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Ceratoserolis trilobitoides - Eine Art mit vielen Doppelgängern

Abb. 1: Ceratoserolis lebt ausschließlich im Südpolarmeer bei Temperaturen von annähernd -1,9 Grad Celsius (Foto: Christoph Held)

Ceratoserolis trilobitoides gehört zu den größten und charismatischsten Krebsen der Antarktis. Die Art wird acht bis neun Zentimeter lang und ist ein typischer Vertreter der Serolidae. Sie hat einen Verwandten, den die wenigsten überhaupt als solchen erkennen dürften, obwohl er auch Nichtfachleuten sehr geläufig ist: unsere Kellerassel. Die Brutpflege war wesentlich für den evolutiven Erfolg der Seroliden im Südpolarmeer. In anderen Ökosystemen sind die Jugendstadien der meisten Arten mikroskopisch kleine Larven, die sich eine Zeit lang im Plankton aufhalten und dort ernähren. In der Nahrungsknappheit der langen polaren Winter dagegen sind brutpflegende Arten im Vorteil, deren Larven im Brutbeutel der Mutter aufwachsen und sich vom Eidotter ernähren (s. Abb. 2).


 

Abb. 2: Genau wie die Kellerassel tragen die Ceratoserolis Weibchen ihre Eier und auch die Jungtiere in einer Bruttasche auf der Bauchseite mit sich herum. (Foto: Christoph Held)

Ceratoserolis trilobitoides verdeutlicht die Probleme, die die Wissenschaft bei der Erfassung der Biodiversität hat. Ceratoserolis trilobitoides war der erste Krebs überhaupt, der im Jahr 1833 aus den Gewässern um die Antarktis beschrieben wurde. Der Beschreiber, der amerikanische Naturforscher James Eights, arbeitete unter einfachsten Bedingungen auf Segelschiffen der Robben- und Waljäger seiner Zeit. Er verwendete für die Artbeschreibung den Gattungsnamen Brogniartia. James Eights geriet in Vergessenheit, die von ihm beschriebenen Art keineswegs. Bei weiteren Expeditionen wurde neues Material mit diesem charakteristischen Aussehen ebenfalls zur Art C. trilobitoides gerechnet, die bald rings um die Antarktis und um die subantarktischen Inseln gefunden wurde. Obwohl subtile Unterschiede im Aussehen in verschiedenen Regionen der Antarktis bekannt wurden, galt C. trilobitoides schließlich als Paradebeispiel einer morphologisch variablen und rund um die Antarktis verbreiteten Art. 

Wissenschaftler konnten erst mit Hilfe moderner molekularer Methoden beweisen, dass es sich in Wahrheit nicht um einzige, zirkumpolar verbreitete Art handelt. Unter dem Artnamen Ceratoserolis trilobitoides verbirgt sich tatsächlich eine Vielzahl äußerst ähnlicher, sogenannter pseudo-kryptischer Arten. Welche dieser vielen Arten heißt nun aber rechtmäßiger Weise Ceratoserolis trilobitoides? Normalerweise muss hier das Originalmaterial zu Rate gezogen werden, das aber verloren gegangen war. Nur dank der guten Qualität der Kupferstiche der Originalbeschreibung lässt sich unter den heute lebenden Arten noch diejenige identifizieren, die Eights beschrieben hat - über 150 Jahre bevor das molekulare barcoding erfunden wurde, mit dessen Hilfe heute große Fortschritte bei der Erfassung der Biodiversität gemacht werden. Die einzige Art, die tatsächlich Ceratoserolis trilobitoides heißt, ist nur an der Spitze der Antarktischen Halbinsel verbreitet, während das Material, das anderswo gesammelt wurde, noch unbeschriebene Arten darstellt.


 

Abb. 3: Ceratoserolis sp. lebt vorwiegend auf Weichböden in Meerestiefen bis zu 600 Metern. Die Tiere sind oft teilweise eingewühlt, nur Augen und Antennen, die wichtigsten Sinne zum Aufspüren ihrer Beute, schauen heraus. (Foto: Christoph Held)

Vorsichtige Schätzungen auf Grund der ersten molekularen Arbeiten lassen vermuten, dass die tatsächliche Anzahl der Krebsarten der Antarktis weit höher liegt als bisher bekannt (+100%, evtl. mehr). Diese übersehene Artenvielfalt ist kein Einzelfall innerhalb der Krebse, sondern ein Phänomen, das in vielen Tiergruppen rund um die Antarktis zunehmend beobachtet wird. Die nach oben korrigierten Artenzahlen zwingen uns, weit verbreitete Lehrmeinungen zu überprüfen: Ist es tatsächlich so, dass der Artenreichtum in den Tropen am höchsten ist und zu den Polen hin abnimmt? Für die Meere der Südhalbkugel, wo tiefe Temperaturen mit hohen Artenzahlen einhergehen, werden die Belege für diese These derzeit schwächer. Ganz sicher ist nicht die Temperatur allein für Artenreichtum maßgeblich.

Gleichzeitig erlaubt uns eine detailliertere Kenntnis der Biodiversität, die Folgen der Umweltänderungen genauer zu protokollieren, die derzeit nirgendwo schneller ablaufen als in den Gewässern rund um die Antarktische Halbinsel - der Heimat von Ceratoserolis trilobitoides.

 

 

[1] Wägele, J.-W. (1986): Polymorphism and distribution of Ceratoserolis trilobitoides (Eights, 1833) (Crustacea, Isopoda) in the Weddell Sea and synonymy with C. cornuta (Studer, 1879). Polar Biology 6, 127-137.

[2] Wägele, J. W. (1987): On the reproductive biology of Ceratoserolis trilobitoides (Crustacea: Isopoda): Latitudinal variation of fecundity and embryonic devolpment. Polar Biology 7, 11-24.

[3] Eights, J. (1833). Description of a new crustaceous animal found on the shores of the South Shetland Islands. Trans. Albany Inst. 2, 53-57.

[4] C. Held, C (2003): Molecular evidence for cryptic speciation within the widespread Antarctic crustacean Ceratoserolis trilobitoides (Crustacea, Isopoda), pp. 135-139 In: A. H. L. Huiskes et al. (eds.): Antarctic biology in a global context. Backhuys Publishers. Leiden/ NL.


 
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