Der elegante Pygospio-Wurm

Zum Knutschen schön: Zwei Pygospio-Würmer schmiegen ihre Köpfe aneinander
Manch ein bemerkenswertes Wattwesen ist so klein, dass es vielleicht sogar Käpt'n Corl's scharfem Blick entgangen ist, obwohl der doch das Watt so gut kennt wie seinen Tabaksbeutel. Allerdings hat sich der Käpt'n beim Gang über die trockengefallenen Wattflächen vielleicht schon mal über die Lebensspuren dieser Wesen gewundert, die kleinen, braunen Haaren gleich aus dem Sandboden sprießen und sich beim genaueren Hingucken als winzige Röhren aus Sand entpuppen. Korn an Korn geklebt und innen mit einer festen Schleimtapete ausgekleidet, lebt darin der Pygospio-Wurm, lateinisch Pygospio elegans. Mit seiner fadendünnen Länge von nur etwa einem Zentimeter und einer grazilen, gelblich-durchsichtigen Erscheinung ist er eher ein Wattwürmchen als ein Wattwurm und straft all jene Lügen, die einen Wattwurm per se für einen zu fett geratenen Regenwurm halten. Vieräugig und rotnasig ist der Pygospio-Kopf mit zwei langen, beweglichen Tentakeln ausgestattet, die Nahrungspartikel aus dem Wasser angeln und diese auf Längsreihen von Wimperhärchen förderbandgleich zum Mund transportieren. Mancherorts können die Röhren der Pygospio-Würmer so zahlreich sein, dass sie, von einer ungünstigen Strömung freigespült, wie Fetzen struppigen Felles den Wattboden bedecken. Solch hohe Siedlungsdichten erreicht der Wurm nicht nur über eine konventionelle Vermehrung mittels Eiern, Spermien und Planktonlarven, sondern, allen ethischen Debatten zum Trotz, beherrscht er die Technik, sich selbst zu klonen. Hierzu schnürt der Wurm seinen Körper in mehrere Stücke, denen neue Kopf- und Schwanzenden wachsen. Und so findet man hin und wieder in Bodenproben sich regenerierende Pygospio-Würmer, deren dünner Vorderkörper wie aufgepfropft auf dem dickeren Teil des ursprünglichen Wurmes sitzt, die angehenden Tentakeln wie zu große Ohren auf einem noch winzigen Köpfchen. Diese Taktik macht den Wurm zwar erfolgreich bei der schnellen Ausbreitung in einem bereits besetzten Gebiet, führt aber nicht zur Eroberung freier Lebensräume. Der Aufbruch zu neuen Ufern ist auch bei Pygospio nicht die Sache der auf jugendlich getrimmten Patchwork-Oldies, sondern ist den Planktonlarven als der wahren Jugend vorbehalten.


