ANT XXIII/9, 6. Wochenbericht, 16. März 2007

Zu Besuch bei den Aussies.

Auf dem Prydz Bay Highway.

Geologe Dr. Bernhard Dieckmann präsentiert dem Geophysiker Dr. Karsten Gohl einen Sedimentkern.
In der menschlichen Geschichte gab es reichlich Freitage. Aber warum tragen manche Schwarz? Geräte-GAU bei leichten Wasserspielen. Tausend mal gefiert, Tausend mal ist nix passiert - dann reißt der Draht. Auf 4000 m. Der Neptun weiß, warum. Wie sagte mal ein Fahrtleiter, der auch Bergmann war: Vor der Hacke ist es duster. Wir rätseln, aber das Gerät bleibt im Dustern. Die Ersatz-CTD darf von der Reservebank. Der Multicorer (MUC) kommt zwar zurück, zeigt aber ein interessantes Psi-Phänomen: Manche Rohre sind halb leer, manche halb voll. Horizontal? Das kann ja jeder. Nein - vertikal! Wir rätseln erneut. Über nichts können Wissenschaftler so schön diskutieren, wie über Rätsel. Vermutlich hatte an dieser Stelle schon mal jemand einen MUC genommen; vermutlich der Gleiche - nein - der Selbe, auf selbiger Station. Das Gleiche noch mal! Dann stieben auch noch die Funken. Die Flex kreischt rum. Zu mutig gewesen, zu lang das Lot, vom bleiernen Kopf krumm gezogen, beim hieven gerade gebogen, aber für weitere Lotungen verloren. Interessiert fragt jemand, wie es denn zu dem interessanten Knick im Rohr kommt. Sieben Meter Sediment sind drin, Knickebein tut Lotes Zuverlässigkeit zumindest keinen Abbruch. Wie sollte ein solcher Tag schon enden? Mit einer Brücke voller ratloser Sucher im Dunkeln. Der letzte noch abgängige Lobster wird der CTD bis zur nächsten Subduktionszone Gesellschaft leisten. 22-1=21. Jegliche Diskussionen sind verstummt. Um Mitternacht machen wir uns auf und davon, diese ungastliche Position für immer zu verlassen.
Guten Morgen! Neuer Tag - neues Glück. Die Sonne in einem sehr frühen Blass-Blau-Grau kämpft sich durch diesigen Dunst, um an weich wogenden Wellen reflektiert das Auge des Betrachters zu blenden. Was betrachtet er denn so? Silhouetten in Rot. Sie bewegen sich routiniert und koordiniert auf dem Arbeitsdeck, diesen Draht nach vorn, jenes Kabel nach achtern, Schiebebalken verschieben, Absatzgestell absetzen, der Spillkopf rotiert, hieven, fieren, Schäkel sichern, Schwerelot geht zu Wasser. Es gibt zwei technisch wirklich einfache und entsprechend zuverlässige Geräte in der Forschungsschifffahrt: Der Eimer am Band und das Rohr am Draht. Ein Bleigewicht drückt das Schwerelot in die Pampe und fertig ist das Rohmaterial für eine Promotion. (frei nach dem Vortrag auf der Jungfernreise: „Wie macht man aus Schlamm eine Doktorarbeit?“). Der sich nach oben verjüngende Meeresboden ist noch weich und reagiert nachgiebig auf Beprobungsversuche. Über einen sehr kurzen geologischen Zeitraum ist so was zusammengekommen: 10 km Kerne aus Polarsterns Leben dokumentieren am AWI in einer der umfangreichsten geologischen Bibliotheken die polare Erdgeschichte. Und jeder darf darin lesen, vorausgesetzt er hatte als Sprachkurs ein Geologiestudium belegt. Die versäumte Sandkiste reicht nicht.
Was ist denn eigentlich ein Sedimentkern? Ein Stahlrohr, darin ein Kunststoffliner, 12 cm Ø, wird von 1,5 t Blei in den Boden gezwungen. Unten verhindert ein sinnvoller Mechanismus, dass die Pampe zwar rein, aber nicht wieder raus rutsch - ein Sedimentventil sozusagen, Kernfänger genannt. Zwischen ein und zwanzig Meter gefüllt zurück an Deck, wird der Liner in handliche Meterstücke geschnitten. Diese geben ihren Inhalt nach einem weiteren Längsschnitt in zwei Hälften Preis. Der Geologe stochert mit Spritzen, Spatel und Zahnstochern darin herum und was hängen bleibt, wird Wissenschaft. Semper aliquid haeret. Das kann dauern. Sediment ist eine wunderliche Mischung aus allem, was der Ozean nicht mehr haben will. In Polnähe kommt noch der Abfall der Eisberge dazu. Also kleingemahlener Kontinent vom millionstel Meter bis Kriegerdenkmal-Größe. Herrgotts Komposition der Kontinentalgesteine machen bummelige 20 Minerale aus, die sich in dieser Vielfalt plus ihrer diversen chemischen Umwandlungen im Sediment wiederfinden. Dazu kommen zwei Größenordnungen mehr esoterische Außenseiter, auch geschaffen zur Freude der Mineraliensammler. Dieser „Terrigenanteil“ wird noch interessanter durch Verdünnung, den Biomüll der Natur: Schalenreste. Nein - keine Kartoffelschale - wir nehmen ALLE Abfälle wieder mit nach Hause (bis auf das, worüber man nicht so gerne spricht an Bord). Im Sediment finden sich Hartschalen von abgestorbenem Plankton, kalkig oder kieselig, in Anteilen zwischen einem Gehäuse pro Quadratmeile bis zu 100%. Manche Organismen sind zu faul neue Materialien zu kristallisieren; sie kleben einfach Sand zusammen - wohnen im Körnerhaus. Die Natur ist erfinderisch, Geologen Teil der Natur. Das wilde Korngemenge wird entmischt, gesiebt, geschlämmt, geordnet, am Ende der analystischen Nahrungskette beschreibt ein Haufen Zahlen gegen die Zeit die Erdgeschichte. Deren Interpretation setzt einen Diplomgeologen mit vierdimensionalem (Raum + Zeit) Vorstellungsvermögen voraus, der als finalen Schritt diese per Veröffentlichung der Nachwelt übermittelt. So kommen wir unserer guten alten Erde mit vielen kleinen Erkenntnisschritten mehr und mehr auf die Schliche. Auch durch Sedimentkerne.
Während drinnen die Schlammschlacht tobt, kristallisieren draußen neue Minerale. Simple Zusammensetzung: H2O. Vor drei Wochen waren wir doch schon mal hier? Inzwischen ist das Oberflächenwasser der Bucht härter geworden. Das Schiff zerteilt auf seinem Weg den Variationsreichtum eines gefrierenden Ozeans. Zum Frühstück an Bord sind Pfannkuchen Standard, der antarktische Herbst zieht mit: Pfannkucheneis ist gängiger Beschreiber für frische Eisplatten, groß wie Hände bis Tische, in Wellenbewegung rundgestoßen und die Kante leicht am Pfannenrand aufgekrempelt. Nilas ist auch ein schönes Wort. Halten die Wassermoleküle still, kann sich eine durchgängige Eishaut bilden. Dünn und durchsichtig und noch elastisch und eigentlich nur geschnitten vom Horizont. Aber wir müssen wo hin, wir fahren da einfach durch. Risse zucken durch die Haut wie Blitze, dann zerfällt die polare Pelle in Scheiben. Diese retten sich unter die unverletzten Ränder und wenn man achter-rausblickt, beginnt die Fantasie in diesem infrastrukturell unterbelichteten Gelände Straßen zu verlegen. Das etwas reifere und damit sprödere Stadium zerbricht in eisige Finger, sich ineinander schiebend wie zum Gebet … fehlt einem Inuit‘s reiches Vokabular für Eis und Schnee, versagt hier die Sprache. Mittags Nachtisch verspricht heute „Maple Walnut“ - die Eis-Sprache verstehen wir.
Dieses Schiff hat vier Schrauben, zwei für normale Fahrt und zwei „Strahler“ in Bug und Heck, quer zur Schiffslängsachse. Strahlereinsatz ist zwingend, wenn ein ausgewählter Punkt im Ozean von Interesse ist (Kernstation) oder ein Wertobjekt (OBS) aufgefischt werden soll. Heckstrahlers Schütz schmilzt. (Ein Schütz schaltet auf Zuruf eines kleinen Stroms einen großen.) Wer in 25 Jahren auf ca. 20000 Stationen 1000 Ampere schalten musste, darf auch irgendwann mal schmelzen. Allerdings scheint jetzt die Positionierung weiterer Stationen problematisch. Es ist charakteristisch für die im Hintergrund schlummernde umfassende Expertise dieses Schiffes, dass trotz exakten Ersatzmangels Tage später der Heckstrahler wieder seinen Saft erhält, vor wenigen Wochen bereits in ähnlicher Weise am großen Kran praktiziert. Die Wissenschaft dankt herzlich.
Nicht nur mit Schützen schreibt Polarstern gern Geschichte. In Falle der laufenden Reise ist sie das erste deutsche Schiff in dieser (leicht australisch angehauchten) Gegend. Wir nutzen die Gelegenheit angenehm aufzufallen und laden zum ersten antarktischen 4-Nationen-IPY-Summit. Skurriles Treffen in abgefahrenem Ambiente. Die Sonne scheint auf eine Küste im kontrastreichen Eis-Stein-Wechsel. Unsere Helis schwirren aus, um die Gäste zusammenzutragen. Kapitän und Fahrtleiter sprechen vor einer außergewöhnlichen Ansammlung von Physiognomien hinter Bärten und polarem Outfit auf dunkelblauem Teppichboden. Die Stewardessen reichen kühle Drinks, die Küche hat Kanapees belegt. Die Geschenke sind schaurig-schön, feuergefährlich oder liebevoll - jedes Land nach seinem Gusto (China, Australien, Russland). Kurze Führungen für die artig-beeindruckten Gäste (die haben alle auch große Schiffe) beenden ein herzliches Socializing im Geiste antarktischer Wissenschaftskooperation. Was spricht dagegen, dass das IPY auch in der Antarktis ausgerufen wird.
Am nächsten Tag folgt die Revanche. Mit einer Flut von roten Tempex (Polaroverall) fallen wir über Australiens „Davis“, steinernes Umfeld und Haustiere her. Die Station duldet keinen Zweifel an professionellem Antarktismanagement. Randlich geduckt unter den markanten Gebäuden die 50 Jahre alten Buden aus der Gründerzeit, ein mit Asbest isoliertes Denkmal von Australiens Schritt Richtung Pol. Der Stationsleiter, ein „Profi-Menschenführer“, praktiziert an uns. Der Vermutung, dass das turnhallengroße Lager mit motorisiertem Hochregal für die ganze Antarktis zuständig ist, wird widersprochen. Stationär. Die Wetterwarte mit Ballonhalle würde sich zur Not auch als Hangar eignen. Das rote Feuerwehrgebäude mit artgerechten Fahrzeugen schüchtert schon durch seine solides Auftreten jede Katastrophe prophylaktisch ein. Zum krönenden Abschluss DÜRFEN die einen sich am Strand von See-Elefanten-Bullen mit Gammelfischmaulgeruch anrülpsen lassen, die anderen MÜSSEN das vor Ort selbst gebraute Bier probieren. Die Letzten, weit über das Probierstadium hinaus, werden in das Taxiboot zum Schiff gezogen.
Irgendjemand wäre lieber in die Amanda Bay gefahren - und keiner weiß, warum eigentlich. Wir grüßen sehr herzlich alle Kinder, deren Rabeneltern - und Eltern, deren Rabenkinder - sich in Richtung Süden abgesetzt haben.
Prof. Dr. H.-W. Hubberten (Fahrtleiter), Dr. Hannes Grobe und Expeditionsteilnehmer


