Interview: „Unser Wissen über die Rolle des Eisens im globalen Kohlenstoffkreislauf ist noch sehr lückenhaft“
Das Thema Eisendüngung wird in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Dr. Stefan Hain, umweltpolitischer Sprecher des Alfred-Wegener-Institutes, erklärt im Interview, welche wissenschaftlichen Motive hinter Eisendüngungsexperimenten stecken und welche internationalen Abkommen die Arbeit der Forscher regulieren.
Sind Eisendüngungsexperimente im Ozean aus wissenschaftlicher Perspektive notwendig?
Stefan Hain: Ja, denn unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, welche Rolle dieses essentielle Element für die Organismen, das gesamte Nahrungsnetz und den Kohlenstoffhaushalt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einnimmt, sind noch sehr lückenhaft. Es gibt es viele mehr oder weniger wissenschaftliche Hypothesen und Behauptungen. Diese können aber nur bedingt im Labor oder durch Modelle überprüft werden, denn dafür sind die natürlichen Prozesse und Wechselwirkungen im Meer viel zu komplex. Im Labor kann man nur einzelne Organismen untersuchen, nicht aber das Zusammenspiel vieler Faktoren. Unerfasst bleibt dabei auch, wie sich die Beziehungen der Organismen untereinander in der Nahrungskette und im Stofffluß verändern; also wie sich das System verändert. Die sehr unterschiedlichen Ergebnisse der bisherigen Freilandexperimente haben gezeigt, wie wenig wir über das System Meer wissen. Außerdem wird Ozeandüngung als eine Möglichkeit erachtet, Kohlendioxid der Atmosphäre zu entziehen und somit den Klimawandel zu bekämpfen. Die Effektivität der Methode und die mit ihr verbundenen Risiken werden jedoch kontrovers diskutiert. Gezielte und kontrollierte Experimente sind notwendig, um eine wissenschaftlich fundierte Basis zu schaffen, auf der dann Entscheidungen getroffen werden können.
Schaden wissenschaftliche Eisendüngungsexperimente der Umwelt?
Stefan Hain: Kein ernstzunehmender Forscher wird der Umwelt absichtlich Schaden zufügen. Deshalb gingen allen Experimenten, die das Alfred-Wegener-Institut durchgeführt hat, langjährige Planungen und sorgfältige Überlegungen voraus. Bei EIFEX und LOHAFEX wurden absichtlich kleine Ozeanwirbel gedüngt. Deren Wassermassen haben nur wenig Austausch mit dem umliegenden Meer. Alle bisher durchgeführten Eisendüngungsexperimente waren außerdem kleinskalig und man konnte keine negativen Auswirkungen feststellen. Ob eventuell Schädigungen der Meeresumwelt bei einer wiederholten und großflächigen Düngung auftreten könnten, ist noch immer spekulativ – diese Frage konnte bisher nicht untersucht werden.
Gibt es derzeit rechtsverbindliche nationale oder internationale Regelungen zu Eisendüngungsexperimenten und wie ordnen Sie diese als umweltpolitischer Sprecher des Alfred-Wegener-Institutes ein?
Stefan Hain: Viele internationale Organisationen, wie zum Beispiel das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity) haben Stellungnahmen und Empfehlungen zum Thema Ozeandüngung abgegeben. Das Londoner Übereinkommen und Protokoll über die Verhütung der Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen und anderen Stoffen (London Convention on the Prevention of Marine Pollution by Dumping of Wastes and Other Matter, 1972 and 1996 Protocol Thereto) hat im Jahr 2008 kommerzielle Ozeandüngungsexperimente verboten. Gleichzeitig waren sich alle Staaten einig, dass kontrollierte, legale wissenschaftliche Grundlagenforschung zum Thema ermöglicht werde sollte und notwendig ist, um unsere Kenntnis des Kohlenstoffkreislaufs und der relevanten Prozesse im Meer zu verbessern. Zwei Jahre später wurde unter diesem Übereinkommen ein Rahmenwerk verabschiedet, das zur Bewertung und Genehmigung von Vorschlägen für wissenschaftliche Forschungsexperimente zur Ozeandüngung herangezogen wird. Es gilt auch für Deutschland. Aufgrund seiner umfangreichen Auflagen und Bedingungen wird es aber selbst einem Institut von der Größe und Kapazität des Alfred-Wegener-Instituts kaum möglich sein, die Anforderungen dieses Bewertungswerks zu erfüllen. Experimente wie EIFEX und LOHAFEX wären heute nicht mehr durchführbar.
Ist eine Fortführung von Ozeandüngungsexperimenten überhaupt noch sinnvoll und plant das Alfred-Wegener-Institut weitere solcher Experimente?
Stefan Hain: Wenn wir wirklich verstehen wollen, wie die Stoffflüsse im Ozean unter unterschiedlichen Klimabedingungen funktionieren, wenn wir Hypothesen, Laboruntersuchungen und Vorhersage-Modelle überprüfen wollen, dann sind solche in situ-Experimente notwendig. Alle bisherigen wissenschaftlichen Ergebnisse, auch jene aktuell veröffentlichten von EIFEX, legen nahe, dass selbst bei großflächiger Eisendüngung nur ein kleiner Teil der jährlichen Kohlendioxid-Emissionen dem Kreislauf entzogen würde. Unser Hauptziel muss daher die Reduzierung dieses Kohlendioxid-Ausstoßes bleiben. Falls sich Regierungen jedoch gezwungen sehen sollten, die Eisendüngung des Ozeans als eine zusätzliche Maßnahme zur Reduzierung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre einzusetzen, müssen wir die möglichen Auswirkungen und Risiken der Ozeandüngung wissenschaftlich fundiert abschätzen können. Die bisherigen Experimente, wie die des Alfred-Wegener-Institutes, haben hierzu enorm beigetragen. Wir sind derzeit noch dabei, die Daten vergangener Eisendüngungsexperimente vollständig auszuwerten. Wenn sich aus ihren Ergebnissen neue Fragestellungen ergeben, muss überlegt werden, ob und wie diese beantwortet werden können - zum Beispiel in einem experimentellen Forschungsansatz.
Vielen Dank für das Gespräch
(Sina Löschke/Folke Mehrtens)



