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ANT XXIII/8, Wochenbericht Nr. 2, 3. Dezember 2006

Strahlender Sonnenschein, majestätische Eisberge in ruhiger See, so begrüßte uns am Freitag die Antarktis. Die ersten Pinguine und Robben werden gesichtet, sie ruhen sich von ihren Streifzügen durch den Ozean auf den Eisschollen aus. Die Wassertemperatur war schon zwei Tage vorher auf kurzer Distanz von über 3° auf Werte wenig über dem Gefrierpunkt gefallen. Dieser Temperaturabfall markiert die "Antarktische Konvergenz", eine Wassermassengrenze zwischen wärmeren subtropischen Gefilden und dem eiskalten Südpolarmeer. Kurz vorher wurden von Enrique Isla, unserem mexikanischen Ozeanologen, der die spanische Arbeitsgruppe leitet, und Christian Bock vom AWI zwei Driftbojen für Kollegen von der Universität Paris ausgesetzt. Diese Geräte senden regelmäßig per Satellit ihre Position und verschiedene physikalische Messgrößen an das Heimatinstitut. Die so gewonnenen Daten sollen später zum besseren Verständnis des Kohlendioxid-Haushaltes der Meere und der Atmosphäre beitragen. Den Fahrtteilnehmern und insbesondere den Neulingen standen das plötzlich so schön gewordene Wetter und die neuen Eindrücke deutlich ins Gesicht geschrieben. Den Sturm und die raue See der vergangenen Tage, haben wir hinter uns gelassen. Kapitän Pahl's Kommentar: "auf hoher See ist so etwas doch ganz normal". Jetzt geht das emsige Einrichten der Labors und Aufbauen der Probennahmegeräte unter tüchtiger Hilfe der Decksmannschaft weiter.

Jede Arbeitsgruppe bekommt auch die Gelegenheit, ihre Einzelvorhaben in Kurzvorträgen darzustellen. Dies nehme ich zum Anlass, die beiden Kernprojekte der Expedition in diesem und einem der nächsten Wochenberichte kurz zu erläutern. Unsere Aktivitäten östlich der Antarktischen Halbinsel werden einen umfangreichen Beitrag zum internationalen Programm "Census of Antarctic Marine Life" darstellen. Es geht darum, ökologische Prozesse in einem bisher kaum erreichbaren Gebiet zu erforschen. Dabei reichen unsere Forschungsobjekte von Bakterien bis zu den Walen und schließen ökologische Umweltparameter ein. Die Gebirgsketten der Antarktischen Halbinsel und vorherrschende Winde aus Westen haben dazu geführt, dass hier die weltweite atmosphärische Erwärmung besonders ausgeprägt ist. Dadurch sind in den vergangenen 15 Jahren die mit dem Inlandeis verbundenen schwimmenden Eistafeln Larsen A und B weggebrochen und als Eisberge davongedriftet. Biologen fragten sich schon seit langem, welche Lebewesen gab es überhaupt unter dem Schelfeis und wie funktioniert ein solches einzigartiges Ökosystem? Immerhin ist ein Drittel des gesamten Antarktischen Kontinentalsockels von solchem Schelfeis bedeckt, wovon bisher - klimabedingt - glücklicherweise nur 1% verschwunden ist. Können wir Berichte bestätigen, die dort eine Lebensgemeinschaft beschreiben, deren Energiebedarf nicht durch das Sonnenlicht sondern durch Gase gedeckt wird, die aus dem Meeresboden austreten? Welchen Einfluss hatte die kurzfristige Kalbung Hunderter von Eisbergen auf die Fauna am Meeresboden? Welche Zukunft hat die bisherige Lebensvielfalt unter den ganz neuen Bedingungen des offenen Wassers?

Das sind die Fragen, die wir uns für diese Expedition gestellt haben. Wir sind zuversichtlich, in den nächsten Wochen reichhaltiges Datenmaterial zu erheben, um zur ihrer Beantwortung beizutragen. Die Neumayer-Station ist durch die günstigen Meereisverhältnisse schon fast in greifbare Nähe gerückt.

Wir hoffen alle sehr, dass wir weiter so gut vorankommen und senden viele Grüße nach Hause.

Ihr Julian Gutt


 
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