Wieviel Futter braucht die Dicke Bertha?
Eine neue Aquarium-Anlage für Kaltwasserkorallen bietet Dr. Carin Jantzen und ihren Studenten die Möglichkeit, die Tiefsee-Koralle Desmophyllum dianthus in Langzeitstudien und unter Laborbedingungen zu untersuchen. Ein großer Fortschritt, denn bisher sind die Tiere aus dem Comau-Fjord den Wissenschaftlern noch ein ziemliches Rätsel
Die Dicke Bertha bockt. Die größte Kaltwasserkoralle im neuen Aquarium der Biologie-Arbeitsgruppe „Bentho-Pelagische Prozesse“ hat alle Tentakeln eingezogen und hängt beleidigt in ihrem Hälterbecken. Dabei wäre an diesem Nachmittag beste Futterfangzeit. Eine blaue Neonröhre wirft vermeintliches Abendlicht in die sechs Becken, sodass die Korallen glauben, sie hängen in 20 Metern Tiefe.
Dieser Trick funktioniert bei Berthas Artgenossen bestens. In der Hoffnung auf Futter lassen die Tiere im Nachbaraquarium ihre prachtvollen Tentakeln in der Strömung tanzen. Bertha aber streikt. „Ich habe gestern ihr Becken sauber gemacht und sie dazu herausgenommen. Das nimmt sie mir noch immer übel“, sagt Stefanie Sokol.
Die 26-jährige Biologiestudentin forscht gemeinsam mit Dr. Carin Jantzen an den 36 Exemplaren der Tiefsee-Korallenart Desmophyllum dianthus, die in dem neuen, deutschlandweit einzigen Desmophyllum-Aquarium untergebracht sind. Alle Tiere stammen aus dem Comau-Fjord an der Südwestküste Chiles, wo Carin Jantzen seit zwei Jahren die Kaltwasserkorallen untersucht. Denn nur dort siedeln die Wesen mit der Vorliebe für kaltes Tiefenwasser auch im Flachwasser.
Aus diesem Grund darf auch die Temperatur im Aquarium nicht über die Zehn-Grad-Grenze steigen. „Wir versuchen, die natürlichen Lebensbedingungen so gut wie möglich nachzubilden. Im Fjord wachsen die Korallen zum Beispiel an Felsvorsprüngen, ihre Polypen nach unten gerichtet. Also haben wir sie so befestigt, dass sie kopfüber im Becken hängen“, erzählt Stefanie Sokol.
Das Aquarium ist maßgeschneidert und der ganze Stolz der Arbeitsgruppe. „Unsere Becken laufen über zwei getrennte Wasserkreisläufe. Das heißt, wir können für die eine Hälfte den pH-Wert, die Temperatur oder den Salzgehalt ändern, ohne dass dies Auswirkungen auf die andere Hälfte hat. Zudem kann jedes Becken an den einen oder den anderen Kreislauf angeschlossen werden“, schwärmt Carin Jantzen.
Für die erste Studie wurde die eine Hälfte der Korallen auf Diät gesetzt, die andere bekommt regelmäßig Nahrung. „Wir wissen noch nicht genau, auf wie viel Futter die Korallen angewiesen sind. Deshalb untersuchen wir, bei welchen Nahrungsmengen und Strömungsbedingungen die Tiere am besten wachsen“, sagt Carin Jantzen. Auf dem Speiseplan steht Krill, der mit der Pinzette gereicht wird, um sicherzugehen, dass auch jede Koralle etwas abbekommt. Die Dicke Bertha wiegt inzwischen 96 Gramm und ist ein echter Nimmersatt! Carin Jantzen: „Wir hören bei der Fütterung irgendwann im- mer auf. Ihr Appettit aber scheint unersättlich zu sein.“




