Baltische Plattmuschel - Aus dem Wanderleben einer Wattmuschel

Die Baltische Plattmuschel: ein Schalentier mit Wanderlust
Eine Muschel scheint sehr in sich gekehrt: verschlossen in zweiklappiger Schale und nur über einen Schnorchel mit der Außenwelt verbunden. Mit dem Schnorchel "schmeckt" sie das Wasser, saugt es auf, um so die Kiemen zu umspülen und gleichzeitig daraus ihre Mikroalgenkost zu filtern. Die daumennagelgroße Plattmuschel ist damit aber keineswegs fertig mit ihrem Bild von der Welt. In der Jugend packt sie die Wanderlust. Zwar besucht sie nicht ihre Verwandtschaft in der Ostsee oder gar in Amerika - die alle von der Wissenschaft den etwas zu provinziellen Namen ‚Baltische Plattmuschel' verpasst bekamen - aber die Gezeitenzone des Wattenmeeres kennt die kleine Muschel von oben bis unten.
Ihr Muschelleben beginnt als beflimmerte Larve im Plankton. Ist sie nach zwei bis drei Wochen reif für das Leben am Boden, verschlägt es sie zuerst in die unterste Zone im Watt, dorthin wo der Wattboden nur kurze Zeit bei Ebbe auftaucht. Wenn die Larve ihr Flimmern einstellt, sinkt sie wie andere Schwebstoff bei Stillwasser zwischen Ebbe und Flut zu Boden.
Wer glaubt die Wanderzeit sei nun vorbei, liegt völlig falsch. Werner Armonies von der Sylter Wattenmeerstation hat ihre weiteren Abenteuer im Königshafen bei List verfolgt und dabei Überraschungen erlebt. Die kleine Muschel fabriziert als nächstes einen langen Schleimfaden. Den erfaßt die Strömung und nimmt die wie an einer Drachenschnur baumelnde Jungmuschel mit auf die Reise. Mit der Flut gelangt sie nach und nach zwischen Mai und Juni von der untersten bis in die oberste Zone im Watt.
Warum? Wegen der Krabben! Kleine Muscheln stehen auf deren Speisekarte ganz oben. In der lange überfluteten unteren Wattzone haben die Krabben viel Zeit kleine Muscheln zu fressen; in dem nur kurz überfluteten Watt der oberen Zone dagegen wenig Zeit. Dieser Unterschied ist für die kleinen Muscheln überlebenswichtig. Darum lohnt es sich am Schleimfaden von unten nach oben durch die Gezeitenzone zu wandern. Je größer sie nun wächst, um so interessanter wird sie für hungrige Vögel, die bei Ebbe den Wattboden patroullieren. Nun kehrt sich das Schicksal. Nun heißt es weg von den Vögeln und aus der obersten Wattzone. Also nochmals wandern und zurück in die unteren Watten, damit das Muschelleben nicht vorzeitig im Vogelschnabel endet!


