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Interview mit dem Expeditionsleiter Dr. Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI)

Welchen wissenschaftlichen Hintergrund haben Sie als Antarktisforscher?

Gutt: Dieses ist meine 11. wissenschaftliche Expedition in die Antarktis seit 1985, und ich habe ungefähr 60 Veröffentlichungen über Krill, Fische und Lebensgemeinschaften am Meeresboden geschrieben. Außerdem bin ich Mitglied mehrerer Steuerungsgruppen wissenschaftlicher Programme, z.B. im neuen biologischen Programm "Evolution und Biodiversität in der Antarktis (EBA)" der Wissenschaftskommission für antarktische Forschung SCAR (Scientific Committee on Antarctic Research), oder im "Census of Antarctic Marine Life (CAML)" und im Nationalen Komitee des Internationalen Polarjahres 2007/2008.

Was wollen Sie und Ihr Team auf dieser Expedition untersuchen?

Gutt: Mein persönliches Interesse ist sehr eng mit der Ökosystemforschung der gesamten CAML-Gruppe an Bord verbunden. Ich arbeite hauptsächlich über größere Tiere - wie und warum existieren sie in einem Umfeld hoher biologischer Vielfalt am Meeresboden.  Von besonderem Interesse ist die Frage, welche Lebensformen unter den großen, bis zu mehreren hundert Meter dicken, auf dem Wasser schwimmenden Schelfeisflächen vorkommen, die mit der riesigen antarktischen Eisdecke verbunden sind. Vor einigen Jahren brachen solche Schelfeisplatten im Larsen A und Larsen B-Gebiet durch regionale Erwärmung zusammen.  Zum ersten Mal haben wir nun die Gelegenheit, das Leben in einem solchen Gebiet zu studieren.  Während des Zusammenbruchs des Schelfeises kalbten viele Eisberge. Daher stellt sich für uns z.B. die Frage, ob auf Grund laufende Eisberge den Meeresboden nur verwüsten, oder ob solche Störungen zu einer großen biologischen Vielfalt beitragen. Wir erwarten verschiedene Stadien der Wiederbesiedlung mit neuen Lebensgemeinschaften - aber bis zu welcher Intensität einer vorhergehenden Störung. Auf Grundlage der während unserer Expedition erhobenen Daten wollen wir mit Computer-basierten Modellrechnungen versuchen, künftige Entwicklungen in der Tierwelt nach ähnlich dramatischen Umweltveränderungen vorherzusagen. Die Tiere in dieser Region wachsen zu langsam, um bereits signifikante Veränderungen seit dem Zusammenbruch des Schelseises zu beobachten. In Zusammenarbeit mit der Bremer Universität setzen wir ein sogenanntes ROV (remotely operated vehicle) ein. Das ist ein mit Videokameras bestückter Unterwasser-Roboter, mit dem wir kleinräumige Muster und Prozesse beobachten und registrieren können. Das ROV ist auch mit einem Greifarm ausgerüstet, der es uns erlaubt, bestimmte Tiere oder Bodenproben zu entnehmen, wenn wir sie auf dem Monitor zu Gesicht bekommen.  Ich arbeite seit meiner ersten Antarktisexpedition mit diesen modernen Visualisierungsmethoden. Es heißt: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Aber diese Information muss auch in wissenschaftliche Daten überführt werden. Das ist eine große Herausforderung.

Was ist Ihre Hauptverantwortung als Chefwissenschaftler?

Gutt: Ich bin der Leiter der wissenschaftlichen Crew an Bord, die aus 52 Personen besteht. Ich manage das gesamte wissenschaftliche Programm. Diese Aufgabe beinhaltet die Moderation unserer Zusammenkünfte, auf denen detailliert die Arbeitspläne für die nächsten Tage durchgesprochen und schließlich verabschiedet werden. Ich muss nahezu jeden Einsatz aller wissenschaftlichen Geräte kontrollieren. Wenn wir einen fast 24-stündigen Arbeitstag an Bord haben, dann kann ich zwischendurch zwar mal für eine Weile schlafen, aber ich bin trotzdem 24 Stunden im Dienst. Wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, werde ich geweckt und muss eine Lösung finden. Mit anderen Worten: ich bin verantwortlich dafür, meine Kollegen an Bord mit dem bestmöglichen wissenschaftlichen Programm glücklich zu machen.  All diese Aktivitäten müssen mit dem Kapitän Uwe Pahl, seinem Ersten Offizier Uwe Grundmann und dem Chef-Maschinisten "Ole" Ziemann abgesprochen werden. Ich unterstütze ein ehrgeiziges "Outreach-Projekt", um wissenschaftlich interessierte Menschen und den Steuerzahler daheim genauso zu informieren wie diejenigen aus den Heimatländern der anderen Expeditionsteilnehmer. Und letztlich möchte ich auch erwähnen, dass es mir an jedem Tag als Chefwissenschaftler großes Vergnügen bereitet, diese wunderbare und friedliche Atmosphäre unter den Kollegen aus 14 verschiedenen Ländern aus ganz Amerika und Europa zu erhalten und für eine gute Zusammenarbeit zwischen Mannschaft und Wissenschaftlern an Bord zu sorgen. 

 


 
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Kontakt

Dr. Julian Gutt
Expeditionsleiter, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI)

Dr. Angelika Dummermuth
Presse & Öffentlichkeitsarbeit, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI)