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ANT-XXIII/9, 1. Wochenbericht, 12. Februar 2007

Eine Expedition entfaltet sich. Nachdem alle Personen mit fast allen Koffern an Bord sind, verlässt Polarstern die Bunkerpier in Punta Arenas am späten Nachmittag des 2. Februar 2007. Von Rückenwind und Strömung unterstützt, laufen wir mit Wasserskigeschwindigkeit aus der Magellanstraße in Richtung unserer ersten Station, die sich auf den Schiffsmonitoren mit „pick me up Mabel" identifiziert. ETA (estimated time of arrival) in gut einer Woche. Da Neptun uns seine stürmischsten Breitengrade zur Begrüßung äußerst wohlwollend präsentiert, beginnt die Entfaltung umgehend.

Das erste angewandte Werkzeug ist ein Bolzenschneider zum Öffnen der Vorhängeschlösser, deren Schlüssel zu Haus bleiben durften; die Seesackinhalte versprechen ihren zugewiesenen Besitzern warme Gliedmaßen auch in hohen Breiten; die ersten Schneeschuhe werden beim morgendlichen Spaziergang an Deck getestet - Kommentar der Bordwetterwarte beim Anblick des martialisch-riesigen Schuhwerks: „Vermutlich liegt auf dem Peildeck ein halber Meter hoch Schnee". Aber davon sind wir noch weit entfernt. Die ersten messenden und pumpenden Disziplinen erwarten mit Spannung die Überschreitung der 200 Meilen Zone und die Lote werfen schon mal ein vorsichtiges ‚Ping' in die Tiefe, um das Echo zu testen. In kleinen und großen, dienstlichen und privaten Treffen festigt man die ersten flüchtigen Flugzeugbekanntschaften und freut sich auch nach Tagen noch wieder mit einem neuen Gesicht am Tisch zu sitzen. Während die neuen Gesichter weniger werden, nimmt die Orientierung an Bord zu.

Die Entfaltung ist mannigfaltig, teilweise mühsam aber auch spannend, manchmal mit dem Öffnen einer russischen Babuschka vergleichbar: Im Schiff lagern Container, darin Stapel von Kisten gefüllt mit Kartons. Die Funktion der daraus befreiten Geräte möchte sich häufig nur dem Eigner erschließen wollen und sollen. Fremder Geräte Knöpfe zu drücken, ist strengstens verpönt. Und auf der Brücke ganz besonders.

Die Echolote geben sich beim Hochfahren störrisch. Erst mit der Überredungskunst des ihnen vertrauten Bordelektronikers zaubern sie bunte Tiefenlinien auf die Monitore. Jeder Tiefenwert wird zur neuen Karte des Südpolarmeeres beitragen, die weißen Flecken sind in diesem Teil der Erde noch verbreitet und ausgedehnt - ein Ziel dieser Reise ist, sie zu verkleinern.

Tausche Probenbeutel gegen Mauspad. Schwarze renitente Schläuche - Atemschläuche von ‚Kanonen' - schlängeln sich über Planken, gebändigt durch blaue Overalls und gelbes Tape. Findet das blonde Mädchen mit dem gelben Sucher den hinter dem feuerverzinkten Großkastengreifer versteckten Peilsender der OBSe? (Es ist ein Test für den Sucher, nicht für das Mädchen). Und der MABEL-Fänger darf schon mal Probebaden. Rätselhafte Akronyme mögen den Leser mit Spannung die nächsten Wochenberichte erwarten lassen und auf Entspannung hoffen.

Hat eine Schiffsexpedition Landgänger dabei, also solche, die Polarstern nur als Taxi benutzen, ist die Anreise zum Arbeitsgebiet notwendige logistische Test- und Packphase. Sind an den Tomaten die Türen dicht? (zur Verinnerlichung antarktischen Vokabulars: Tomate = roter runder Wohniglu). Halten die neuen größeren Zelte den katabatischen Winden stand? Es wird diskutiert, ob man sie durch die abendliche Einnahme einer doppelten Portion Bratkartoffeln heizen solle? Man könnte zwar bei der chinesischen Station anfragen, ob sie ein Fässchen Benzin ausgeben, aber der nächste Super-/Baumarkt ist mehrere Tausend Kilometer entfernt. Mettwurst vergessen, der Schiffskoch hilft aus. Auch die Bestandsaufnahme von Müsliriegeln und Earl Grey ist zwingende Voraussetzung für eine gelungenes Geologencamp, den Geologenhammer eh immer am Mann/Frau. (Der Leser wird zu recht vermuten, dass zu einem mehrwöchigen Landaufenthalt in der Antarktis noch einige Dinge mehr gehören).

Umgangssprachlich könnte man die Wasseroberfläche der ersten Anreisetage auch als Ententeich bezeichnen - Ententeich mit Eis - und Pinguinen statt Enten - denn am 5. Februar kommen wir in der Antarktis an - wir überschreiten den 60. Breitengrad morgens um 8:15 Uhr und kurz vor dem Dinner ‚taucht' das erste befrackte Begrüßungskomitee auf, Debüt mit prächtigen Eisbergen in der Kulisse. Blaues Eis = altes Eis, rundgelöst, turn-over, blau-weiß gebändert mit Kavernen, Tunneln, Säulen und türkis-leuchtenden Lagunen - ach währ doch bloß das Wasser wärmer! Geschichtsträchtige Berge, ausreichend für die Monatsration Trinkwasser einer Kleinstadt - Eisberge, die schon viel gesehen haben vom Südpolarmeer - viele von uns dagegen sind hier ganz neu und entsprechend berechtigt fasziniert. Die alten Hasen dürfen keine Eisberge mehr fotografieren. Die Familie hats verboten. Der Weddellwirbel dreht rechts herum und alles, was hineingerät, wird mitgedreht, bis es nördlich der Halbinsel die Weite sucht und in ihr schmilzt.

Und dann sind die Enten weg. Wir sind auf der südlichen Halbkugel, und die Zyklone rotieren entgegengesetzt ihrer nördlichen Pendants. Bei einem Tiefdruckgebiet mit Kern über dem Weddellmeer und Ausläufern, die bis nach Brasilien reichen, spielt das allerdings keine Rolle. Die ruhigen Tage wie fortgeblasen und der Schneematsch klatsch horizontal an die Schiffsaufbauten. Die Außendecks menschenleer weil betreten verboten und Salzwasserduschen eiskalt sind. Neptuns Test, wer denn nun seefest ist, gehört natürlich auch zu einer Polarkreis kreuzenden Anreise.

Und zum allabendlichen Treffen im sich wiegenden Kinosaal resümiert nicht nur der Fahrtleiter den vergangenen Tag und der Meteorologe das zukünftige Wetter, auch lässt sich ein erwählter Seniorwissenschaftler in die Karten seines Programms schauen, auf dass alle bestens informiert den Dingen entgegen sehen können, die da auf uns zukommen.

Es grüßt sehr herzlich ein gesundes und wohlgemutes Expeditionsteam!








 
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