Forschung aus der Luft - Zur Geschichte der Polarfliegerei
Die geographische Erforschung der Polargebiete und insbesondere das Erreichen der Pole übte eine große Faszination auf die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Abenteuerlust, Entdeckerdrang und auch wissenschaftliche Motivation trieben sie an, lange, beschwerliche und manches Mal auch lebensgefährliche Reisen zu unternehmen, die von hoher medialer Präsenz begleitet wurden. Um die schwer zugänglichen Gebiete in Arktis und Antarktis einzusehen, dienten Fluggeräte als wichtige Hilfsmittel. Stets setzte man auf die modernste Technik der Zeit, zunächst Freiballone, später Zeppeline und Flugzeuge. Mit dieser Entwicklung sind abenteuerliche Geschichten verbunden.
Der erste Einsatz eines bemannten Freiballons in der Arktis gelang 1897 dem schwedischen Ingenieur Salmon August Andrée. Er startete seine Expedition mit zwei weiteren Mitstreitern auf Spitzbergen, von dort aus wollte er sich von der Luftströmung über das Nordpolarmeer zur Beringstraße treiben lassen und dabei den Nordpol überfliegen. Die Reise mit dem Ballon „Örnen“, schwedisch für „Adler“, endete drei Monate später mit dem Tod aller drei Teilnehmer. Erst 30 Jahre nach dem Unglück wurden die Leichen von Robbenfängern auf der „Weißen Insel“ Kvitoya entdeckt. Andrées Tagebuch, sowie eine Fotokamera mit unbeschädigtem Film und Kartenmaterial wurden bei den Leichen gefunden und konnten ausgewertet werden. Der Flug hat demnach nur drei Tage gedauert und war sehr beschwerlich, weil der Ballon vom Regen feucht und schwer wurde und immer wieder auf dem Boden aufsetzte, bis er schließlich endgültig landete. Insgesamt waren die Polarforscher bis auf 82°56' nördliche Breite gekommen, was etwa einem Drittel der Strecke zum Nordpol entsprach. Die drei Männer unternahmen von da an eine fast drei monatige Wanderung, um Cape Flora zu erreichen, ein Vorratslager auf Franz-Josef-Land, östlich von Spitzbergen. Sie wurden dabei aber weit abgetrieben und erreichten nur mit Mühe Kvitoya. Die Todesursache ist ungeklärt. Es wird spekuliert, dass die Männer mit Trichinen verseuchtes Eisbärenfleisch gegessen haben und an den Folgen des Fadenwurmbefalls starben.
Erich von Drygalski, ein Geograph, Geophysiker und Polarforscher leitete von 1901 bis 1903 die erste deutsche Antarktis-Expedition. Im März 1902 gelang es Drygalski, an Bord eines Fesselballons, auf 500 Meter Höhe aufzusteigen. Der Ballon war mit Wasserstoff gefüllt, welcher an Bord des Expeditionsschiffes „Gauss“, in Gasflaschen gelagert wurde. Vom Ballon aus konnte er die weitere Umgebung erkunden. Drygalski erblickte dabei eine dunkle Erhebung nahe der antarktischen Küste, welche als Erkundungsziel festgelegt wurde. Die Forscher entdeckten einen erloschenen Vulkan von 370 Metern Höhe, den sie „Gaussberg“, nach ihrem Expeditionsschiff nannten. Die Expedition war ein wissenschaftlicher Erfolg und bracht unter anderem geografische Erkenntnisse über eine bis dahin unerforschte Region der Erde. Kaiser Wilhelm II. soll allerdings unzufrieden darüber gewesen sein, dass der Südpol nicht erreicht wurde. Drygalski gab nach seiner Rückkehr zu verstehen, dass er sich nicht an einem Wettlauf zu den Polen beteiligen wolle: „Für die Polarforschung ist es unerheblich, wer als erster am Pol steht.“
Der US-amerikanische Reporter Walter Wellmann beteiligte sich dagegen sehr wohl an dem Wettstreit. Er bekam 1905 von der amerikanischen Zeitung „Record-Herald“ den werbewirksamen Auftrag, als erster Mensch den Nordpol mit einem Luftschiff zu überqueren. Wissenschaftlicher Ehrgeiz spielte dabei weniger eine Rolle als der schlichte Wunsch, der Erste zu sein. Nach einem vergeblichen Versuch 1906, gelang es Wellmann im Sommer 1907 mit dem Luftschiff „America“ von Spitzbergen aus zu starten. Die Fahrt endete bereits nach 24 Kilometern mit einer Bruchlandung. 1909 startete Wellmann einen weiteren Versuch, nach diesmal etwa 65 Kilometern musste er aber aufgrund technischer Schwierigkeiten aufgeben.
1925 erreichte der norwegische Polarforscher Roald Amundsen zusammen mit Lincoln Ellsworth, einem US-amerikanischen Millionärssohn, mit zwei Flugbooten des Typs „Dornier Wal“ die Position 87° 44' nördliche Breite. Nie zuvor war man dem Nordpol mit einem Flugzeug näher gekommen. Die Flugboote waren so konstruiert, dass sie im Wasser auf dem Bauch landen konnten. Eine der Maschinen wurde bei einer außerplanmäßigen Landung irreparabel beschädigt. Amundsen und seine Crew brauchten mehrere Wochen, um eine Startpiste für das unversehrte Flugzeug zu bauen. Ihren mitgeführten Proviant mussten sie so einteilen, dass sie nicht mehr als 400 Gramm täglich zu sich nahmen. Trotzdem schafften sie es, rund 600 Tonnen Schnee für den Bau der Startpiste zu bewegen und heim zu fliegen, wo sie bereits verschollen geglaubt waren.
Ein Jahr später, 1926, ging der Traum der Nordpol-Überquerung aus der Luft endlich in Erfüllung. Nicht ganz klar ist allerdings, wem die Ehre gebührt, diesen Erfolg sein eigen zu nennen. Der US-amerikanische Polarforscher und Admiral Richard Byrd behauptete, am 9. Mai 1926 mit einer dreimotorigen Fokker den Pol überflogen zu haben. Aufgrund fehlender Beweise geht man heute aber davon aus, dass Byrds Expedition gescheitert ist. Roald Amundsen dagegen konnte seinen Polflug, den er nur zwei Tage später, am 11. Mai 1926, unternahm, mit Fotos und Zeugenaussagen belegen. Seine Expedition gilt somit als erste wissenschaftlich gesicherte Nordpolüberquerung der Geschichte. Amundsen war gemeinsam mit Lincoln Ellsworth und dem italienischen Luftschiffkonstrukteur Umberto Nobile, an Bord des Luftschiffes „Norge“ gereist.
Umberto Nobile unternahm 1928 eine weitere erfolgreiche Nordpolüberquerung mit dem Luftschiff „Italia“. Auf dem Rückflug stürzte der „Zeppelin“ jedoch ab, Nobile und zehn weitere Expeditionsteilnehmer wurden auf eine Eisscholle geschleudert, ein Mann starb dabei. Das nach dem Aufprall leichter gewordene Luftschiff stieg mit sechs verbliebenen Männern an Bord wieder auf und ist seitdem verschollen. Es folgte eine internationale Rettungsaktion von ungeheuren Ausmaßen. Roald Amundsen startete einen Rettungsflug mit einem französischen Wasserflugzeug, um seinen ehemaligen Partner Nobile zu suchen. Tragischerweise stürzte er dabei ab, Amundsen und seine französische Besatzung konnten nicht mehr aufgefunden werden. Nobile dagegen wurde von einem schwedischen Piloten gerettet. Diese dramatische Rettungsaktion wurde 1969 unter anderem mit Sean Connery, Hardy Krüger und Mario Adorf verfilmt. (Deutscher Titel: Das rote Zelt)
Der US-Amerikaner Richard Byrd sollte nach der gescheiterten Nordpolexpedition doch noch seinen Triumph erleben. Auf seiner ersten Antarktisexpedition gelang es ihm am 29. November 1929, mit einer dreimotorigen Maschine Floyd Bennett, als erster Mensch den Südpol zu überfliegen und zu umrunden. 1933, 1939 und 1946 leitete Byrd drei weitere Expeditionen in die Antarktis. Bei der vom Dezember 1946 bis April 1947 stattfindenden „Operation Highjump“, der größten Antarktisexpedition aller Zeiten, brachte Byrd 4700 Menschen, 13 Schiffe und 23 Flugzeuge zum Stützpunkt „Little America“ in die Bay of Wales. Bei seinen Erkundungen aus der Luft entstanden mehr als 70.000 Luftbildaufnahmen. Diese Daten leisteten einen erheblichen Beitrag zur Kartierung der Antarktis.
1938 brach eine deutsche Antarktisexpedition unter dem erfahrenen Polarkapitän Alfred Ritscher mit dem Schiff „Schwabenland“ auf. Das Schiff, ein schwimmender Flugzeugstützpunkt der Lufthansa, war mit einem Dampfkatapult ausgestattet. Damit konnten zwei tonnenschwere Dornier-Flugboote vom Typ Wal in die Luft befördert werden. Bei der Expedition wurden auf insgesamt 15 Flügen etwa 600.000 Quadratkilometer Fläche überflogen und teilweise fotografiert. Fast ein Fünftel der Antarktis wurde dabei erstmals dokumentiert.






