AtkaXpress von nun an online
Liebe Leser und Fans von Deutschlands südlichstem Magazin der Welt,
Im AtkaXpress, den es seit März 2012 nur noch als Blog gibt, berichten die Mitglieder des Neumayer-Überwinterer-Teams in regelmäßigen Abständen von ihrem Leben und ihrer Arbeit an der Antarktis-Forschungsstation Neumayer III. Im vergangenen Jahr haben die Kollegen und Kolleginnen des 32. Teams viele eindrucksvolle Beiträge geschrieben. Diese finden Sie hier im AtkaXpress-Archiv. Seit Januar 2013 liegt diese Aufgabe nun in den Händen ihrer Nachfolger, dem 33. Team. Sollten Sie Fragen haben, erreichen Sie unsere Blogautoren unter der E-Mail-Adresse atkaxpress(at)awi.de. Wir wünschen an dieser Stelle viel Spaß beim Lesen!
7. Mai 2013: Über die Traverse zur seismologischen Station auf dem “Olymp”
Die etwa neunzig Kilometer entfernt gelegene seismologische Station VNA3 musste in diesem Sommer aus dem Schnee ausgegraben und neu aufgestellt werden. Dazu hat sich Mitte Januar eine kleine Gruppe für einige Tage mit einem Pistenbully, einer Kabause und einer Menge Werkzeug auf den Weg gemacht.
Zu den Einrichtungen der Geophysik auf Neumayer gehören die drei seismologische Stationen mit den offiziellen Namen VNA1, VNA2 und VNA3. Die Stationen VNA3 und VNA2 sind auf Erhebungen aufgebaut, die südwestlich und südlich der Neumayer-Station III liegen und von etwa fünfhundert Meter dickem Gletschereis bedeckt sind. Die Erhebung, auf der die Station VNA3 steht, wird Olymp genannt, offiziell heißt sie Søråsen. Auf direktem Weg kommt man nicht dorthin, weil Spalten den Weg versperren. Deshalb führt die Strecke bis zum Olymp über insgesamt 115 Kilometer entlang einer genau festgelegten Route. Bei einer Reisegeschwindigkeit von durchschnittlich 13 Stundenkilometern ist das eine Tagesreise für jede Strecke. Außer dem alle paar Stunden wechselnden Fahrer und seinem Beifahrer haben wir die Reise in den Kojen der Kabause liegend verbracht. Durch die Unebenheiten der Strecke wurden wir alle kräftig durchgeschüttelt. Wir, das waren Thedda, Julia, Thomas und Georg, angeleitet durch unsere Vorgänger-Geo-Üwis Antje (Üwi 2011) und Stefan (Üwi 2012).
Das Seismometer auf dem Olymp
Auf dem Olymp steht ein Dreikomponenten-Seismometer in einer kleinen Grube, nach oben abgedeckt durch eine große Sperrholzplatte. Eine Richtantenne an einem sechs Meter hohen Mast überträgt die Daten fast in Echtzeit nach Neumayer. Der Datenlogger und das Modem werden über Bleiakkus versorgt, die in wärmeisolierten Kisten auch in der Grube stehen. Ein Solarpanel und ein kleines Windrad auf einem zweiten Mast laden die Akkus. Bei unserer Ankunft abends schien die Sonne und das Windrad drehte sich bei leichtem Wind – ein schöner Anblick mitten im Nirgendwo. Die gesamte Anlage versinkt langsam unter dem Neuschnee, denn der Schneezutrag am Olymp ist etwa drei Meter pro Jahr. Die Masten waren seit einem Jahr nicht mehr hochgesetzt worden, und auch der Deckel zur Seismometergrube lag etwa drei Meter unter der Geländeoberfläche. Deshalb war es unsere Aufgabe, alles auszugraben und freizuschaufeln, um die Station dann ein paar Meter weiter wieder neu aufzubauen.
Erster Tag vor Ort: Schaufeleinsatz
Der erste Tag vor Ort bestand komplett aus Schaufeln und Hacken in Schnee und Eis. Nach dem Seismometer und nach den Mastfüßen haben wir zuerst gegraben, anschließend auch nach den Schneeankern, mit denen die Masten zur Seite weg durch Drahtseile stabilisiert werden. Wo es möglich war, hat sich Thomas erst mit dem Pistenbully durch Wegschieben des Schnees an die Schneeanker herangegraben, bevor wir dann mit Spaten und Schaufel übernommen haben. Das Seismometer und alle Geräte wurden erfolgreich geborgen und vorbereitet für den Wiederaufbau. Am Ende des Tages sah das Gelände auf einer Fläche von etwa 50 mal 20 Metern aus wie das sandige Ufer eines Flusses, über das Goldgräber hergefallen sind.
Am Abend haben wir uns alle in der Enge der Kabause wiedergetroffen und gemeinsam gekocht und gegessen. Zum Schlafen ist jeder in seinen Schlafsack gekrochen, einige in der Kabause, andere auf Feldbetten draußen in der Helligkeit, geschützt vor dem Wind im Schiebeschild des Pistenbullies.
Zweiter Tag: Wiederaufbau der Anlage
Am zweiten Tag auf dem Olymp haben wir etwa 50 Meter weiter östlich eine neue Seismometergrube angelegt, die Masten aufgebaut und alles wieder verkabelt. Die beiden schweren Gittermasten sind insgesamt sechs Meter hoch und mussten mit dem Kran des Pistenbullies aufgerichtet werden. Dann haben wir die Masten mit den Drahtseilen und den wieder eingegrabenen Schneeankern abgespannt. Zum Schluss wurde das Windrad auf dem Mast befestigt und die Antenne nach Neumayer ausgerichtet. Das Seismometer wurde in der neuen Grube horizontiert, nach geographisch Nord ausgerichtet und im letzten Schritt entsichert und damit einsatzbereit gemacht. Danach haben wir die Grube wieder mit den Sperrholzplatten abgedeckt. Zum Schluss kommt eine Schicht Schnee darauf, erstens damit nicht bei Sturm durch einen kleinen Spalt Driftschnee in die Grube eindringen kann und zweitens, weil sonst die Sonne die Grube durch die dunklen Platten stark erwärmen würde.
Am Ende des vierten Tages waren wir wieder zuhause auf Neumayer. Ein Souvenir vom Olymp war neben unseren Fotos der Muskelkater von der Buddelei. Einige von uns sind ein paar Tage später zu einer zweiten Traverse zur Station VNA2 aufgebrochen, um auch da die jährlichen Wartungsarbeiten durchzuführen.
Georg Spiekermann
... ein paar weitere Bilder.
14. April 2013: Neuigkeiten aus der Neumayer-Küche
Heute möchte ich mich, Michael Janke, der aktuelle Stationskoch des diesjährigen Überwinterungsteams, vorstellen und ein wenig über meine Aufgaben und Tätigkeiten erzählen. Also Michael ist mein Name, ich komme aus der Fasenachts-Hochburg Mainz am Rhein und bin ganze 37 Jahre alt und somit auch der „Alte Mann“ hier auf der Neumayer-Station. Ich habe im Rheingau meine Ausbildung zum Koch gemacht und bin danach das erste Mal bei der Bundesmarine zur See gefahren - für insgesamt vier Jahre. Im Anschluss habe ich verschiedene Stationen in Deutschland als Küchenchef und Soue Chef in 3- und 4-Sterne-Häusern durchlaufen. Vor vier Jahren bin ich dann noch einmal für ein Jahr zur See gefahren - auf dem Kreuzfahrtschiff MS Bremen.
Es wird auch gerne erzählt das der Koch so im geheimen der wichtigste Mann auf der Station sei, was sicher nicht ganz unwahr ist. Das allgemeine Leben auf der Station richtet sich eigendlich nur nach den Essenszeiten, das ist so die einzige Routine die wir hier so haben. 8:30 Frühstück, 12:30 Mittagessen (meist Salate und ne Kleinigkeit warmes und zu 18:00 Uhr wird dann richtig gekocht.
Dann haben wir noch unseren Pasta-Tag, den Eintopf-Tag und Sonntagabend gibt es zum TATORT schauen Pizza.
Also zu meinen Aufgaben gehört in erster Linie das Verpflegen des Teams. Und dabei ist darauf zu achten, dass man versucht, erst einmal jeden Geschmack zu treffen: nicht zu scharf, nicht zu lasch gewürzt und und und. Bis jetzt ist das Team aber, was das Essen an geht, noch sehr pflegeleicht. Es wird ihm aber auch ein abwechslungsreiches Angebot von mir geboten - von Asiatisch über Afrikanisch, mal Griechisch bis hin zum BBQ oder auch mal ein Spanferkel.
Zur Zeit versuche ich mich in der Kunst des Brotbackens. Und ich muss sagen, dass unser Team sehr davon angetan ist, hin und wieder mal ein frisch gebackenes Brot zu bekommen. Im Normalfall ist das Brot hier auf der Station tiefgekühlt und wird nur noch aufgebacken, was nicht schlecht ist. Zudem haben wir eine Auswahl von 12 verschiedenen Brotsorten.
Das Gleiche gilt für Gemüse, wenn das frische zur Neige geht - und für Fleisch, Fisch, Kartoffelprodukte sowie für Wurst und Käse. All diese Waren kommen weitgehend schon tiefgefroren aus Bremerhaven mit POLARSTERN. Das letzte frische Gemüse und Obst habe ich Mitte Februar mit dem vorletzten Flieger aus Kapstadt bekommen und ich denke mal, dass das ein und andere gut 12 bis 14 Wochen überlebt.
Des Weiteren sorge ich dafür, dass in unserer Messe sowie in der Lounge immer genug und ausreichend Getränke und Süßwaren bereitstehen - für den kleinen Hunger zwischen durch. Das Gleiche gilt auch für Hygieneartikel wie Duschgel, Shampoo, Rasierer, Zahnbürsten und Pasta bis hin zu Melkfett und Zahnseide. Das alles gehört ebenso zu meinem Warenbestand, den ich zu verwalten habe.
In den dunklen Wintermonaten werde ich mit unserem Team noch den ein und anderen Kochkurs veranstalten und meinen Kollegen und Kolleginnen den ein und anderen Köche-Trick beibringen.
So, das soll es von mir gewesen sein.
Schöne Grüße aus dem Eis
Michael Janke
1. April 2013: Lichtsignale zur internationalen Raumstation ISS
Über die CHOICE-Studie haben wir einen guten Kontakt zur amerikanischen Weltraumagentur erhalten. Wie Barbara bereits in ihrem Beitrag „Wir erforschen auch uns selbst…“ vom 13.03. beschrieben hat, ist dabei unsere Isolation für die NASA von besonderem Interesse. Denn so sind wir eine echte vergleichbare Kontrollgruppe für die Astronauten auf der ISS. Aber auch über die Studie hinaus haben wir einige Parallelen zu den ISS-Missionen entdecken können. Zum Beispiel startete die Mission des 33. ISS-Teams wie bei uns im Dezember 2012. Auch sind wir das 33. Missions-Team, aufgrund dessen wir auf die Idee gekommen sind, einen „Trikottausch“ zu organisieren. Und so gingen ein paar Aufnäher von der Antarktis über Bremerhaven nach Houston und umgekehrt. Die Aufnäher landeten natürlich direkt auf unseren Team-Shirts und es musste direkt ein Foto im „NASA-Style“ gemacht werden. Mit dem Paket aus Amerika kamen zur unseren Überraschung nicht nur Aufnäher, sondern auch die privaten Emailadressen der Astronauten. Die Gelegenheit nutzten wir und so entstand schnell eine nette Emailfreundschaft zwischen uns.
Als wir dann eines Tages die erste Email direkt von der Raumstation erhalten haben, war das schon ein ganz besonderer Moment. Die ISS-Crew erwähnte dabei, dass sie durch uns nun die Antarktis mit ganz anderen Augen sähe. Denn jetzt würden sie neun Menschen kennen, die da unten im Nichts lebten, wo sie vorher nur Leere vermutet hätten. Christopher Cassidy von der ISS hatte dann die lustige Idee, Lichtsignale zwischen uns auszutauschen. Er meinte, dass aufgrund der nichtvorhandenen Licht- und Luftverschmutzung in der Antarktis bereits ein Scheinwerfer mit 1000 Watt Lichtleistung ausreichen würde, um von der Raumstation ISS in 400 Kilometer Höhe gesehen werden zu können.
Die Idee war kaum ausgesprochen, als wir schon mit den ersten Vorbereitungen begannen. Leider hatten wir keinen 1000 Watt Scheinwerfer, deshalb nahmen wir einfach alle Strahler, die wir finden konnten, und bauten diese zu einem Lichtarray auf dem Stationsdach auf. Christopher Cassidy ermittelte in der Zwischenzeit die genauen Bahndaten der ISS, und teilte uns einen günstigen Überflugzeitpunkt mit. Diesen Zeitpunkt zu finden, war wohl nicht so einfach, da die ISS-Astronauten fast rund um die Uhr für Arbeiten verplant sind oder ihre streng geplanten Ruhezeiten einhalten müssen. Letztendlich fand sich aber ein freier und passender Slot. Gerüchte besagen, dass dabei wohl eine Toilettenpause geopfert werden musste. Da aufgrund der Bahnneigung der ISS streng genommen kein direkter Überflug möglich ist, hatten wir jeweils noch einen Winkel für die Deklination und Rektaszension erhalten, um eine bestmögliche Ausrichtung der Scheinwerfer zu erreichen. Auf der ISS musste kein großer Aufwand im Vorfeld betrieben werden, da diese bereits über eine optische Kommunikationsanlage verfügt. Die Anlage wurde genau für so einen Fall konzeptioniert - um mit einer Bodenstation im Notfall morsen zu können.
Heute morgen zu der unsittlichen Zeit um 02:19:50 Uhr war es dann endlich soweit. Wir morsten mit 1600 Watt Lichtleistung unseren Amateurfunknamen D-P-0-G-V-N in den Himmel. Gespannt schauten wir in die dunkle Nacht - und kaum zu glauben, da kamen auch schon Morsezeichen in Form von kleinen Lichtblitzen zurück. René, unser Funker, decodierte die Lichtsignale und bestätigte, dass A-R-I-S-S, der Amateurfunkname der ISS, zurückgemorst wurde. Da die ISS nur 1,5 Stunden für eine Erdumrundung braucht, war es schon sportlich gewesen, in so einer kurzen Zeit alle Signal senden und empfangen zu können.
Viele Grüße aus der „Neumayer-Bodenstation“,
Euer Boris
Aufmerksame Astrophysiker werden es vielleicht schon festgestellt haben: Irgendwas stimmt an diesem Beitrag nicht. Wie es bei einem April-Scherz üblich ist, haben wir uns die Geschichte natürlich nur ausgedacht. Wir bitten daher alle Leser, nicht mit 1500 Watt Scheinwerfer in den Himmel zu morsen und bitte keine Anfragen hierfür an die ESA und NASA zu senden.
25. März 2013: Tux oder die Geschichte, wie ich Pinguinmama wurde
Einige Leute hatten mich vor dem Abflug in die Antarktis oft scherzhaft gefragt, ob ich ihn oder sie nicht im Handgepäck mit in die Antarktis nehmen könnte. Jedoch stellte sich dies immer als unmöglich heraus. Wer würde schon ein 60 bis 90 Kilo schweres Handgepäckstück durch den Zoll und in den Flieger bekommen!?
Einige Wochen vor der Abreise bekam ich wieder eine solche Anfrage per Email: Kannst du mich mit in die Antarktis nehmen? Die Anfrage kam von „meinem neuen Freund Tux“ wie er sich selbst in der Email vorstellte. Tux ist jedoch kein Mensch, sondern ein Pinguin. Er ist das Klassenmaskottchen der Pinguinklasse der Friedensschule in Baesweiler. Seine Mission: die Rückkehr in die Antarktis.
Nach anfänglicher Verwirrtheit meinerseits, wie man auf solch eine Anfrage nur reagieren sollte und vor allem wie er gerade auf mich kam, beschloss ich doch zurückzuschreiben und bekam auch prompt jede Menge Fotos von Vorbereitungskursen wie jene, die wir selbst mitgemacht hatten. Brandschutz, Gletscherkurs (zwar nur in der Turnhalle) und auch die ärztliche Eignung wurden mir nachgewiesen…
Tux war sehr gut vorbereitet und schien eine Bereicherung für unser Team zu sein. Deswegen beschloss ich, mich auf das Abenteuer - blinder Passagier – einzulassen. In einem Einkaufscenter traf ich Tux dann das erste Mal und nahm ihn gleich mit – er war bereit für die Antarktis. Eine Woche lang musste er aufgeregt bei mir Zuhause auf einem Haufen von Kleidung, Elektrogeräten, Geschenken und Krims Krams sitzen, bevor es ans Einpacken ging.
Was ich nicht wusste war, dass sein Verschwinden bereits in der Grundschulklasse für Aufregung gesorgt hatte und sogar bei der örtlichen Polizei eine "Vermisstenanzeige" aufgegeben worden war. Der besorgte Lehrer schrieb mich an. Er hatte entdeckt, dass Tux vom Schulcomputer aus mehrere Emails an mich versendet hatte. Tux bat mich vorerst, seinen Aufenthalt geheim zu halten. Das Risiko war zu groß, dass ihn irgendjemand noch aufhalten könnte. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich nervös. Würde ich Tux ohne Problem aus Deutschland „rausschmuggeln“ können? Was würde passieren, wenn am Flughafen ein vermisster Pinguin in meinem Handgepäck auftauchen würde?
Am Abflugtag wurde es dann noch hektisch. Annullierter Flieger und die Umbuchung auf einen früheren Flug. Dies ließ wenig Zeit für große Abschiedsszenen und der blinde Passagier war für kurze Zeit vergessen. An der Kontrolle selbst stand ich dann aber doch mit Herzrasen. Würde alles gut gehen? Würde Tux als blinder Passagier - ohne Pass, ohne Flugticket und als vermisst gemeldet - auffliegen? Ohne negativ aufzufallen ging ich durch die Kontrolle und ich hoffte, dass mein Rucksack, in dem der blinde Passagier harrte, auch ohne Schwierigkeiten durchgehen würde.
Wir hatten Glück! Tux wurde nicht entdeckt und somit durfte er aus seinem Versteck raus. Auch in München konnte er frei durchatmen und der Flug nach Johannesburg war kein Problem mehr. Tux durfte während des Fluges auf meinem Schoß schlafen und hatte sogar seinen eigenen Sitz bei Start und Landung. Auch die Einreise in Südafrika stellte sich als einfach heraus. Keiner wollte einen Pass oder ein Visum sehen und die erste große Etappe war geschafft.
Der Weiterflug in die Antarktis lief dann ebenso reibungslos und endlich hatte Tux es wieder in die Antarktis geschafft. Ein Treffen mit Verwandten und Freunden wurde schnell arrangiert und auch der Grundschule in Baesweiler wurde Bescheid gegeben, wo Tux abgeblieben war. Die Begeisterung war riesig.
Seitdem ist Tux mein ständiger Begleiter und insgeheim bin ich hier auf Neumayer schon als die „Crazy-Pinguin-Lady“ bekannt. Aber eigentlich bin ich im Moment eher die Pinguinmama auf Zeit. Die Grundschulklasse hat per Email Kontakt zu Tux und stellt ihm Antarktis- und Neumayer-relevante Fragen und verschiedene Themen werden in den Unterricht eingebaut. Hoffen wir, dass Tux den Kindern einiges beibringen kann und ihr Interesse für diesen abgelegenen, vereisten Kontinent weckt.
Eure Pinguinmama Julia
13. März 2013 - Wir erforschen auch uns selbst….
Natürlich kann man sich vorstellen, dass ein jeder während einer Überwinterung mit neunmonatiger Isolation eine Menge über sich selbst lernt: Zum Beispiel im Umgang mit den Anderen oder im Umgang mit seinen eigenen Emotionen, Nöten, Ängsten oder Wünschen, die sich in der Isolation nicht immer so kanalisieren lassen wie wir es in unserer „normalen“ Welt gewohnt sind.
Darum soll es sich aber heute gar nicht drehen, sondern neben den meteorologischen, luftchemischen und geophysikalischen Forschungen forschen wir tatsächlich auch an uns selbst – und zwar im medizinischen Sinn: Wir erforschen unsere Physiologie und unser Immunsystem und wie die beiden auf die Isolation reagieren.
Das Zentrum für Weltraummedizin Berlin (ZWMB) und das physiologische Institut der Charité in Berlin arbeiten seit mehreren Jahren mit dem AWI zusammen. Wir erfassen physiologische Daten von uns Überwinterern und wie sich diese im Verlauf der Überwinterung und der Isolation verändern. Zu diesen physiologischen Parametern gehören zum Beispiel das Gewicht, die Schlafqualität und die Schlafdauer, der Aktivitätsgrad zusammen mit dem Energieumsatz, die Muskelkraft, die Veränderung der Körperzusammensetzung (Wasserhaushalt, Fettgehalt) sowie einige Enzym-, Hormon- und Vitaminspiegel im Blut. Außerdem werden Veränderungen des autonomen Nervensystems und der kognitiven Leistungsfähigkeit erfasst.
Ziel dieser Forschung ist die feldphysiologische Untersuchung von Menschen unter extremen Umweltbedingungen wie dem veränderten Tag-Nachtrhythmus, der Isolation, dem „Beengt-Sein“ und der Kälte. Unter den hiesigen Gegebenheiten können wir, anders als in einer künstlichen Laborsituation, Untersuchungen unter realen Lebensbedingungen durchführen. Dies hat Bedeutung für die Weltraummedizin, da unserer Situation vielfältige Analogien zu Langzeitaufenthalten im Weltraum hat.
Um die Erforschung des Immunsystems mit voranzutreiben, liefern wir Blut-, Urin- und Speichelproben an die Ludwig Maximilian Universität in München in die dort ansässige Klinik für Anästhesiologie sowie an die Raumfahrtbehörde in Amerika (NASA). Um die Empfänger unserer Proben in Housten, USA, einmal kennenzulernen, hatten wir neulich sogar ein Skype-Interview mit den Forschern der NASA in Houston. Die Forscher waren ganz begeistert einmal „ihre“ Probanden live zu sehen und zu erfahren, wie wir hier auf Neumayer leben und wie wir unsere/ihre Proben generieren.
Unsere Untersuchungen werden nämlich in einen Gesamtzusammenhang mit weiteren Studienergebnissen gestellt (CHOICE Studie), welche im Weltraum und auf einer anderen, deutlich höher im Gebirge liegenden Antarktisstation (Concordia) erhoben wurden. Es gilt dabei herauszufinden, wie sich die Funktionalität des Immunsystems an gesunden Menschen verändern kann, wenn sie chronischem Stress (Stress bedeutet in diesem Sinn die besonderen Lebensbedingungen auf unserer Station) ausgesetzt sind. Im Weltraum besteht als weiterer Stressor zum Beispiel die Schwerlosigkeit, auf der höher gelegenen Station kommt die Hypoxie (Mangel an Sauerstoff in der Atemluft) dazu.
All diese Daten zu erheben, erfordert von den Teilnehmern eine Menge Disziplin. Jeder von uns ist bei diesen Untersuchungen freiwillig mit dabei, man kann jederzeit ohne Angabe von Gründen von der Studie zurücktreten, so wie das in der Regel bei allen medizinischen Probanden-Studien der Fall ist. Einmal im Monat durchläuft jeder Üwi an drei Tagen eine Art Studienprogramm, welches unter anderem eine Blutentnahme und einen Sammelurin über 24 Stunden beinhaltet. Das heißt, jeder muss seinen Urin 24 Stunden lang in einer Box sammeln, um die entsprechende Probe nehmen zu können. Zusätzlich werden mithilfe von kleinen Geräten, welche teilweise in der Nacht, teilweise über 36 Stunden hinweg am Körper getragen werden, die oben genannten Parameter wie Schlafqualität, Energieumsatz etc. erfasst. Jeder Teilnehmer führt einmal im Monat eine Art Konzentrationstest am Computer durch, welcher Rückschlüsse auf die kognitiven Funktionen ziehen lässt.
Die Blutproben für die hormonellen und enzymatischen Untersuchungen sowie für die zahlreichen Tests des Immunsystems müssen von mir verarbeitet und in eine transportfähige Form gebracht werden. Dazu muss ich sie durch zentrifugieren, alliquotieren und zugeben verschiedener Antigen-Substanzen circa drei Tage lang bearbeiten und bebrüten (im Wärmeschrank). Dann werden alle Speichel-, Blut- und Urinproben bei minus 20 Grad Celisus gefroren gelagert, bis sie im nächsten Sommer streng gekühlt und gehütet an die jeweiligen Institute zur Auswertung verteilt werden.
An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die diesjährige Üwi-Truppe, dass bisher alle bereit sind, einen nicht immer unerheblichen Einsatz zur Erfassung all dieser Daten zu leisten.
Viele Grüsse aus dem Hospital auf Neumayer
Barbara
15. Februar 2013: Beobachtung der oberen Atmosphäre

Die Airglow-Schicht, aufgenommen mit einer NIR-Kamera von Bord des Satelliten Clementine (Falschfarbenbild; US Department of Defence, Ballistic Missile Defence Organisation). Die hellen Flächen auf der Erdoberfläche zeigen verschiedene Städte (Quelle: www.solarviews.com/cap/earth/earthlim.htm

Geographische Verteilung der 55 NDMC-Messstationen weltweit, inklusive der Neumayer Station (siehe wdc.dlr.de/ndmc)
Während der Sommerkampagne 2012/2013 haben die Wissenschafter der Luftchemie im Spurenstoff-Observatorium (kurz: ‚Spuso’, Bild 1) der Neumayer Station – auf Initiative von Kathrin Höppner, Mitglied des Überwinterer-Teams 2012 – ein neues Messinstrument namens GRIPS 15 (Ground-based Infrared P-branch Spectrometer) installiert (Bild 2). Es handelt sich hierbei um ein Infrarot-Spektrometer, das auf Langzeitmessungen ausgerichtet ist und die Temperatur in der oberen Atmosphäre bei circa 87 Kilometer Höhe vermisst. In diesem Höhenbereich befindet sich die Schicht des atmosphärischen Luftleuchtens, die so genannte Airglow-Schicht (Bild 3).
Es wird dabei der Umstand ausgenutzt, dass in diesem Höhenbereich eine Schicht von angeregten Hydroxyl (OH)-Molekülen existiert, die etwa 8 Kilometer dick ist und ihren Schwerpunkt bei etwa 87 Kilometer hat. Die photochemische Anregung der OH-Moleküle erfolgt bei der Bildung durch die exotherme Reaktion von Ozon und atomarem Wasserstoff. Anschließend senden diese Moleküle im nahen infraroten Wellenlängenbereich Strahlung aus, die von dem in der Spuso aufgestellten GRIPS 15 gemessen werden kann. Über eine geeignete Verhältnisbildung der Strahlungsintensitäten der vermessenen OH-Emissionslinien kann mit guter Genauigkeit auf die Temperatur in diesem Höhenbereich geschlossen werden. Die Daten werden schließlich im Weltdatenzentrum für Fernerkundung der Atmosphäre (WDC-RSAT; http://wdc.dlr.de) archiviert und über die Webseiten des Messnetzes NDMC (Network for the Detection of Mesopause Change; http://wdc.dlr.de/ndmc) zur Verfügung gestellt.
Nach ersten Test- und Kalibrationsmessungen wurden am 13. Februar 2013 während der ersten dunklen Stunden auf Neumayer die ersten Messungen erfolgreich durchgeführt. Das Spektrum zeigt deutlich die gemessenen OH-Linien (Bild 4). Mit der Installation des GRIPS-Gerätes wird die Neumayer Station in das internationale Messnetz NDMC aufgenommen, das nun aus 55 Messstationen weltweit besteht (Bild 5). Vorrangiges Ziel von NDMC ist die frühe Erkennung von Klimasignalen, die in diesem Höhenbereich der Atmosphäre aufgrund der geringen Luftdichte und des sehr effektiven Prozesses der Strahlungskühlung („cooling-to-space effect“) besonders ausgeprägt sein sollten und damit früher statistisch signifikant nachgewiesen werden können. Das GRIPS-Gerät ist darüber hinaus auch für die Untersuchung von atmosphärischen Wellenstrukturen, wie beispielsweise Infraschallwellen, Schwerewellen und planetare Wellen, geeignet.
Der Betrieb von GRIPS 15 wie auch die wissenschaftliche Auswertung der Daten wird im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Alfred-Wegener-Institut und dem Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum (DFD) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchgeführt.
Kathrin Höppner
Hinweis: Das Spektrum in Bild 4 ist spiegelverkehrt und zeigt den Wellenlängenbereich von 1500 bis 1600 nm.
4. Februar 2013: Die versprochenen Fotos
31. Januar 2013: Das neue Team übernimmt...
Liebe Blogleser,
Nun sind es schon fast zwei Monate, die wir „Neu-Üwis“ auf Neumayer sind. Da das Zeitgefühl jenseits des Südpolarkreises zurück bleibt, bin ich irgendwie hin und her gerissen, ob es erst zwei Monate sind oder ob ich das Gefühl habe, schon ewig hier zu sein….
Wir hatten einen sehr herzlichen Empfang durch die „Alt-Üwis“, als wir etwas gerädert nach langen Flugstrecken und einem aufgrund des Wetters verkürztem Aufenthalt in Kapstadt am 13. Dezember 2012 früh um sieben Uhr auf dem Neumayer Skiway gelandet sind. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel, endlich sah man all die Gesichter, die wir nur aus dem Internet kannten, live und in Farbe. Der erste Begrüßungstrunk wurde an der extra für uns gebauten Schneebar eingenommen und anschließend genossen wir gemeinsam das lang ersehnte Frühstück!
Die ersten Tage und Wochen wurde jeder von uns von seinem Pendent an die Hand genommen und in die jeweiligen Geheimnisse der Observatorien und der Station eingeführt. Nach und nach konnten wir unsere Aufgaben übernehmen, so dass wir uns gewappnet fühlen, diese nun selbstständig durchzuführen. Das ist nun auch nötig, da wir am 21. Januar 2013 die feierliche Stationsübergabe zelebriert haben. Damit sind die „Alt-Üwis“ offiziell von ihrer Verantwortung entbunden, und wir haben die Station übernommen – somit sind wir nun eigentlich keine „Neu-Üwis“ mehr, sondern „Üwis“! Natürlich wird weiterhin zusammengearbeitet, bis unsere Vorgänger in wenigen Tagen tatsächlich nach langer Zeit die Heimreise antreten dürfen.
Bei der Stationsübergabe, wurde den „Alt-Üwis“ mit einer Überwinterungs-Medaille für ihren engagierten Einsatz auf der Neumayer-Station gedankt, es gab die üblichen offiziellen Reden und am Ende einen „Triko-Tausch“. Es ist Tradition, dass Neu- und Alt-Üwis sich gegenseitig ihre Team-T-Shirts schenken. Anschließend gab es ein lecker Buffet, welches unsere beiden Luxusköche gezaubert haben und wir ließen es uns gemeinsam gut gehen.
Neben der Orientierung über die Stationsaufgaben erkundeten wir natürlich auch unsere Umgebung. Wir machten die ersten Ausflüge in die Atkabucht zu den Pinguinen, zum Nordanleger, als wir alle gemeinsam Polarstern entladen haben, und wir probierten unsere mitgebrachten Langlaufski und den kleinen, im Keller vorhandenen Sportraum. Fotos von vielen dieser Erlebnisse reichen wir in den nächsten Tagen nach.
Soviel erst einmal in Kürze,
Herzliche Grüße von Neumayer ins winterliche Deutschland
Barbara
18.12.2012 - Zwei Wochen Intensivkurs im Krankenhaus
Wer von euch/Ihnen war schon mal bei einer Operation zugegen, ohne der Patient zu sein? Und wer war schon mal Helfer bei einem schlimmen medizinischen Notfall oder Unfall? Alles davon konnte ich bis vor kurzem verneinen. Ich hatte das Glück, von solchen Erlebnissen verschont geblieben zu sein. Diesmal setzte ich mich diesen Situationen aber so gesehen absichtlich aus. Denn ich hatte mich als freiwillige Laienhelferin zur Unterstützung unserer Ärztin Barbara für den Notfall gemeldet. Neben mir wurde außerdem noch unser Elektriker Boris als Helfer ausgebildet. Genauso wie ich hatte er eher wenig bis gar keine Erfahrungen in diesem Bereich und so starteten wir aufgeregt in unseren zweiwöchigen Krankenhauskurs am Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide.
Nachdem wir uns am ersten Tag beim Chefarzt der allgemeinen Chirurgie gemeldet hatten, beteiligten wir uns an der täglichen Ärztebesprechung und wurden dann eingeteilt. Für Boris ging es in die Notaufnahme und für mich standen die allgemeinchirurgische Station und der OP als erstes auf der Liste.
Auf der Station durfte ich bei Verbandswechseln, Blut abnehmen, Wundklammern entfernen und Drainagen und zentrale Venenkatheter ziehen Hand anlegen. Nach dem Mittagessen ging es dann endlich in den OP. In der Schleuse tauschte ich mein weißes Stationskrankenschwestern-Outfit gegen die blaue OP-Kleidung. Mit einer Haube auf dem Kopf, einem Mundschutz im Gesicht und desinfizierten Händen ging es in der OP-Bereich. Dort durfte ich dann in dem OP der allgemeinen Chirurgie meinen ersten operativen Eingriff beobachten. Vorher wurde ich kurz über das Verhalten im OP aufgeklärt. Wo darf man sich aufhalten, wenn man nicht steril ist und was darf man ohne Bedenken anfassen. Generell gab es da nur eine wichtige Regel – alles was blau abgedeckt ist, ist tabu. Der erste Eingriff wurde hauptsächlich mit einem Bipolar, einem mit Strom funktionierenden Schneidewerkzeug, durchgeführt. Dabei gab es kaum Blut zu sehen, jedoch der Geruch von verbranntem Fleisch setzte sich in meiner Nase fest. Rückblickend war das einer der unangenehmsten Momente – neben jenen, bei denen ich mit dem Tod konfrontiert wurde, was leider mehr als einmal passiert ist.
Die nächste OP war ein ähnlicher Eingriff wie jener, den ich mir vorher schon angeschaut hatte und ich durfte auch gleich mit ran an den OP Tisch. Mir wurde also gezeigt, wie ich mich steril wasche, wie man sich dann anzieht und wie man Instrumente anreicht und auch mal Haut weg- oder festhält. Ich war ziemlich aufgeregt, auch wenn der ganze Eingriff innerhalb von 20 Minuten erledigt war. Boris hatte in seiner OP-Woche sogar das Glück, bei einer längeren OP assistieren zu können.
Die folgenden Tage schaute ich mir diverse Operationen an – und so manches Mal gab es auch deutlich mehr Blut zu sehen. Zum Glück hatte ich keinerlei Probleme damit. Ich konnte vorher ja nicht wissen, wie ich darauf reagieren würde, aber ich blieb in jeder Situation stehen.
Besonders interessierte mich neben der OP-Arbeit aber auch die Anästhesie und so durfte ich auch dort ein bisschen reinschnuppern. Von Infusionen fertig machen über Spritzen aufziehen bis hin zu Infusionszugänge legen und beatmen durfte ich überall mithelfen. Generell wurde ich recht schnell in alles mit einbezogen.
Am Ende der OP-Woche war ich dann auch nochmal für ein paar Stunden im Aufwachraum. Was muss nach der Narkose überwacht und beachtet werden, konnte ich hier lernen. Nach einer Woche hatte ich einen recht guten Überblick darüber gewonnen, was im OP alles gemacht werden muss, wie man assistiert, was für die Anästhesie wichtig ist und worauf bei der Nachsorge geachtet werden muss.
In der zweiten Woche tauschten Boris und ich unsere Arbeitsbereiche. Er übernahm meine Stelle im OP und ich wechselte in die Notaufnahme. Hier hatte ich leider eher weniger Kontakt zu Notfällen, die uns in der Antarktis erwarten könnten. Stattdessen gehörten vor allem alte Leute mit Herzleiden zu unseren Patienten. Dennoch konnte ich mich nützlich machen und EKGs schreiben, Blut abnehmen und Zugänge legen. Boris hatte in dieser Beziehung mehr Abwechslung: Er hatte mehrere größere Wunden, die genäht werden mussten, und durfte auch einmal selbst Nadel und Faden in die Hand nehmen und nähen. Auch Brüche waren eher selten. Dennoch lauerte ich auf jede Möglichkeit, bei den verschiedenen Schienungsmethoden und Gipsverbänden zuschauen zu können. Denn das Risiko einer Platzwunde oder eines Bruchs ist für uns Überwinterer doch höher als ein Herzleiden.
Dennoch erlebte ich in der Notaufnahme eine Situation, die ich wohl nicht so schnell vergessen werde – und die es mir in Zukunft hoffentlich erlaubt, zielstrebig und mutig im Notfall helfen zu können. Jeder kennt ja die Situation im Erste-Hilfe-Kurs, bei der man zur Wiederbelebung die Herzdruckmassage an einer Puppe anwendet…bei mir wurde diese Situation in der Notaufnahme Wirklichkeit und ich half bei den Wiederbelebungsversuchen eines Notfallpatienten aus. Leider konnte nach eineinhalb Stunden und allen ausgeschöpften Wiederbelebungsversuchen nur noch der Tod festgestellt werden.
Aber wie auch der Tod dazugehört, so gibt es auch das Glück der Geburt und des neuen Lebens und so wurde Boris zwar nicht direkt Zeuge einer Geburt. Er durfte aber das Babygeschrei von einem Kaiserschnitt im OP-Bereich miterleben.
An dieser Stelle möchten wir uns bei allen im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide bedanken. Wir konnten sehr viel sehen, lernen und mithelfen. Wir hoffen aber dennoch, das wir alles, was wir gelernt haben, nie anwenden müssen.
Julia
12.12.1212 - Einmal quer durch Deutschland
Liebe Leserinnen und Leser,
bisher haben wir Neu-Üwis an dieser Stelle nur von unseren gemeinsamen Kursen berichtet. Zusätzlich zu den gemeinsamen Kursen hatte jedoch jeder von uns noch seine ganz persönlichen Vorbereitungen, die ihn speziell auf seine späteren Aufgaben auf Neumayer vorbereiten.
Die Vorbereitungen für die Meteorologie und die Luftchemie fanden größtenteils gemeinsam statt, da wir auch auf der Neumayer-Station eng zusammenarbeiten werden. An dieser Stelle möchten wir uns ganz kurz vorstellen – die Meteorologie wird im nächsten Jahr von Lisa Behrens betreut, die Luftchemie von Julia Regnery.
Während der Vorbereitungen waren wir viel unterwegs. Es ging einmal quer durch Deutschland – von West nach Ost und von Nord nach Süd. Was wir in dieser Zeit alles gemacht haben, wollen nun einmal kurz berichten.
Als erstes ging es zum meteorologischen Observatorium Lindenberg in der Nähe von Berlin. Das ist ein Observatorium des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Dort zeigte man uns den Umgang mit Radio- und Ozonsonden und erklärte uns zum Beispiel, was bei der Vorbereitung vor dem Start alles zu beachten ist. Bei dieser Gelegenheit haben wir unsere erste Ozonsonde steigen lassen dürfen. Auf dem Rückweg gab es noch einen kurzen Zwischenstopp am AWI-Potsdam. Dort haben wir ein paar AWI-Mitarbeiter kennengelernt, mit denen wir auch auf der Neumayer-Station zusammen arbeiten werden und man hat uns erklärt, was wir in Bezug auf die Daten der Ozonsonden alles beachten müssen.
Als nächstes ging es dann nach Hamburg zum Seewetteramt des DWD, wo die Einweisung in die Synoptik (Wettervorhersage) und den Flugwetterdienst stattfand. Dort haben wir einen der Forecaster des DWD kennengelernt, der unter anderem für die Flugwettervorhersage an der Neumayer-Station zuständig ist. Er hat uns viel zu den Besonderheiten des Wetters an Neumayer erklärt und was bei einer Flugwettervorhersage zu beachten ist. Wir dürfen keine Flugwettervorhersage machen, weil man dafür spezielle Lizenzen braucht. Stattdessen beschränken wir uns auf die Beobachtung des Landewetters. Beim Landewetter werden zusätzlich zur normalen Wetterbebachtung die Kontraste und Horizont angegeben, die dazu dienen dem Pilot ein Bild von den aktuellen Sichtverhältnissen für die Landung vor Ort zu geben. Dies ist wichtig, da durch die hauptsächlich weiße Umgebung Konturen schwer zu erkennen sind.
In der darauffolgenden Woche ging es dann zusammen mit unserem Funker, René, nach Bochum zur Firma Scisys. Dort bekamen wir eine Einführung in die Satellitenbildanlage. Uns wurde sowohl die Hardware gezeigt und erklärt als auch die Software. Mit dieser Anlage werden Satelliten verfolgt und die von ihnen aufgezeichneten Bilder empfangen. Diese Bilder werden zum Beispiel vom Forecaster für die Wettervorhersage verwendet.
Auch die Luftchemie kam nicht zu kurz. Da der Großteil der Messungen und Geräte im Spurenstoffobservatorium (AWI-intern gern „Spuso“ genannt) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Umweltphysik (IUP) in Heidelberg laufen, bekamen wir vor Ort eine theoretische und praktische Einweisung in die wichtigsten Probenahmevorrichtungen und auch in so manches Analysengerät. Außerdem gab es einen detaillierten Einblick in die Ergebnisse der Langzeitmessungen und warum diese so wichtig sind. Die Wissenschaftler aus Heidelberg schicken außerdem einen zweiten Radon-Monitor mit in die Antarktis, welcher ab diesem Sommer zum Einsatz kommen und parallel zum Vorgängergerät die Aktivität von 222Radon messen soll.
Ganz neu in dieser Vorbereitung war der Kurs am deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Auch die DLR-Kollegen schicken ein neues Gerät mit, das in diesem antarktischen Sommer in der Spuso aufgebaut und nach dem Sommer (wenn es wieder dunkel wird) in Betrieb genommen werden soll. Es handelt sich dabei um ein GRIPS (Ground-based Infrared P-branch Spectrometer), mit dessen Messdaten man Rückschlüsse auf die Umgebungstemperatur der Mesopause (in 87 Kilometer Höhe) machen kann. Diese Daten tragen zur Erforschung des Klimawandels bei. Vor Ort gab es eine genaue Einweisung in den Aufbau, die Funktionsweise, die Soft – und die Hardware sowie die ersten Probemessungen.
Zwischen all diesen Reisen waren wir natürlich auch immer wieder am AWI in Bremerhaven, um zu lernen, wie all jene Computer und Programme funktionieren, die es bereits an der Neumayer-Station gibt. Wir müssen schließlich in der Lage sein, selbstständig die Messinstrumente zu warten und gegebenenfalls auszutauschen. Außerdem haben uns die erfahrenen Kollegen erklärt, was die täglichen Routinearbeiten in der Antarktis sein werden.
An dieser Stelle möchten wir uns bei allen, die an der Vorbereitung beteiligt waren, für die tolle Vorbereitungszeit bedanken. Wir haben sehr viel gelernt und hoffen, es jetzt auf Neumayer auch anwenden zu können. Und manch einer der Kollegen und Kolleginnen wird sicherlich zwischendurch was von uns hören.
Liebe Grüße
Lisa und Julia
11.12.2012 - Galerie der abstrakten Kunst
Zugegeben, dieser Blogbeitrag mag ein wenig aus der Reihe tanzen, denn er enthält weder Informationen über die Arbeit an Neumayer noch über die Fauna unserer Atka-Bucht. Indirekt enthält er jedoch Informationen über das derzeitige Wetter. Es ist stürmisch und das schon seit über einer Woche. Mit momentanen Windgeschwindigkeiten von knapp 40 Knoten ist an Außenarbeiten nicht zu denken. Für unsere Sommergäste ist es der erste Sturm und das erste wirklich schlechte Wetter seit ihrer Ankunft an Neumayer.
Einerseits ist es wirklich schade, dass wir den Feierabend nicht auf dem Meereis bei den Pinguinen und den Robben verbringen können. Gerade für mich als Hobbyfotograf sind diese Orte natürlich sehr reizvolle Ziele. Andererseits kann man der Fotografie auch innerhalb der Station nachgehen, man muss sich seine Motive nur suchen. Seit unserer Ankunft an Neumayer faszinierten mich die filigranen und komplexen Schnee- und Eisstrukturen, die sich bei Schneefall und starkem Wind auf den Fenstern der Galerie (so nennt man den Stationsbereich zwischen der schützenden Außenhülle und den Wohn/Arbeitscontainern) formen. Wie Flusslandschaften aus großer Höhe betrachtet besitzen sie eine markant schlängelnde Struktur. Durch das Zusammenspiel aus Licht und Schatten ergeben sich erstaunlich abstrakte Gemälde, die sich ganz entspannt und ohne kalte Finger bei einer Tasse Kaffee fotografieren lassen.
Der Gang entlang der Galerie gleicht somit wirklich dem Gang durch eine Kunstausstellung. Jedes Fenster stellt ein neues Bild dar und es wird schnell klar, dass keine der Eisstrukturen der vorherigen gleicht. Die unterschiedlichen Windverwirbelungen an den Endpunkten und in der Mitte der Station sorgen dafür, dass jedes Fenster von einer vollkommen anderen Struktur bedeckt ist. Ich persönlich verliere mich dort oft in den Details und brauche meist mehrere Minuten, um ein paar Quadratzentimeter Fensterscheibe zu fotografieren.
Die Antarktis ist ein Kontinent voller Kunst - selbst innerhalb der Station.
Herzliche Grüße,
Stefan Christmann
21.11.2012 - Es ist Sommer und es ist heiß...
Es ist kurz vor 1:00 Uhr als ich mich endlich entschließe, das Rollo meines Zimmerfensters zu schließen, um doch noch schlafen zu können. Seit ein paar Tagen geht die Sonne nicht mehr unter und auch nachts ist es nun so hell, dass der Körper nicht mehr wirklich weiß, wann er schlafen soll. Es besteht kein Zweifel - der Sommer hat Einzug in die Antarktis gehalten.
Pünktlich zum letzten Sonnenuntergang des Jahres und somit zum Beginn des Polartages erreichte uns auch der erste Flugverkehr an Neumayer. Am 13.11.2012 landete gegen 21.45 Uhr das AWI-eigene Forschungsflugzeug Polar 6 und bescherte uns die ersten frischen Gesichter seit neun Monaten. Es war schon ein ganz besonderes Gefühl, als sich die Türen des Flugzeuges öffneten und wir die dreiköpfige Polar-6-Crew begrüßten. Selbst die Sonne würdigte diesen besonderen Anlass mit einer grandiosen Lichtershow und bescherte uns gegen Mitternacht eine tolle Lichtsäule.
Ein paar Tage später folgten dann die ersten offiziellen Sommergäste des Jahres und die erste Versorgung mit frischem Gemüse und Obst. Salat hat noch nie so gut geschmeckt!
Wir Üwis schlittern somit von einer spannenden Zeit in die nächste. Erst waren es das Alleinsein und die Isolation, die eine besondere Herausforderung für uns darstellten. Nun müssen wir viele unserer Gewohnheiten wieder ablegen und uns auf das Leben und den Trubel an der Station einlassen. Die vielen neuen Gesichter und Projekte garantieren jedoch, dass es in den nächsten Wochen nicht langweilig werden wird!
Der Beginn des antarktischen Sommers äußert sich auch in den Temperaturen auf dem Eckström-Schelfeis, denn das Thermometer fällt kaum noch unter minus 10 Grad Celsius. Skidoofahrten sind endlich wieder ohne Sturmhaube möglich und die Sonnenbrille beschlägt nicht gleich beim ersten Ausatmen. Letztere ist auf Grund der nun niemals untergehenden Sonne wieder ein ständiger Begleiter geworden. Zum ersten Mal seit Monaten riecht es in der Umkleide nach Sonnencreme und beim Gang aus dem Haupteingang wird man von etlichen Buntfußsturmschwalben begrüßt, die ihre Runden um die Station drehen.
Auch auf dem Meereis ist der Sommer allgegenwärtig. Die kleinen Kaiserpinguine stehen kurz vor der Mauser und haben damit beste Chancen, es bald auch ins Meer zu schaffen. Ein paar hundert Meter von der Pinguinkolonie entfernt hat sich unsere sommerliche Weddell-Robben Kolonie gebildet und auch dort gibt es bereits Nachwuchs. All diese Orte werden auch für die Sommergäste beliebte Ausflugsziele werden, da hier neben Freizeitakitivitäten auch wissenschaftliche Projekte zum Studium der Robben und der Pinguine geplant sind.
Auch wenn sich bei mir langsam ein leichtes Gefühl von Nostalgie einstellt, freue ich mich dennoch auf die vor uns liegenden nächsten Wochen. Ein bisschen mehr als zweieinhalb Monate werden wir noch auf dem faszinierendsten Kontinent der Erde verweilen, um dann anschließend von Freunden und Familie zuhause empfangen zu werden. Alles in Allem also nur Dinge, auf die man sich freuen kann!
Herzliche Grüße, Stefan Christmann
12.11.2012: Zwei Tage lang Erste-Hilfe-Training extrem
Jeder, der einen Führerschein hat, kennt es ja: der Erste-Hilfekurs muss sein. Zwei Tage lang Verbände anlegen und auf irgendwelchen Gummipuppen rumdrücken. Bei uns ÜWIs ist das so ähnlich, jedoch ist der Erste-Hilfekurs den wir absolvieren müssen etwas extremer. Denn was passiert, wenn man sich auf Traverse von der Station entfernt hat, unsere Ärztin auf Neumayer ca. 80 km von uns entfernt ist und kein Flugzeug in der Nähe ist? Schnell mal die 80 km fahren bedeutet in der Antarktis mehrere Stunden mit dem Bully übers Eis rattern, wenn es die Wetterbedingungen überhaupt zulassen. Wertvolle Zeit, die verloren geht, daher muss im Ernstfall ein ÜWI den Anderen auch alleine erstversorgen können. Deshalb haben wir in unserem Kurs etwas mehr als in einem normalen Erste-Hilfekurs gelernt.
Der Kurs fand auf der Polarstern statt, denn dort sind sowohl Material als auch Räume vorhanden. Nach einer Einführung durch unsere Ärztin „Mama“ Barbara im Bordkino der Polarstern mussten wir unsere Fähigkeiten beim Bandagieren (Foto 1) beweisen. Als diese Prüfung bestanden war, haben wir uns gegenseitig Blut abgenommen und Infusionszugänge gelegt (siehe Film unter dem Text). Wäre an dieser Stelle etwas schief gegangen, hätten wir die Blutung ja auch schon stoppen können.
HINWEIS: BITTE NICHT ZU HAUSE NACHMACHEN!
Das Transportieren der verletzten Person zurück zur Station oder durch die Station (in diesem Fall: durch das Schiff) lässt sich mit einer Vakuum-Trage einfach und sicher bewerkstelligen, nur die Anwendung will gelernt sein (Foto 2). Bevor man allerdings jemanden transportiert, müssen sämtliche gebrochenen und ausgerenkten (im Fachjargon: luxierte) Körperteile wieder an Ort und Stelle sein, weshalb jetzt eine Lektion zum Thema Einrenken folgte. Damit danach auch nichts verrutscht, lernten wir auch gleich noch das Anbringen von Schienen an sämtlichen gefährdeten Körperteilen (Hals, Arm, Bein). Dafür am besten geeignet: die Schiene zum Aufblasen (Foto 3).
Herz-Lungen-Massage lernten wir ausnahmsweise nicht am lebenden Objekt. Hierfür hatten wir "Little Anne", unsere freundliche Übungspuppe, komplett mit Austauschgesicht. Zu guter Letzt nach einer Theoriestunde über Brandwunden und Erfrierungen (wir ersparen Euch die Fotos) stand noch das Flicken einer Platz-, Stich- oder Schnittwunde auf dem Programm. Selbstverständlich übten wir auch dies nicht am ÜWI, sondern an einer Schweinehaxe. (Foto 4)
WICHTIGER HINWEIS: FÜR DIESEN KURS WURDEN KEINE SCHWEINE GETÖTET ODER VERLETZT!
Die Schweinehaxe besorgten wir aus dem Kühlregal und verspeisten sie am Abend gemeinsam mit Rotkohl und Klößen – LECKER! (Danke an unseren Koch Michael!)
Damit endete für die meisten von uns unser Exkurs in die Welt der Medizin. Die ehrenamtlichen Krankenschwestern werden sich noch aus dem OP zurückmelden. Falls Ihr also mal in der Antarktis ein Pflaster benötigt, wir sind für Euch da.
Beste Grüße,
Boris Christian und Thedda Hänssler
Szenen aus dem Erste-Hilfe-Training
ÜWIS üben das Blutabnehmen und legen Infusionszugänge
26.10.2012: Fremdes Leben aus dem All oder unterm Eis?

Polarlichter sind für die Forscher und Techniker an der Neumayer-Station immer wieder ein besonderes Erlebnis und manche Üwis bleiben bis spät in die Nacht auf, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Fotografierende Personen werden in solchen Fällen dann gerne auch als extraterrestrische Besucher fehlinterpretiert. Foto: Stefan Christmann, Alfred-Wegener-Institut
In regelmäßigen Abständen bekommen wir sehr besondere Anfragen. Es sind Anfragen, die nicht direkt unser Leben hier auf Neumayer betreffen, sondern Anfragen nach weiterem Leben hier im und auf dem Eis. Nein, keine Pinguine oder Eisbakterien, sondern Wesen aus einer anderen Welt oder praktischer noch direkt aus einer unter dem antarktischen Eispanzer verborgenen Welt. Wobei bei letzterer Variante laut Meinung einiger, die Neumayer-Station als Eingang in diesen eisigen Hades fungiert.
Die Rede ist von ernst gemeinten Anfragen interessierter Bürgern aus aller Welt, welche wahrscheinlich auch andere antarktischen Forschungsstationen erreichen. Die Fragen sind meist ähnlich und beziehen sich im Zeitalter des weltumspannenden Internets bei uns vor allem auf optische Phänomene, welche auf den abrufbaren Webcam Bildern ausgemacht werden.
Mal ist es ein Schatten, mal ein helles Licht, mal merkwürdige Gestalten, welche die Aufmerksamkeit einer gar nicht so kleinen Interessensgemeinschaft auf sich zieht. Ist so ein Wesen oder Raumschiff einmal detektiert, beginnt eine Diskussion in den entsprechenden Foren, welcher Art dieses Wesen oder Flugobjekt wohl sein mag. Dabei werden Vergleichsbilder, alte Datensätze und ähnliche Berichte der vergangenen Jahre zu Hilfe gezogen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Deutung dieser Phänomene wird dann meist ebenfalls ins Internet gestellt.
Gibt man aktuell bei YouTube „Neumayer Station“ ein, so erhält man auf der ersten Seite gut 20 Beiträge. Nur wenige Beiträge behandeln keine vermeintlichen Tatsachen, welche zum Beispiel auf fremde Besucher oder aus der Bahn und in die Sonne geworfene Planteten hindeuten.
Eine weitere Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen besteht darin, die vom extraterrestrischen Besuch unmittelbar betroffenen Überwinterer zu befragen.
Dann erhalten wir zum Beispiel folgende Mail:
BETREFF: Request for Webcams photo at Neumayer Station III
NACHRICHT:
Dear Sir/Madam,
I would like to ask you if it's possible to get the webcams photos from the Neumayer Station III for the date of 26.06.2011.
There is one video on the internet that shows images from that day, presenting that there is a sunlight, which shouldn't have happened. Could you also comment on that video?
Thank you!
Greetings,
Es ist dann an uns, das entsprechende Bildmaterial und die Datensätze, in diesem Fall aus dem Jahr 2011, zu sichten und zu deuten. Ob unsere Deutung den Ratsuchenden ausreicht, bekommen wir meist nicht mehr zu hören. Es mag vermeintlich nicht befriedigend sein, wenn sich plötzlich ein wunderschönes, nahezu kreisrundes UFO wieder in einen schnöden Wetterballon unseres Meteorologen verwandelt. Oder ein greller Photonenstrahl aus dem Triebwerk eines Raumschiffes von uns auf die Scheinwerfer eines Pistenbullys gedimmt werden muss. Ganz so einfach scheint eine Kontaktaufnahme mit Außerirdischen dann doch nicht zu sein.
Da sich auch die Neumayer Station III der objektiven Wissenschaft verpflichtet fühlt, werden wir mit unseren Antworten den ein oder anderen auch weiterhin enttäuschen müssen.
Das Versöhnliche ist: man kann mit Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Enttäuschung über unsere Antworten bald wieder einer phantasievollen Theorien zum Beispiel über eine verborgene Parallelwelt tief unter dem Eis weicht.
Auf der anderen Seite muss man sagen, dass mit den heute anerkannten wissenschaftlichen Methoden eine Existenz von außerirdischem höherem Leben nicht ausgeschlossen werden kann. Auch einige Natur- und Geisteswissenschaftler beziehen bei ihren Theorien mitunter protowissenschaftliche Überlegungen mit ein.
Für die Neumayer Station III können wir jedoch nach besten Wissen und Gewissen extraterrestrisches Leben in der näheren Umgebung bislang ausschließen.
(Doch ganz unter uns gesagt: Unsere neuen Freunde hier sind wirklich nett und vor allem sehr gastfreundlich. Immerhin sollen wir uns hier auf Neumayer auch die größte Mühe geben, den Haupteingang in ihre mysteriöse Unterwelt bestmöglich zu tarnen. Daher von hier aus ein Gruß an unsere Technik-Kollegen: Auch weiterhin immer wieder schön den Rampendeckel schließen!)
Stefan Christmann, Lars Lehnert, Christoph Möbius
15.10.2012 - Richtig Leben in der Kolonie
Nun ist es doch schon einige Zeit her, dass wir von unserer Kaiserpinguinkolonie in der Atka-Bucht berichtet haben. Seit unserem letzten Blogeintrag über die putzigen Küken ist jedoch viel passiert und die Kleinen sind mitunter schon gar nicht mehr so klein. Die meisten Küken sind mittlerweile sogar schon so groß, dass sie gar nicht mehr in die Bauchfalte ihrer Elterntiere hineinpassen und nun dicht vor ihnen stehen müssen, um noch ein bisschen Wärme abzubekommen.
Wie in den meisten Familien ist seit dem Flüggewerden der Kleinen auch richtig Leben in der Kolonie. Die Küken sind sehr neugierig und nutzen die Schönwetterphasen, um das Meereis ausgiebig zu erkunden. Dabei zeigt sich ein häufig ähnliches Bild: ein aufgeregtes, fast fröhlich wirkendes Küken mit einer stark birnenförmigen Körperform rennt taumelnd und rufend durch die Kolonie (die Kleinen haben einen sehr eigenwilligen Laufstil aufgrund ihrer sehr kurzen Beine und großen Füße). Sehr unaufgeregte Elterntiere, die fast schon "genervt" wirken, schleichen langsam hinterher und versuchen, ihr Junges im Auge zu behalten. Bei einem solchen Anblick fällt es wirklich schwer, die Kaiserpinguine nicht zu vermenschlichen.
Leider haben nicht alle Jungtiere das große Glück, solch fürsorgliche Elterntiere zu besitzen und in der unwirtlichen Umgebung der Antarktis ist das reine Überleben trotz all der wunderschönen Eindrücke immer noch die schwierigste Aufgabe. Die Waisenkinder unter den Küken fallen sofort auf. Im Gegensatz zu ihren wohl behüteten Spielkameraden sind sie eher klein und auch nicht so gut ernährt. Oftmals stehen sie fröstelnd inmitten einer kleinen Pinguingruppe und versuchen, sich unbemerkt an fremde Eltern heranzuschleichen und sich zu wärmen, da ihre eigenen Eltern vom Fischen im Meer niemals zurückgekehrt sind.
Auch wenn der allgemeine Zusammenhalt unter den Kaiserpinguinen sehr groß ist, hat ein verwaistes Küken keine wirkliche Überlebenschance. Das Umsorgen eines einzelnen Jungtieres bedeutet für die Elterntiere schon eine enorme Belastung und so kommt es immer wieder zu Streitigkeiten, in denen das Waisenkind nachdrücklich von den adulten Tieren verscheucht wird - ein Anblick, der einem wirklich das Herz bricht. Einige wenige haben das Glück von neuen Eltern "adoptiert" zu werden, doch in der Regel verhungern und erfrieren die Waisen binnen weniger Stunden.
Ein einzelnes Küken muss jedoch nicht zwangsläufig ein Waisenkind sein. Auch wohlgenährte, fit-wirkende Küken sind gerne einmal eine Zeit lang allein in der Kolonie unterwegs. Sie sammeln sich mit anderen Küken in sogenannten "Kindergärten", während ihre Eltern fischen und trainieren dort bereits im Kindesalter die überlebenswichtigen Verhaltensweisen für den im nächsten Jahr folgenden Polarwinter - das Huddeln. Diese spezielle Strategie der Kaiserpinguine hatten wir bereits in früheren Blogeinträgen zu Zeiten der Polarnacht erwähnt und schon damals mit dem Begriff "Gruppenkuscheln" umschrieben.
Natürlich läuft der Prozess bei den Kleinen noch nicht ganz reibungslos. Während die adulten Tiere sehr diszipliniert und ruhig ihre Kreise im Huddle drehen und Tiere langsam von außen nach innen schleusen, um möglichst keine Wärme zu verlieren, gehen die Kinder noch ein wenig forsch an die Sache heran. Ein ums andere Mal konnte ich beobachten, dass der schnellste Weg in die Mitte des Mini-Huddle (so wird ein Kükenhuddle von uns genannt) nicht über Geduld und Disziplin führt. Vielmehr ist es ein kurzer Anlauf, gefolgt von einem beherzten Sprung und einer anschließenden Bruchlandung in der Mitte des Federknäuels, der dafür sorgt, dass man als Jungpinguin in die wärmende Mitte der Gruppe gelangt. Wieder einmal fällt es schwer, die Tiere nicht zu vermenschlichen.
Es dauert nun nicht mehr lange, bis das Meereis aufbricht und die Wege zum offenen Wasser kürzer werden. Bereits im Dezember werden die Küken in die Mauser kommen und ihr flauschiges, graues Gefieder gegen den akkuraten schwarzen Frack mit weißem Hemd tauschen. Dabei ist es erstaunlich zu beobachten, mit welchem Tempo all diese Vorgänge von Statten gehen. Für uns Üwis sind Besuche in der Kolonie immer wieder ein Highlight und ich persönlich habe mich noch keine einzige Minute dort gelangweilt, denn es gibt immer etwas zu sehen. Kaiserpinguine können ein stattliches Alter von bis zu 30 Jahren und mehr erreichen und somit ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass einige der Tiere "die roten Üwis" schon seit vielen Jahren kennen und bereits unseren Vorgängern viel Freude bereitet haben. Wir werden in den kommenden Wochen sicherlich noch das ein oder andere Mal bei unseren Nachbarn vorbeischauen und unsere Leser auch weiterhin über die Geschehnisse in der Kolonie auf dem Laufenden halten.
Es grüßt Sie herzlichst,
Stefan Christmann
9.10.2012: Feuer, Lecks und Gerry Glitter - Der Brandschutzkurs
Liebe Leser, nach unserem Bergkurs ging es weiter, denn wir Überwinterer müssen nicht nur in der Lage sein, unsere Sommergäste oder uns selbst aus den Gletscherspalten zu ziehen. Wir sind auch die unfreiwillige Feuerwehr der Station. Sollte sich in der Neumayer-Station III ein Kammerbrand entzünden oder es in einer Werkstatt qualmen, kommt leider kein Löschzug der Berufsfeuerwehr angerückt. Wir Überwinterer selbst müssen das Problem vor Ort lösen, wenn wir nicht nach kurzzeitiger extremer Wärme allein und obdachlos in der Kälte stehen möchten! Also hieß es Ende September für unser neunköpfiges TEAM: Auf zum Brandschutzkurs nach Neustadt in Holstein, genauer gesagt zur Außenstelle für Schiffsicherung. Zuvor aber noch ganz kurz zu meiner Person, damit ihr/Sie wisst/wissen, wer diesen Bericht geschrieben hat: Ich bin Barbara, Chirurgin und Ärztin, und während der kommenden Überwinterung Stationsleiterin auf Neumayer III.
Am ersten Tag in Holstein wurden wir mit den Atemschutzgeräten vertraut gemacht, indem uns Herr Ausbildungsleiter Köster in militärischem Stil lautstark fünfmal durch das Treppenhaus in den zweiten Stock jagte. Ein jeder von uns trug dabei die gesamte Montur, sprich Maske und Luftflaschen-Rucksack (16 Kilogramm – ich dachte immer Luft wäre leicht....) – ganz schön anstrengend mit Atemschutzmaske, die luftdicht das Gesicht umschließt und einen zwingt, immer gegen einen kleinen Wiederstand anzuatmen.
Im Verlauf der nächsten Tage lernten wir das Löschen von unterschiedlich großen Bränden der Klassen A (Feststoffe brennen) und B (Flüssigkeiten brennen), mit Pulver, Schaum, Kohlendioxid oder Wasser. Es galt zum Beispiel ein Hubschrauberwrack in der sogenannten Brandhalle zu löschen.
Die Brandhalle hatte eine „Dunstabzugshaube“ der Größenordnung des Altarraumes des Kölner Doms. Zu unseren Trainingszwecken brannten dort und anderswo Benzinbecken mit einer Oberfläche von circa zehn Quadratmeter, Personen (natürlich Attrappen!) oder Motorblöcke in engen Maschinenräumen. Letzteres Szenario wurde auf der EX Köln geprobt, einem Sicherheitsschulungsschiff der Marine.
Im engen Schiffsmotorraum gab es leider keine Dunstabzugsmöglichkeiten mehr. Sprich: Man sah vor lauter Qualm die Hand vor Augen nicht. Der einzige Lichtblick: Solange das Feuer noch an war, hatte man eine Orientierungspunkt, unangenehm allerdings die Bilge voller öl- und benzinverseuchtem Wasser, was bedeutete: Ein Fehler beim Löschen und der Maschinenraum stünde in Flammen!
Diese Löschübung wurde in Vierer-Trupps durchgeführt. Der Wasserschlauch mit dem Durchmesser einer Boa Constricta und der Flexibilität eines Holzklotzes musste über den Niedergang nach untern bugsiert und durch den engen Maschinenraum geschlängelt werden. Die Schotten sofort wieder dicht, die Hitze groß, in voller Montur mit Atemschutz! Spannend! Es brauchte ein bisschen Überwindung, in diese hitzige, blinde Enge mit Feuer einzusteigen. Am Ende klappte es aber mit Disziplin und Teamarbeit erstaunlich gut.
Als weitere Übung zum Teambuilding entpuppte sich die Leck-Sicherung - auch dieses Szenario wurde auf der EX Köln durchgeführt. Verschieden große Löcher in der Bordwand wurden geflutet und mussten von uns in Dreierteams irgendwie abgedichtet werden. Zur Verfügung standen dafür lange Vierkant-Hölzer, eine verrostete Säge und irgendwelche Strandgutplanken.
Man glaubt kaum, wie viel Wasser innerhalb kürzester Zeit durch zwei faustgroße Löcher eindringen kann, wenn sie durch die Lokalisation unter der Wasserlinie auch noch entsprechendem Druck ausgeliefert sind. Vor lauter Verzweiflung wegen des schnell steigenden Wassers mussten sogar einige Tauchübungen her. Außerdem war die Ostsee nur noch etwa 12 Grad Celsius warm oder besser gesagt kalt. Brrr - wobei mit genügend Adrenalin im Blut spürte man auch die bis zum Hals mit Ostseewasser gefluteten Wathosen nicht so sehr. Am Ende waren einige "feuchte Kopfstände" nötig, um dieses Wasser wieder aus meinen Wathosen zu bekommen. Und es musste raus, wenn ich irgendwie in der Lage sein wollte, die Leiter wieder hinaufzuklettern.
Zum guten Schluss gab es dann noch ein ungeprobtes Szenario, bei dem ich als Einsatzleiter fungieren durfte. Um es vorwegzunehmen: Am schwierigsten war es, meine Hände im Zaum zu halten und nur zu delegieren. Noch nicht einmal den Atemgeräte-Luftcheck habe ich selbst gemacht. Er war Aufgabe des Funkers! Als Einsatzleiter darf man nur reden, einteilen, befehlen und entscheiden.
Nichtsdestotrotz hat alles geklappt. Der Rettungstrupp hat die vermisste Person im verrauchten Niedergang in Rekordzeit gefunden und über ein Stockwerk gerettet. Der Löschtrupp hatte sich zwar nach seinem gelungenen Löschversuch zu früh vom Einsatzort entfernt, was gleich mit einer Durchzündung quittiert wurde. Am Ende aber waren alle im Einsatz und erfolgreich, inklusive des Hitzeschutzanzuges alias Gerry Glitter! Und das wichtigste: Jeder im Team hat zum Gelingen des Ganzen beigetragen!
Noch ein Wort zu Gerry Glitter: Gemeint ist ein Ganzkörper-Hitzeschutzanzug, mit dem man, falls es nötig sein sollte, nah an einen extreme Hitze absondernden Brandherd vordringen kann, um dort vor Ort Brandbekämpfung durchführen zu können. Das An- und Ausziehen dieses Dings jedoch will gelernt sein, eine Person allein schafft das nicht (siehe Foto)!
Die bereits beschriebenden Trainingseinheiten waren natürlich nur ein Teil der Brandschutz-Ausbildung. Zwischendurch, also gewissermaßen zur Auflockerung, erlernten und übten wir zum Beispiel Rettungs- und Berge-Maßnahmen in engen, verrauchten und steilen Räumlichkeiten, das Suchen einer Person nur via Tastsinn – also ohne jegliche Sicht, sowie die Funktionsprinzipien verschiedener Löschmittel. Ein bisschen Theorie im Klassenraum gab es auch. Von Filmen projiziert via Beamer über VHS-Kassette bis zur Acht-Millimeter-Filmspule durchliefen wir alle Entwicklungsstufen der filmischen Didaktik.
Alles in allem ein hochinteressanter Kurs! Ich denke, wir sind im Team nun in der Lage, gewisse Brandprobleme in den Griff zu bekommen – alles Dank der klaren und guten Lehre unseres Ausbildungsleiters, der trotz seines teilweise militärischen Befehlstons (wohl nötig in dieser Umgebung!) ein humorvoller und sehr guter Lehrer war!
Mit besten Grüßen,
Barbara Fiedel
Szenen aus dem Brandschutz-Training
5.10.2012: Startschuss für die Ausbildung des neuen Teams
Liebe AtkaXpress-Leser,
vor wenigen Wochen ist am AWI-Hauptstandort in Bremerhaven, also fernab der Antarktis, der Startschuss für die Ausbildung des nächsten Überwintererteams gefallen. Die neuen neun Kolleginnen und Kollegen werden in den kommenden Wochen immer wieder einmal die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle von ihren Vorbereitungskursen zu berichten. Sollten Ihnen also neue Autorennamen auffallen, so gehören diese schon zum Team, das dann im kommenden Jahr die Redaktion des AtkaXpresses übernehmen und von der Neumayer-Station III berichten wird. Den Auftakt macht Koch Michael Janke mit seinem Text über den Bergkurs. Bei diesem Sicherheitstraining in den österreichischen Alpen lernen die zukünftigen Überwinterer alle überlebenswichtigen Bergsteige- und Rettungstechniken - und wie es scheint, gab es auch so einige kulinarische Höhepunkte.
Mit besten Grüßen aus Bremerhaven, Sina Löschke
Ein neues Abenteuer und seine Vorbereitung
Am 13.08.2012 bin ich mal wieder in einen neuen Lebensabschnitt gestartet und wer meine Berichte von meiner Zeit auf dem Expeditionskreuzfahrtschiff „MS Bremen“ noch kennt, wird sich bestimmt auf die Berichte meines neuen Abenteuers so richtig freuen. Dieses mal geht es nämlich als einer von neun Überwinterern für 15 Monate als Stationskoch und Proviantmeister auf die Deutsche Forschungsstation Neumayer III.
Das 33. Überwinterungsteam, dem ich angehöre, besteht aus fünf Männern und vier Frauen. Das erste Mal getroffen haben wir uns an einem Sonntag im August, genauer gesagt am Sonntag vor unserem ersten Tag am AWI. Wir sind nachmittags in Bremerhaven in unsere vier Wohnungen (drei Wohnungen für jeweils zwei Personen pro WG, eine mit dreien) gezogen und anschließend erst einmal zum Italiener um die Ecke gegangen, um uns etwas zu beschnuppern und natürlich auch, um den Hunger zu stillen. Am darauffolgenden Montagmorgen ging es dann um 10:00 Uhr am AWI los.
Die Vorbereitungsphase, in der wir neun Neulinge uns gerade befinden, besteht in der ersten Woche aus einer Reihe von Informationskursen, in denen wir erfahren, welchen Auftrag die Neumayer-Station III erfüllt und was das Leben in der Antarktis so ausmacht. Von vielen Aspekten haben unsere Vorgänger ja schon an dieser Stelle berichtet. Nach den faktengeladenen Vorträgen ging es dann am Dienstag in der Gruppe zum Abkühlen für ein paar Stunden an einen kleinen See.
Am Donnerstag erhielten wir die Ausrüstung für unseren Berg-Gletscherkurs, der gleich am ersten Samstag beginnen sollte. Wir wollten am Freitagmorgen gegen 8:00 Uhr in Richtung Ötztal /Österreich aufbrechen, um dort auf einer Höhe von circa 3000 Meter sieben Tage lang zu lernen, wie wir uns im Eis sicher und richtig bewegen - und wie wir im Falle eines Unfalls einen oder mehrere Menschen aus einer Gletscherspalten retten können.
Der Bergkurs
Tag 1: Es geht bergauf
Am Freitag erreichten wir nach einer etwa elfstündigen Anreise das Hotel in Imst. Gefahren waren wir die circa 950 Kilometer lange Strecke in zwei kleinen Bussen. Für die "Weicheier" gab es einen Bulli mit Klimaanlage. Der harte Kern (Barbara, Eberhart, Hinnerk, Michael) fuhr im Bus ohne Klimaanlage, dafür aber mit offenen Fenstern. Am nächsten Morgen ging es nach einem kurzen Transfer nach Obergurgl auf etwa 1900 Meter Seehöhe, wo wir die Busse parkten und den Aufstieg zur Langtalereckhütte auf 2450 Metern Höhe über dem Meeresspiegel begannen. In der Hütte haben wir nach einem leckeren Abendessen übernachtet. Am Ziel aber waren wir noch lange nicht.
Tag 2: Noch höher hinaus...
Schon am nächsten Morgen ging es nach einem kräftigen Frühstück gegen neun Uhr in einem weiteren zweistündigen Aufstieg auf 2883 Seehöhenmeter zum "Hochwildehaus", wo uns Siggi, der Hüttenwirt, begrüßte. Am Nachmittag machten wir uns mit unserer Gletscher-Ausrüstung vertraut und führten die ersten Übungen zur Gletscherrettung durch. Zwischendurch wurden in der Hütten super-leckerer Apfelstrudel und Kaffee oder Tee serviert. Am Abend gab es Schnitzel "Wiener Art" mit Pommes und Salat vom Buffet und zum Nachtisch ofenfrischen Kuchen.
Tag 3: Ab auf den Gletscher
Am dritten Tag ging es für den Grossteil unseres Team's das erste Mal auf einen richtigen und echten Gletscher. Das hieß von der Hüte aus gut 150 Höhenmeter wieder den Berg hinab, dann Steigeisen anlegen und schwups standen wir auch schon auf schätzungsweise 60 Meter dickem Gletschereis. Meine ersten Bewegungen glichen denen eines Roboters und ich hab mich schon nach fünf Minuten das erste Mal auf die Nase gelegt: Meine Steigeisen hatten sich ineinander verfangen.
Nach etwa eineinhalb Stunden Einzel-Lauftraining auf dem Eis, probten wir noch kurz das Laufen in einer Seilschaft - dann ging's zurück zur Hütte, wo eine feine Speckknödelsuppe zur Stärkung auf uns wartete. Am Nachmittag übten wir das erste Mal an einer kleinen Felswand das Bergen von Personen, die in eine Felsspalte gefallen sind. Dieses Einheit war für mich eine großartige Erfahrung: Selbst einmal an einem Seil zu hängen und sich auf seine Leute im Team verlassen zu müssen - danke Julia und Barbara.
Nach gut zwei Stunden Rettungstraining hatten wir unser Soll für den Tag erfüllt, vorerst zumindest. Denn nach dem Abendessen (Eiersuppe / Spagetti mit Hackfleischsoße/ Salat vom Buffet/ zum Nachtisch warmer Blaubeerpalatschinken) hörten wir einen Bildervortrag unseres Ausbilders über das sichere Verhalten auf der Neumayer-Station III und in der Antarktis allgemein.
Tag 4: Tief in der Spalte
Da wir in unserer Hütte mit sieben Personen in einem Zimmerchen untergebracht waren, hatten wir uns angewöhnt, mit offenem Fenster zu schlafen. Und da ich das Glück oder das Pech hatte, direkt unter diesem Fenster zu schlafen, tröpfelte mir nachts so manches Mal Regen ins Gesicht. Nun ja, Aufstehen hieß es um kurz nach 7:00 Uhr, da um 8:30 Uhr Abmarsch in Richtung Gletscher angesagt war. Nach einem recht schnellen Abstieg zu unserem Gletscher vom Vortag stand heute die "Gletscherbergung" auf dem Übungsplan.Also, in dreier Gruppen an einer Gletscherspalte - Aufgabe: das Retten üben.
Einer von jeder Gruppe hatte das Vergnügen, in die Spalte hinab gelassen zu werden und darauf zu hoffen, von den beiden anderen gerettet zu werden. Ich hatte den Spaß, in circa sieben Metern Tiefe in meinem Gurtzeug zu hängen - viel tiefer ging es für mich auch nicht, da ich mit Rücken und Bauch Kontakt zu beiden Seiten der Spalte hatte. Das Problem war hierbei nur, dass an eben jener Stelle eine etwas größere Menge Gletscherwasser hinunter lief. Im Nu war ich ziemlich nass. Glücklicher Weise schafften es Barbara und Julia dann doch noch, mich aus der Gletscherspalte zu ziehen und ich konnte mich meiner nassen Klamotten entledigen. Diese Bergeübungen machten wir an jenem Tag bis kurz nach 14:00 Uhr. Im Anschluss ging es zurück zur Hütte, wo wir nach Kaffee und Kuchen sowie später einem lecker Abendessen den Abend sehr ruhig ausklingen ließen - wohlwissend, dass es am nächsten Morgen schon um 07:30 Uhr in Richtung einer noch größeren Gletscherspalte losgehen sollte.
Tag 5: Auf 3100 Metern Höhe über dem Meer
Heute Morgen ging es um 07:30 Uhr in der Früh wieder einmal auf den Gletscher, nur diesmal etwas höher hinaus auf circa 3100 Höhnmeter. Ein Marsch von etwa sechs Kilometern Länge: Erst gut 150 Höhenmeter nach unten und dann gut elfeinhalb Stunden mit Steigeisen auf den Gletscher in das Spaltengebiet, in dem die heutigen Übungen statt finden sollten. Die Übung sollte simulieren, was zu tun ist, wenn ein Mitglied einer Seilschaft während einer Wanderung plötzlich in eine Gletscherspalte einbricht oder abrutscht. Sie war zugleich auch der Abschluss für unsere erlernten Bergetechniken und noch ein Mal eine tolle Erfahrung. Gegen 14:00 Uhr machte sich unser Überwinterungs-Team in zwei Seilschaften alleine über das Spaltengebiet auf den Rückweg zur Hütte. Kurz bevor wir die Hütte erreichten, teilte sich das Team noch einmal. Einige von uns wollten noch ein kurzes Bad in einem nahe gelegenen Bergsee nehmen. Nach dem Abendessen sahen wir einen Film vom Bau unseres zukünftigen Zuhauses in der Antarktis, "Neumayer III".
Tag 8: Hinab in das Tal
Das Wetter hatte ein wenig umgeschlagen: Von den 26 Grad Celsius, die wir bei der Anreise hatten, sind an diesem Morgen nur noch gut acht bis zehn Grad Celius übrig geblieben. Dafür gab es eine Runde Nebel-Suppe. Das war jedoch nicht ganz so schlimm, da wir am Vormittag mit Eberhard nur noch einige Themen zur Station und zu Reise in die Antarktis besprachen. Für den Nachmittag stand der Abstieg zur ersten Hütte an. Dort haben wir uns nach dem Abendessen noch bei unseren beiden Bergführern Paul und Mike für den tollen Kurs bedankt, mit ihnen eine Flasche Rotwein geleert und noch so manches Erlebnis ausgetauscht.
Letzter Tag: Heimfahrt nach Bremerhaven
Nach dem Frühstück ging es dann zurück auf 1900 Meter über Normalnull, wo unsere beiden Bullis schon auf uns warteten, um uns nach Bremerhaven zurückzubringen. Wie die Vorbereitungsphase für uns weiterging, werden wir demnächst berichten.
beste Grüße im Namen des 33. Überwintererteams,
Michael Janke


















































































