Fahrtbericht Nr. 3, FS Heincke
Nach einem Tag Oststurm mit starkem Schwell auch auf der Westseite der Inseln, den wir in der gut geschützten Bucht von Scapa Flow abwettern müssen, nutzen wir ein aufkommendes Wetterfenster mit geringen Winden, um vor Saviskaill Head zu tauchen. Die im Norden der Insel Rousay ins Meer ragende Steilklippe ist ein extrem exponierter Standort. Bei Westwinden können die Wellen einen langen Anlauf von Amerika über den gesamten Atlantik nehmen. Periodisch setzt ein starker Strom mit über fünf Knoten durch den Westray Firth. Selbst bei Stauwasser, also der strömungsarmen Zeit rund um Hoch- oder Niedrigwasser, bilden sich vor den Klippen große Stromwirbel, die das Tauchen hier sehr anspruchsvoll gestalten.
Wir sinken an einer Steilwand bis in 25 Meter Tiefe. Der gesamte Fels, der sich an den Braunalgen-Gürtel in 12 Meter Tiefe anschließt, ist überzogen mit Organismen, die starke Wasserbewegung bevorzugen. Gewaltige Flächen sind bewachsen mit der Weichkoralle Alcyonium, besser bekannt als tote Mannshand, mehrere Arten von Blumentieren wie Sagartia und abertausende Polypen von Tubularia strecken ihre Tentakel nach Nahrung aus. Die starke Strömung und der hohe Schwell, die einen Taucher um mehrere Meter versetzen können, erschweren die Probenahme. Trotzdem gelingt die Beprobung von Tubularia. Die Tentakel dieser sessilen, blumenähnlichen Tiere sind mit Nesselzellen besetzt. Deren Aufgabe ist es, die einmal in Berührung gekommene Beute schlagartig bewegungsunfähig zu machen, damit sie keine Möglichkeit mehr hat, zu entkommen.
Bei genauem Hinsehen werden winzige, farbenprächtig gemusterte Nacktschnecken entdeckt, welche die Tubularien beweiden. Bislang ist der Ursprung der Gifte nicht bekannt. Sind die Tiere oder deren bakterielle Untermieter die Giftproduzenten?
An Bord der HEINCKE entnehmen Hilke, Karl und Christian den Tieren kleine Tentakelproben, um sie auf bakterielle Untermieter zu untersuchen. Karl findet neben den gifttragenden Nesselzellen mikroskopisch kleine, organähnliche Bakterienaggregate in der äußeren Tentakelgewebeschicht. Die weitere mikroskopische Untersuchung der auf Tubularia grasenden Nacktschnecken, wie z.B. Coryphella lineata, zeigt in deren Rückenanhängen neben den bekannten Nesselzellen ebenfalls Bakterienaggregate. Unklar ist bislang wie die chemische Verteidigung (Nesselzellen) und die Bakterienaggregate in die Rückenfortsätze der Nacktschnecken gelangen konnten. Auch kennen wir die Funktion der organähnlichen Bakterienansammlungen noch nicht. Aufschluss sollen die Laborarbeiten auf Helgoland in Kooperation mit dem GKSS Forschungszentrum geben. Dort werden Bakterienkulturen aus den Tentakeln von Tubularia und den Rückenfortsätzen der Nacktschnecken auf ihre toxischen Aktivitäten hin untersucht. Molekularbiologische Ansätze (PCR; DGGE) werden Auskunft über deren taxonomische Zugehörigkeit geben.
Am Ende der Fahrt können wir vor Burgh Head einen weiteren, stark exponierten Standort betauchen. Die Gezeitenströme verwirbeln hier das Wasser und begünstigen das Vorkommen von Nesseltieren wie Tubularia und Alcyonium. Am Eingang einer großen Meeresgrotte, durch deren verzweigtes System an windigen Tagen heftige Strömungen ziehen müssen, finden sich gewaltige Seescheidenkolonien und Ansammlungen von Federsternen. Wir sammeln wiederum kleine Nacktschnecken, die sich auf den Nesseltieren und teilweise auch auf Rotalgen finden, und haben keine Zeit mehr, das Innere der Grotte weiter zu erkunden.
Wir konnten trotz teils unvorteilhafter Wetterbedingungen viele Standorte beproben und auch ausreichend Quallen sammeln. Die Arbeit auf der HEINCKE ist beendet und wir machen uns mit einer großen Menge an gesammelten Proben auf den Rückweg nach Helgoland, wo die weitere Aufarbeitung in den Laboren der Biologischen Anstalt Helgoland und im GKSS Forschungszentrum noch genügend Arbeit für die nächste Zeit liefern wird…
Uli Kunz, im Namen des ganzen Teams:
Christian Schütt, Mikrobiologe, Fahrtleiter, AWI/BAH
Hilke Döpke, Biologisch-Technische Assistentin, AWI/BAH
Stefan Bleck, Doktorand der Uni Hamburg und Forschungstaucher, AWI/BAH
Robert Lehmann, Forschungstaucher, AWI/BAH
Sebastian Fuhrmann, Forschungstaucher, AWI
Heike Helmholz, Biopharmakologin, GKSS Forschungszentrum
Christiane Ruhnau, Chemisch-Technische Assistentin, GKSS Forschungszentrum
Nico Fitz, Ingenieur der Umwelttechnik, GKSS Forschungszentrum
Annika Wiebring, Doktorandin der Uni Hamburg und GKSS Forschungszentrum
Uli Kunz, Forschungstaucher, GKSS Forschungszentrum
Peter Gaffal, Zoologe, Uni Erlangen-Nürnberg
Karl Herrmann, Entwicklungsbiologe, Uni Erlangen-Nürnberg

Die Nacktschnecke Coryphella lineata, die sich von Polypen der Art Tubularia indivisa ernährt. Der Kopf des Polypen ist am unteren Bildrand zu erkennen.

Der Mann am Mikroskop: Karl Herrmann ist Bakterienaggregaten auf der Spur


