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Fahrtbericht Nr. 1, FS Heincke

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

Mit lautem Gepolter rasselt der schwere Anker der HEINCKE in 25 Meter Tiefe auf den Grund der Waukmill Bay in Scapa Flow, einem gewaltigen, rundum von Inseln und Klippen geschützten Naturhafen inmitten der Orkney Inseln (Schottland).
Nach zwei anstrengenden Tagen gegen Sturm und Welle der Nordsee hat mit der Fahrt durch den Hoxa Sound in die weite Bucht die gewöhnungsbedürftige Schaukelei vorerst ein Ende gefunden und wir werden nach einer dringend benötigten ruhigen Nacht unsere Arbeit beginnen können.

"Wir", das ist eine bunte Gruppe aus zwölf Wissenschaftlern (Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven (AWI), GKSS Forschungszentrum, Geesthacht, Uni Erlangen-Nürnberg und Uni Hamburg), darunter vier Forschungstaucher und natürlich der gesamten Besatzung des Forschungsschiffs HEINCKE mit Kapitän Robert Voss.
Die diesjährige Forschungsfahrt der HEINCKE dient der Probengewinnung von Quallen (die im Gebiet hauptsächlich vorkommenden Feuerquallenarten Cyanea capillata und C. lamarckii, sowie die Ohrenqualle Aurelia aurita gelten als gefährliche Fischräuber), Seeanemonen und anderen festsitzenden Nesseltieren in den wenig belasteten Gebieten der Orkney Inseln und der Äußeren Hebriden.

Die meisten Menschen sind sicherlich schon einmal mit diesen Tieren in Berührung gekommen und erinnern sich wohl gut an den oft schmerzhaften Kontakt, bei dem aus winzigen Nesselkapseln stark wirksame Toxine in die vermeintliche Beute geschossen werden.

Weniges ist allerdings bekannt über Ursprung, Produktionsstätten und Wirkmechanismen dieser Gifte. Christian Schütt, Mikrobiologe des AWI/BAH Helgoland vermutet schon seit längerem, dass die komplex zusammengesetzten Toxine u.a. mit Hilfe von Bakterien produziert werden könnten, die mit den Nesseltieren eine Lebensgemeinschaft bilden. Zusammen mit Hilke Döpke untersucht er die komplizierten Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Bakterienarten und Nesseltieren, während die Biopharmakologin Heike Helmholz zusammen mit Christiane Ruhnau, Annika Wiebring und Nico Fitz vom GKSS Forschungszentrum die chemische Struktur und die Wirkmechanismen der Gifte analysieren.

Der Biologe Stefan Bleck sammelt von den gefundenen Scheibenquallen die Larven, um aus ihnen an der Universität Hamburg Polypen zu züchten, an denen er für seine Doktorarbeit den Einfluss von Schwermetallen auf den Lebenszyklus untersuchen wird. Der Schwerpunkt der Promotionsarbeit von Annika Wiebring liegt auf der Untersuchung der Wirkmechanismen der gefundenen Toxine.

Aufgrund der Wetterlage mit immer noch stürmischem Wind aus Nordwest findet der erste Tauchgang in der geschützten Waukmill Bay im Norden von Scapa Flow statt. Als großer Vorteil erweist sich das neue Schlauchboot aus Bremerhaven, das von der Tauchergruppe um Einsatzleiter Stefan Bleck schon direkt an Deck der HEINCKE mit der schweren Ausrüstung beladen werden kann und dann nur noch mit dem Bordkran ins Wasser gehoben werden muss.

Nach kurzer Fahrt sind wir am Tauchplatz angekommen, legen Bleigürtel, Pressluftflasche und Sicherheitsleine an und ziehen die Masken auf. Forschungstauchgänge werden grundsätzlich einzeln oder im Paar durchgeführt, damit immer ein Reservetaucher und ein Fahrer im Boot verbleiben, um in gefährlichen Situationen oder schnellen Wetterwechseln rechtzeitig eingreifen zu können. Beginn und Ende aller Tauchgänge während dieser Fahrt werden über Funk an die Brücke der HEINCKE gemeldet, um die größtmögliche Sicherheit in diesen abgelegenen Gebieten zu gewährleisten.

Für schnelle Hilfe, z. B. bei Ausfall des Außenbordmotors, ist das Beiboot der HEINCKE immer in der Nähe und über Funk erreichbar und transportiert die empfindlichen Proben zu den großen Hälterungsbecken an Deck, wo die einzelnen Organismen von Peter Gaffal taxonomisch erfasst und von Karl Herrmann auf bakterielle Lebensgemeinschaften mikroskopisch untersucht werden.

Im 11 Grad kalten Wasser des Atlantiks sinken wir in 12 Meter Wassertiefe auf einen sanft abfallenden, auf den ersten Blick recht eintönig wirkenden Hang. Doch auf und unterhalb der Oberfläche findet sich vielfältiges Leben: Auffallend viele Krebstiere, besonders der Furchenkrebs Galathea, finden zwischen Steinen Unterschlupf, kleine Jungfische schwimmen umher, Gespensterkrabben und Widderkrebschen verstecken sich in den aufwachsenden Braun- und Rotalgen, die wiederum als bevorzugte Nahrung von Nacktschnecken herhalten müssen. Unsere Suche gilt an diesem Tauchplatz allerdings der Zylinderrose Cerianthus spec., deren Wohnröhre sich tief in den Sandgrund zieht. Die Tiere verschwinden bei Berührung sofort darin und müssen dann aus dem Sandgrund gegraben werden, um sie nicht zu verletzen. Nach 40 Minuten sind wir mit gefüllten Sammelnetzen zurück im Schlauchboot und bereiten den nächsten Taucher für seinen Einsatz vor.

An diesem Abend wird auch schon wieder der Anker gelichtet und die HEINCKE verlässt die Orkney Inseln durch den Pentland Kanal mit Kurs auf die Äußeren Hebriden, wo wir hoffen, am darauffolgenden Tag auf der windgeschützten Ostseite der Insel Lewis Quallen zu finden.

Stornoway, die Stadt auf der Nordinsel Lewis, liegt vor uns, als wir nach einer recht ruhigen Nacht die beiden Boote aussetzen und uns mit Fangeimern und großen Wasserbecken auf die Quallenjagd begeben. In ruhigen Buchten und kleinen Fjorden werden wir schließlich fündig und können Feuer- und Ohrenquallen der HEINCKE übergeben. Die Boote müssen nach jedem Einsatz kräftig gespült werden, weil die Nesselkapseln der teilweise abgerissenen Tentakel der Feuerqualle auch noch nach einiger Zeit der Austrocknung explodieren können.

Zur Aufbereitung für die Untersuchung der Toxine entnehmen Heike, Christiane, Annika und Nico den Quallen im Nasslabor die mit Nesselzellen bewaffneten Tentakel. In destilliertem Wasser lösen sich danach die winzigen Nesselkapseln aus ihrem Zellverband und werden durch Zentrifugation angereichert. Übrig bleibt nach 10 Stunden der Lohn der Arbeit: eine hochkonzentrierte Suspension von in Wasser gelösten Nesselkapseln, die für die weitere Untersuchung im heimischen Labor an Bord der HEINCKE eingefroren wird.

Die Wettervorhersage für die nächsten Tage wird zeigen, welchen Ort wir ansteuern können, um sowohl weitere Quallen zu fangen als auch Nesseltiere aus größeren Tiefen zu sammeln.

Uli Kunz, im Namen des ganzen Teams:
 
Christian Schütt, Mikrobiologe, Fahrtleiter, AWI/BAH
Hilke Döpke, Biologisch-Technische Assistentin, AWI/BAH
Stefan Bleck, Doktorand der Uni Hamburg und Forschungstaucher, AWI/BAH
Robert Lehmann, Forschungstaucher, AWI/BAH
Sebastian Fuhrmann, Biologiestudent und Forschungstaucher der Uni Oldenburg und AWI
Heike Helmholz, Biopharmakologin, GKSS Forschungszentrum
Christiane Ruhnau, Chemisch-Technische Assistentin, GKSS Forschungszentrum
Nico Fitz, Ingenieur der Umwelttechnik, GKSS Forschungszentrum
Annika Wiebring, Doktorandin der Uni Hamburg und GKSS Forschungszentrum
Uli Kunz, Forschungstaucher, GKSS Forschungszentrum
Peter Gaffal, Zoologe, Uni Erlangen-Nürnberg
Karl Herrmann, Entwicklungsbiologe, Uni Erlangen-Nürnberg

Nicht ohne meine Handschuhe: Die Tentakel der Feuerqualle können auch lange nach dem Tod des Tieres schmerzhaft brennen.

Staubwedeln unter Wasser: Taucher Robert Lehmann beim Ausgraben einer Zylinderrose, die sich mit ihrer Wohnröhre weit in den Sand zurückgezogen hat.

Immer an der Leine: Der erste Tauchgang der Forschungstaucher in der Waukmill Bay in Scapa Flow. Taucher Sebastian Fuhrmann hat die Aufgabe, Nesseltiere zu sammeln, Reservetaucher Robert Lehmann bleibt zur Sicherheit im Boot

Blau in Grau: Das Forschungsschiff HEINCKE vor regnerischer Kulisse der Insel Lewis auf den Äußeren Hebriden


 
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