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Kaltwasserkorallen: Überleben ohne Licht und grüne Helfer

Globale Verteilung der riff-bildenden Kaltwasserkorallen, Stand 2006. Quelle: Roberts JM, Wheeler AJ, Freiwald A (2006) Reefs of the deep: the biology and geology of cold-water coral ecosystems. Science 312: 543-547

Der Begriff "Kaltwasserkorallen" steht nicht für eine bestimmte Korallenart oder -gattung. Vielmehr umfasst er ganz verschiedene Korallenarten, die vor allem eines gemeinsam haben: eine Vorliebe für Wasser, das zwischen vier und zwölf Grad Celsius kalt ist. In diesem Merkmal unterscheiden sie sich deutlich von ihren wärmeverwöhnten Artgenossen aus den Tropen, die den Kaltwasserkorallen allerdings in Sachen "Berühmtheit" noch immer die Show stehlen. Allerdings ganz unberechtigt, wie die Forschung zeigt.

Kaltwasserkorallen stehen oft im Schatten ihrer Artgenossen aus den tropischen Regionen. Dabei ist die Artenvielfalt der Korallen mit einer Vorliebe für das Kalte viel größer als jene in tropischen Riffen. Während Warmwasserkorallen vor allem in den sonnendurchfluteten, warmen Flachwasserregionen der Tropen vorkommen, siedeln Kaltwasserarten nahezu weltweit – und zwar am liebsten an den Kontinentalrändern Nordeuropas und Nordamerikas, an Unterwasserbergen, entlang des Mittelatlantischen Rückens, vor der Küste der Philippinen, in der Antarktis und in Fjorden, wie dem Comau-Fjord in Chile, dem Forschungsgebiet der Biologen des Alfred-Wegener-Instutes.

Die meisten der mehr als 1000 bekannten Kaltwasserkorallen leben in einer Tiefe zwischen 200 und 400 Metern und sind auf eine Wassertemperatur zwischen vier und zwölf Grad Celsius angewiesen. Es gibt allerdings auch zahlreiche Ausnahmeerscheinungen: Die antarktische Tiefsee-Koralle Flabellum impensum etwa gedeiht in einer Tiefe bis zu 2000 Metern und hat sich an Wassertemperaturen von ein Grad Celsius angepasst. Desmophyllum dianthus, das Forschungsobjekt der Biologen des Alfred-Wegener-Instituts dagegen bildet im chilenischen Comau-Fjord schon ab einer Tiefe von etwa 20 Metern dichte Bänke. Die Tiere bieten den Wissenschaftlern so die seltene Gelegenheit, persönlich zu den Kaltwasserkorallen hinabzutauchen. Meist brauchen Biologen U-Boote oder Tauchroboter, um sich den Riffen und Bänken der Kaltwasserkorallen zu nähern.


 

Korallen gibt es nicht nur in den Tropen und in 800 Metern Wassertiefe vor unserer europaeischen Kueste; sondern auch hier, 120 Meter tief, auf einem Felsen im Larsen B-Gebiet, mitten in der Antarktis. Foto: Alfred-Wegener-Institut/MARUM, Universität Bremen

Kaltwasserkorallen kommen je nach Art und Standort auf dreierlei Weise vor: Sie haften entweder einzeln am Meeresboden, bilden kleine Kolonien und Miniriffe oder sie formen gigantische Riffe und Kalkhügel. Letztere ragen vom Meeresgrund bis zu 300 Meter in die Höhe, besitzen einen Durchmesser von mehreren Kilometern und sind Tausende wenn nicht sogar mehrere Millionen Jahre alt. Einzeltiere können ein solch biblisches Alter nicht erreichen. Allerdings sind Wissenschaftler vereinzelt schon auf schwarze und goldene Korallen gestoßen, die nachweislich älter als 1000 Jahre waren und somit zu den langlebigsten Bewohnern der Meere zählen.

Wie ihre wärmeverwöhnten Artgenossen aus den Florida Keys oder dem australischen Great Barrier Reef gehören auch Kaltwasserkorallen zu den Nesseltieren. Sie sind also eng mit den Seeanemonen verwandt und sitzen wie sie fest verankert auf dem Untergrund. Jedes einzelne Korallentier besteht im Grunde aus einem zylinderförmigen Polypen, der ein mehr oder weniger stabiles Kalkskelett besitzt und dessen Mundöffnung von Tentakeln umgeben ist.

Das Leben in der lichtarmen, kalten Tiefe verlangt von den Kaltwasserkorallen spezielle Überlebenstricks. Während tropische Flach- oder Warmwasser-Korallen Algen, sogenannte Zooxanthellae, in ihr Gewebe einlagern und auf diese Weise einen Untermieter gewinnen, der Photosynthese betreibt und seinen Wirt mit Zucker und anderen Nährstoffen versorgt, sind Kaltwasserkorallen gezwungen, selbst Beute zu machen. Tiefseebewohnende Arten fischen mit ihren Tentakeln nach Plankton und anderen Partikeln, die wie Schnee aus den oberen Wasserschichten zu ihnen herabrieseln. Korallen wie Desmophyllum dianthus erbeuten Plankton, Krill und andere kleine Lebewesen, die ihnen Meeresströmungen oder Wasserbewegungen durch Ebbe und Flut in die Fänge treiben.

Diese Jagdmethode erklärt unter anderem die Vorliebe vieler Kaltwasserkorallen für Standorte mit steter Wasserbewegung. Ein zweiter Grund für ein Leben im Strom liegt in der Fortpflanzungsstrategie der Tiere. Wer wie Korallen im wahrsten Wortsinn am Meeresboden oder an einer Steilwand festsitzt, muss darauf vertrauen, dass jemand anderes den Nachwuchs mit auf die Reise nimmt. Im Falle der Korallen bieten die Meeresströmungen den Korallenlarven eine Mitfahrgelegenheit. Zu alledem trägt das Wasser auch Abfall davon und verhindert, dass sich zu viel Sand auf den Korallen ablagert und die Tiere ersticken.


 
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