinken auf 3500 m Tiefe, autonivellieren ihre kardanisch montierten Seismometer und lauern auf Schallwellen. Die Pulser holen tief Luft und die seismischen Wellen nehmen ihren Lauf.
Kräne hat’s ohne Ende und alle sind orange, die Extremitäten des Schiffes. In Ruhe liegen sie mit artig zusammengefalteten Elementen und eingeknickten Gelenken auf ihrer Ablage. Unter Strom und Anweisung brummen sie in variablen Frequenzen, recken ihre Gliedmaßen in die Höhe, werfen raus und holen ein, unter voller Kontrolle von Bootsmann und Ladungsoffizier. Heute ist der Bugkran dran. Während der Fahrt. Außergewöhnliche Einstellungen fordern ungewöhnliche Werkzeuge und Perspektiven. Der Medienproduzent (PS beinhaltet ein recht breites Berufsspektrum) liegt vor dem Schiff in 10 m Höhe auf Krans Gitterrost und filmt bei 10 Knoten Fahrt die vor dem Schiffsbug zersplitternden Schollen, von einer 52 mm Stahlschneide geteilt. Eises Widerspruch lohnt nicht. Das Puschelmikro hängt per Stativ über den Handlauf und nimmt die unbeschreiblichen Geräusche des ersten Widerstandes, dann des Nachgebens und schließlich der völligen Zerstörung und Unterwerfung auf. Steuerbord und Backbord rauscht der Schollenschrott davon. Der Winter wird’s richten.
Na - schön windig zu Hause? Gelassen wiegen wir uns in den Sitzen des Vortragssaales auf 3 Meter Wellen, während uns der Bordmeteorologe einmal statt des lokalen Wetters ein Orkantief über Norddeutschland präsentiert. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, die Grenze zwischen Winter und Frühling gründlich zu verwirbeln. Ist der Blanke Hans daheim schon im Garten? Wasser wannenweise aus allen Richtungen und Wind mit 12 Bft auf Sylt - hören wir. Arme Insel der Reichen. Polarstern hat eine exzellent ausgestattete Bordwetterwarte in der Vertreter des Seewetteramtes, ein Meteorologe, unterstützt durch einen Daten und Beobachtungen akquirierenden Wetterfunktechniker auf jeder Reise die Vorhersagen kochen, die die Erforschung des Meeres zwischen „nichts geht mehr“ und „spiegelglatt“ beeinflussen. Die Hubschrauber erbitten täglich das Flugwetter. Bei Frizzledrizzle bleiben die Rotoren im Hangar gefaltet. Auch ein anderes Schiff in „1500 km-Nähe“ (South Sandwich quer ab) ohne vergleichbare Ausstattung fragte gerade mal nach. Die komplexe Forschung der Polarstern ist in ihren ungemütlichen Heimatmeeren ohne Isobarengrafik, Eiskarte, Satellitenbild und die alltäglich fundierte Prognose undenkbar. Auch liegt kuscheliger in der Koje, wer weiß, wie schlecht das Wetter draußen in der Welt sein kann.
Schiffe brauchen Traditionen und zuverlässig repetierende Angelpunkte im Reiseverlauf, an denen man merkt, dass schon wieder eine Woche rum ist. Auf Polarstern tagt sonntags der Wiegeclub - das war schon immer so. Die Wissenschaft trifft in der Maschinenwerkstatt im F-Deck unterhalb der Wasserlinie auf Storekeeper und seine Mannen, um von diesen auf die Waage genommen zu werden. Bestandsaufnahme der Küchenqualitäten in Komplementärfarben: Der nette grüne Overall wiegt, die lustige rote Latzhose protokolliert. Fuselige (schiffsinterne Bezeichnung für WissenschaftlerIn) warten artig in der Schlange, bis sie auf einem Brett am Seil an einer antiquiert anmutenden Balkenwaage an der Decke hängen dürfen. Dann - die Zahl der Wahrheit, die Zahl, die alle Sünden, Mäßigungen oder auch Kasteiungen der letzten Woche manifestiert. Nichteinhaltung der Eigenprognose hat die Zahlung eines Obolus für den Guten Zweck zur Folge. Der metallene Werkraum, in dem sonst die Drehbank schnurrt und der Schweißer zischt, ist spannungserfüllt von angeregten Diskussionen über den spektakulären Gewichtsverlauf einiger bis zum völligen Entgleisen anderer im stufenlosen Fall zum Hungerhaken. Die Spitzen der Nahrungskette werden dem Ladungsoffizier am Ende der Reise ihre Gewichtszunahme als „Laden auf See“ vermitteln müssen. Weiterhin Guten Appetit! Heute: Kudu mit Kartoffeln. Frisches Obst und Gemüse sind fast aus.
Zum Wochenende hat der Fahrtleiter Hausaufgaben verteilt. Jede Expedition ist mit allem, was wissenschaftlich betrieben und geprobt wurde, in Form eines Fahrtberichtes mit ansprechenden Grafiken und detaillierten Tabellen zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Und so resümieren die einen ihre Taten in den Laptop, die anderen verwerten Daten in einer ersten Prozesskette oder sortieren auch mal mit Muße die diversen Fotos auf der Festplatte. Apropos elektrische Speicher - als das Schiff 1982 zur Jungfernreise aufbrach, gab es keine Rechner an Bord. Die ersten Polarstern-basierten Doktorarbeiten verwursteten ihre Ergebnisse in einem 64 kByte-Speicher. Auf dieser Reise fahren wohl 150 Rechner mit, verdrahtet in einem Netzwerk und angeschlossen über den Weltraum an das Internet. Und wenn einer mal kurz raus muss, z.B. um eine Pinguingruppe auf Eis mit der Digi-Kamera zu fangen, hat hinterher die Festplatte wieder ein halbes Gigabyte weniger Platz. Ja wo bleiben sie denn, die ganzen Daten?
Wir grüßen einmal mehr bei Nacht unter den wabernden grünen Gardinen des Polarlichtes.
Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


