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An OBS (ocean bottom seismograph) goes bathing

Icebergs in sky blue and pink never exist!


 

ANT XXIII/9, 3. Wochenbericht, 23. Februar 2007

Greetings from a polar research vessel

Ostwärts!

Dieser Bericht beginnt am Ende des Letzten: Wir fahren gen Osten, von Neumayer bis ins Arbeitsgebiet bald 1800 Meilen. 20.000 Pferde schieben uns durch ein Südpolarmeer kurz vor dem Gefrierpunkt; nicht alle galoppieren gleichzeitig, einige dürfen immer ruhen, der Hafer ist teuer geworden. 12.000 Tonnen Stahl mit einer Füllung aus 3000 Tonnen Diesel und ein paar hundert Tonnen Gepäck. (Neumayer hat uns auch noch 20 Container aufgehalst, aber die schleppt Polarstern locker so mit.) Innen ist die isolierte Doppelhülle gut beheizt, besonders in der Sauna - schon mal bei 100 Grad geschwitzt während draußen Eisschollen an die Wand krachen? (Um aufkeimenden Assoziationen an einen „Luxusliner“ gleich vorzubeugen: Wenn 100 Personen 10 Wochen auf einem Schiff mit nichts als Wasser und Luft umzu daran arbeiten, das Wissen über unsere Erde zu mehren, dann sind solche Annehmlichkeiten zwingende Notwendigkeit, um die Motivation bis zum Ende der Reise auf hohem Niveau zu bewahren.) Und ein Schwimmbad mit natürlichem Wellengenerator haben wir auc

 

Wa(h)ltage sind sehr beliebt. Bei der Bordwetterwarte um die Ecke hängt ein Bio-Poster. Da kann man sich Wale auswählen. Was nehmen wir denn heute mal? An Backbord hätten wir gern am Mittag ein Dutzend Orcas im glitzernden Gegenlicht ihre Schwertflosse präsentierend. Später, wenn viel auf dem Arbeitsdeck zu tun ist, wünschen wir uns möglichst nahe der Bordwand von einem Pärchen Buckelwale observiert und beprustet zu werden. Winken mit der Brustflosse, präsentieren der wohlgeformten Fluke und leichte Sprünge des Übermutes sind uns willkommene Begleitunterhaltung - der Bulle am Achterschiff in Streichelnähe steigert die Begeisterung für die lokale Tierwelt bis zur Euphorie. Da lassen die Köche die Pfannen sausen, kommen fasziniert ungläubig blinzelnd aus ihrer fensterlosen Edelstahlküche und würden nie bei diesem Anblick ans Essen denken. Kein Japaner an Bord.

 

Da recht einsam diese Gegend, sind Begleiter auch über Wasser gern gesehen: Hier schläft ein Krabbenfresser seinen Krillrausch aus, drüben bewacht eine Horde Adelies ihren eigenen Blaueisberg. Ein Deck höher sieht man besser Sturmvögel im Schwarm, auch mal einen einzelgängerischen Rußalbatross, tiefdunkelgrau von der Natur befiedert (nicht weil zu dicht über dem Schornstein geflogen). Auftrieb suchend für den endlosen Flug über den Wellen halten sie wohl auch uns für einen, wenn auch sehr ungeduldigen Eisberg. Einige der müßigen Eisriesen sind monströs - für uns Zugereiste, nicht für die Antarktis; 200 m dicke Platten (wie das Gehirn: sechs Siebtel im Verborgenen), Tafeleisberge mit einer Fläche von einigen hundert bis tausend Quadratkilometern (Bremen=400 qkm), gern aufgereiht wie auf einer Perlschnur, gefangen an Untiefen, unseren Weg flankierend - „Iceberg Alley“ steht in einer Karte. (Das hat jetzt nichts mit Klimaveränderung zu tun, sondern ist hier Standard. Irgendwo muss der Schnee, der in 30 Millionen Jahren auf einen ganzen Kontinent fällt, ja bleiben.)

 

Nur an wenigen Stellen liegt kein Schnee, fließt kein Eis (2 % der Antarktis). Zu hoch, zu dunkel, zu trocken, immer wieder weggeblasen oder einfach sublimiert, der kühle Niederschlag - da zeigt die Antarktis ihr wahres geologisches Gesicht. Enderbyland querab und die Geologen stürzen sich auf die ersten eisfreien Aufschlüsse. Der Hammer wird warm gefahren und die ersten Pretiosen eingesackt: Bronzit, Granat-Pyroxen-Biotit-Gneiss, Hornblendit, das Land hier ist so alt und erdgeschichtlich so faszinierend, dass es sogar einem Gestein seinen Namen gab: Enderbyit. Restit klingt nach etwas, was weg muß, also rein in den Rucksack. Der Heli schleppt die Geologen nach erfolgreicher Tagesexkursion als Teil unserer australischen Kooperation mit einem guten Zentner Proben zurück an Bord. In der Kammer sieht‘s aus wie im Steinbruch - die Stewardess wendet sich mit Grausen.

 

Am Fastelovend steigt eine kölsche Jeck in de Bütt un präsentiert Rheinländer-Irritationen durch schiffsinterne Wissensüberflutung. Sein buntes Volk mit blauen Haaren, roten Nasen, kopfbedeckt von russischen Panzermützen und schwedischen Outdoorhüten, dürftig bekleidet von Saunatüchern und Luftpolsterfolie, beömmelt sich ihm zu Füßen. Schneebrillen schützen vor dem gleißenden Eis im Cocktail. Polar(fast)nacht halt. Auch ein Teil deutscher (Forschungs)kultur.

 

Drei Räume auf Polarstern sind immer belebt: Brücke, MKR (Maschinenkontrollraum) und Echolotraum, letzterer bedient von zwei Gruppen Wachgängern der Wissenschaft. ParaSound ist ein Lot, das sehr genau weiß, was es will. Es spricht das Sediment am Meeresboden zielgerichtet mit einem sonoren Ton an und möchte nicht nur eine Antwort von der Oberfläche hören, sondern auch detaillierte Informationen über den weiteren Verlauf erdgeschichtlicher Ablagerungen in der flachen Tiefe. Mit einer Rufweite von etlichen zehner Metern im Sediment ist es gern die Lupe der Meeresgeologen, um Erfolg versprechende Positionen für ihre kernenden Rohre zu ermitteln, hochtrabend: „Pre-site survey“. HydroSweep hingegen ist in seinem Gesang deutlich zaghafter, hochfrequenter und mit einem Hang zur Weitläufigkeit. Es tastet sich mit einem ganzen Fächer von ‚Pings‘ auf dem Meeresboden unter uns der Fahrtroute entlang und liefert eine Streifenkarte mit 2/3 Breite der Wassertiefe. Und die ändert sich begeistert, gerade wenn man an einem Kontinentalhang entlangfährt. Also dürfen die Wachgänger an ihren virtuellen Knöpfchen drehend regeln um die kartierenden Augen des Schiffes im Fokus zu halten. Im wohl definierten Fluss der Daten trennen erste Vorwaschgänge das Spreu- vom Weizenecho; Wissenschaft oder Kunst ? Zumindest technische Ästhetik, die Schirme grafisch belebt von Sequenzen hunderter Profile, einzige Orientierungshilfe für einen Uneingeweihten: halb grün, halb rot (und nun raten Sie, was die Farben bedeuten). Die Vermessungsingenieurinnen editieren mit flinker Maus und nur das, was wirklich in die Karte darf, bleibt übrig.

 

Wir sind jetzt in einer Zeitzone mit den Malediven, nur - Palmen grünen zeitunabhängig. Wir grüßen in freudiger Erwartung mit ansatzweise leichter aber gesunder Ungeduld aus dem palmenfreien Teil der Zone. Prydz Bay voraus!

 


 
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