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ANT-XXIII/9, 2. Wochenbericht, 19. Februar 2007

Am Wochenende traut sich schon mal ein 9/10 Eisfeld unter das Schiff; man wähnt sich auf holpriger Wegstrecke. Bei 30 Knoten Wind muss man von Temperaturen um den Gefrierpunkt nochmals 20 Grad abziehen (Windchill!) und der Student mit der kurzen Hose aus Santiago sollte diese jetzt umgehend gegen ein vollständiges Beinkleid tauschen. Gebrauchtes Meereis, angelöst, löchrig, braun gebändert, bewohnt von Algen, wiegt sich in Zeitlupe mit langer Dünung. Und der Schnee fällt gleichzeitig, auf das Deck und vor die Tür zu Hause.
Es hat schon etwas von einer spiritistischen Sitzung: Die Brücke im Dämmerlicht, hundert farbige Birnchen zeigen das Schiff in voller Funktion, an der Decke ein Monitor auf dem ein kontemplativer Film läuft, Minimal Art, beleuchtetes Wasser in 2000 m Tiefe. Am unteren Bildrand ein Kompass; nur das Drehen des Kompass und kleine durch das Bild huschende Teilchen vermitteln den versammelten hochkonzentrierten Betrachtern die Sicherheit, dass es sich nicht um ein Standbild handelt, sondern tatsächlich um einen Film: life! Man munkelt, dass kürzlich sogar eine Qualle vorbei kam. Der Ton zum Film besteht aus knappen Anweisungen zur Position und Bewegung des Schiffes. Der Kapitän fährt selbst. Die eigentliche Technik rumort auf den Lukendeckeln: Container voller Steuerelektronik, eine Spezialwinde mit gläsernen Fasern zur Informationsvermittlung aus der Tiefe an Deck und zur Befehlsübermittlung an den Fänger in entgegen gesetzter Richtung: Wir suchen MABEL (Multidisciplinary Antarctic Benthic Laboratory) - das erste Tiefseeobservatorium im Südpolarmeer - von Italien und der Technischen Fachhochschule in Berlin betrieben.
Aber so einfach lässt Neptun das Südpolarmeer halt nicht observieren. Wir können es kurz machen: Das Kabel hat einen Wackelkontakt, unsere Kollegen haben ein Problem und Mabel darf noch ein Jahr weiter messen.
Wir fahren unsere erste Station am Sonntagnachmittag; CTD-Gewöhnungstauchen: Temperatur und Salzgehalt messen bis in eine Tiefe von 2800 m. Das Wässern einer Gitterbox scheint profan - aber der Inhalt! Ein Verlust würde künftige Geologen an dieser Stelle eine Titanlagerstätte kartieren lassen. Zum Schutz einer sensiblen Elektronik gegen den Druck in 6000 m Tiefe und die Korrosionsfreudigkeit des Meerwassers hilft nur wirklich edles Metall, um unsere Auslöser für die Ozeanbodenseismometer zu beschützen. Irgendein Kabel hängt zu tief und schief - so eine Schiffsschraube macht einen glatten sauberen Schnitt - Hydrophonsedimentation. Wohl dem Titan, das umsorgt und funktionsgeprüft zurück an Deck darf.
Das Weddellmeer ist gequert, Neumayer kommt in Rufweite. Ran an die Kante und mit den Loten PALAOA(1) bespielt. Bei zehn Zehntel Eisbedeckung unter Windpressung und altwinterlicher Schneeauflage müssen alle vier Maschinen schieben. Palaoa muss sich mit einem kurzen Schraubenmenuett begnügen - die geplante Profilsymphonie fällt den Wegverhältnissen zum Opfer. Das Schiff hat an der Antarktis angelegt. Die Einstimmung erfolgt in einem gleichförmigen weißen Raum, „White out“ im Pilotenjargon. Das Auge sucht verzweifelt einen Haltepunkt - nichts - nur Weiß, völlige Kontrastlosigkeit, was sind Konturen? Wo sind Landmarken? Man driftet optisch haltlos dahin. Wer nie nichts gesehen hat, wird’s nicht verstehen. Einzig die „Wochenendsiedlung am Strand“ (Zitat Fahrtleiter zum Containerlager von Neumayer nahe der Eiskante) bietet dem Auge den gesuchten Halt in diffuser Ferne.
Dann kommt die Sonne durch und die Meute schwärmt aus. Der nächste ist einer dieser Tage: So voller Eindrücke, dass ein Wochenbericht damit völlig überfordert wäre. Firnwanderung unten, Helishuttle drüber weg, Bibliothek-im-Eis in grün!, Neumayer in der Tiefe des Schelfeises und blauer Himmel im Ozonloch über uns. Persönliche Schilderungen nach Haus mögen ergänzen. Allein das abendliche Abschiedstreffen mit den Überwinterern an der Schelfeiskante sei erwähnt. Die Sonne schneidet den Horizont im spitzen Winkel und bei mehrstündigem Abendrot lässt sich mit Muße und einem wärmenden Punsch in der Hand die Kulisse der Tafeleisberge betrachten. Dann rufen die Typhone zum Aufbruch, das Schiff schiebt sich locker den Weg frei. Der Wind hat gedreht und die alten Schollen müssen jetzt raus aus der Atka-Bucht damit die katabatischen Herbststürme frisches Neueis bilden können. Während die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwindet, geht ein antarktischer Traumtag zu Ende. Und der Chiefmate spielt Funkers Musik dazu.


 

Wir fahren jetzt gen Osten, und fahren, und fahren, durch blaues Wasser, durch graues Wasser, durch schwarzes und durch weißes Wasser, je nach Beleuchtung und Aggregatzustand. Und einsam taucht dann und wann ein Float(2) ab.
Beeindruckte Grüße aus der Südsee - alle sind gesund und munter!


(1) Im Rahmen der Bemühungen des AWI, das Südpolarmeer möglichst schonend zu erforschen, wurden nahe Neumayer Hydrophone durch das Schelfeis versenkt, die ständig Unterwassergeräusche aufzeichnen: Kollidierende Eisberge, Pinguine anlockende Orcas, musikalische Robben. Jeder kann sich diese Geräusche zu Hause life anhören, Dank der mit dem Internet verdrahteten Station. Bitte informieren Sie sich auf den AWI-Webseiten über Palaoa. Die Vermittlung antarktischer Geräusche durch das Unterwasserohr von Neumayer näher zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen.
(2) Für eine kontinuierliche Beobachtung der Ozeane hinsichtlich ihrer physikalischen Eigenschaften (Temperatur, Salzgehalt) werden seit einigen Jahren im Rahmen des Argo-Projektes „Floats“ verwendet. Diese selbständig agierenden Bojen tauchen in zehntägigen Zyklen auf und ab und liefern über vier Jahre ihre Messungen per Satellit an ein zentrales System; dieses stellt die Daten der wissenschaftlichen Gemeinschaft sofort zur Verfügung. Zur Zeit schwimmen ca. 2800 Floats im Weltmeer herum. Wir fügen im Laufe dieser Expedition 15 hinzu - in einer Gegend, die noch nie etwas von Floats gehört hat.



 
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