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ANT XXIII/8, Wochenbericht Nr. 8, 21. Januar 2007

Schon am letzten Wochenende zeichnete sich ab, dass dies die wissenschaftlich ereignisreichste Woche werden würde. Am Sonnabend ging es mit dem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug (ROV) auf die Suche nach einer unterseeischen Gasquelle und einer damit einhergehenden besonderen Lebensgemeinschaft am Meeresboden.

An solchen Stellen benötigen die Bakterien, die am Anfang einer Nahrungskette stehen, im Gegensatz zu Pflanzen kein Sonnenlicht. Sie decken ihren Energiebedarf aus den Gasen Methan und Schwefelwasserstoff. Solche Bakterien leben im und auf dem Sediment aber auch in Symbiose mit höheren Lebewesen. In letzterem Fall formiert sich um eine solche Gasaustrittstelle ein einfaches Ökosystem.

Eine U.S. amerikanische Arbeitsgruppe hatte vor zwei Jahren mit einem geschleppten Videosystem Hinweise auf einen solchen so genannten "cold seep" bekommen. Mit unserem ROV, gesteuert von dem vielleicht in Deutschland erfahrensten ROV-Piloten Werner Dimmler, fanden wir dann auch diese Stelle. Im Nachhinein stellte sich diese als "Stecknadel im Heuhaufen" heraus. Die einzelnen Bereiche, wo das Gas aus dem Boden in gelöster Form ins Wasser tritt, sind durch nur 30cm große Ansammlungen einer ganz bestimmten Muschelart zu erkennen. Sie nehmen die Gase in ihrem Körper auf und leiten sie an die in ihren Kiemen lebenden Bakterien weiter. Die Muscheln profitieren von dieser Symbiose, indem sie sich von den Bakterien ernähren. Die von uns gefundenen "Muschelnester" verteilten sich nur auf eine kleine Fläche, so dass wir Glück hatten, sie überhaupt zu finden.

Noch waren wir erst so weit, wie unsere amerikanischen Kollegen bereits vor uns gekommen waren. Die große Herausforderung stand uns jedoch noch bevor, nämlich diese Stellen auch zielgenau zu beproben. So wurden weitere Geräte eingesetzt, die teilweise auch mit Videokameras bestückt sind. Schließlich konnten wir, in erster Linie der Mikrobiologe Helge, bereits an den Sedimentproben riechen, dass hier das Gas im Boden "steckt". Die ersten Muschelschalen wurden mit Begeisterung von Olaf, Kerstin, Americo und dem ganzen Team der Makrobenthologen aus dem mit den Greifern erbeuteten Schlamm herausgespült. Lebende Exemplare haben wir nicht gefunden, aber wir haben genügend Material, um nach eingehender Analyse zu Hause zur Beantwortung folgender Fragen beitragen zu können: Warum gibt es ausgerechnet hier, unter dem ehemaligen Larsen B Schelfeis, den bisher wohl einzigen bekannten marinen Seep in der Antarktis? Sind die vielen toten Schalen ein Hinweis darauf, dass diese spezielle Lebensgemeinschaft durch den Kollaps des Schelfeises gelitten hat?

Nachdem wir an dieser Stelle alle unsere Möglichkeiten ausgeschöpft hatten, ging es weiter an die nördliche Küste des Larsen B Gebietes. Eine Stelle, von der bekannt war, dass sie die gewünschte geringe Wassertiefe von ungefähr 250m haben würde, war in den Tagen zuvor durch kurzen aber heftigen Südwind mit Tausenden bizarrer Eisklumpen bedeckt. Es ist nur schwer auszumachen, ob es sich dabei um aufgetürmtes Meereis, kleine Bruchstücke des ehemaligen Schelfeises oder von Gletschern handelt. Nun mussten wir also im "Niemandsland" eine andere Stelle suchen.

Mitten in der Nacht tauchte in der vom Fächerlot online erstellten Karte des Meeresbodens eine so genannte Eisbergbank auf. Überall dort in der Antarktis, wo solche unterseeischen Erhebungen eine relativ steile Flanke haben, stranden besonders viele Eisberge. Dort wurde am nächsten Morgen die Beprobung der Tierwelt fortgesetzt. Die Videobilder zeigen wieder einmal teils einen völlig durchwühlten Meeresboden, dazwischen gibt es dicht an dicht große Seescheiden und selten nur die im östlichen Weddellmeer so häufigen Schwämme. Unweit davon entfernt kommentierte der Erste Offizier Uwe Grundmann: "Das sieht ja aus wie im Steinbruch."

Am Sonnabendabend haben wir Larsen B verlassen und versuchen jetzt doch noch durch Stationsarbeiten in Larsen A den spannenden Vergleich zwischen beiden Gebieten zu schaffen. Wir sind alle wohlauf und bei guter Laune, die durch den strahlenden Sonnenschein und der fantastischen Eislandschaft begünstigt wird.

Wie schon so oft grüßt stellvertretend für alle der Fahrtleiter.

Ihr Julian Gutt


 
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